„Dass Eltern die Nerven verlieren, ist leider sehr schambesetzt.“ – Interview mit der Familienberaterin Daniela Albert


Über Twitter und die ganze Diskussion rund um den Film Elternschule, den Yvonne und Stef ja gesehen haben, habe ich Daniela Albert entdeckt. Aber: In Danielas Tweets schwingt für mich sehr viel Weisheit und Güte – deswegen habe ich ihr Fragen gestellt, die mir auf der Seele brennen – gerade bei den ganzen Themen, die vom Film aufgeworfen wurden.

Zum Hintergrund: Daniela Albert istEltern- und Familienberaterin und Bloggerin. Daniela berät Eltern in ihrer privaten Praxis via Skype oder vor Ort in Kaufungen bei Kassel. Und hier gibt es Antworten von Daniela:

1. Liebe Daniela, du bist selbst Mutter von drei Kindern und berätst Eltern. Magst du bitte kurz beschreiben, welche Art von Beratung du anbietest? Wer sind deine „Kunden“ (oder sagt man da eher „Patienten“)?

Liebe Bea, schön, dass ich dir über meine Arbeit berichten kann. Ich biete bindungs- und beziehungsorientierte Eltern- und Familienberatung an: https://familienberatung-albert.de/. Meine Klienten (so nenne ich sie), sind Eltern oder Elternteile, bei denen es im Zusammenleben als Familie zu Konflikten gekommen ist, die sie allein nicht lösen können. Oft sind sie mit klassischen Alltagssituationen überfordert und nicht selten kommt ein Druck von außen dazu, also das beispielsweise die Schule oder die Kita ebenfalls Schwierigkeiten sieht, was die Eltern zusätzlich stresst.

Meine Beratung unterscheidet sich von einer klassischen Erziehungsberatung, weil ich nicht verhaltenspädagogisch arbeite. Ich gebe den Eltern also keine Erziehungstipps im Sinne von „Wenn ich Kind sich so verhält, reagieren Sie bitte so…“. Vielmehr nehme ich das Verhalten des Kindes als wertvolles Signal wahr, dass etwas in der Familie in Schieflage geraten ist.

Ich ergründe mit den Eltern zusammen, welche Gefühle hinter dem Verhalten des Kindes stecken und welche nicht erfüllten Bedürfnisse sich hinter den Gefühlen verbergen.

Wenn die Eltern verstanden haben, was mit ihrem Kind los ist, finden sie ihre Wege oft von ganz allein und das ist auch mein Ziel, denn sie sind ja im Grunde die Experten für ihre Kinder und nicht ich, die nur von außen drauf schaut.

Oft reicht es aber sogar schon, einfach ein bisschen Druck aus dem System zu nehmen, indem ich die Eltern beruhige und ihnen beispielsweise sage, dass das, was sie an ihrem Kind beobachten, ganz normaler Bestandteil einer Entwicklungsphase ist und keineswegs auffällig oder falsch. Dann sind sie oft entspannter und können allein deswegen anders reagieren. Kinder wirklich zu verstehen für mich der Schlüssel zu einem guten Miteinander.

2. Du schreibst selbst bei dir im Blog von „Umgang auf Augenhöhe und um klare Führung“.  Wie kann man Eltern, die nicht gut führen, Führung lernen lassen?

Wenn Eltern die Führung in der Familie nicht übernehmen, leiden die Kinder, denn man bürdet ihnen damit eine Verantwortung auf, die sie nicht tragen können.

Mir ist es dann wichtig zu schauen, warum Eltern ihre Führungsrolle nicht übernehmen. Ich stelle oft fest, dass sie es nicht können, weil sie selbst nicht auf Augenhöhe geführt wurden, sondern eine sehr autoritäre Erziehung erlebt haben. Sie haben Angst, es bei den eigenen Kindern genauso zu machen und es fehlen ihnen die Alternativen für einen anderen Weg. Sie sind in einer Art Angststarre und das ist tatsächlich problematisch.

Ich schaue mit den Eltern dann gern, welche Glaubenssätze bei ihnen dahinterstecken und wir schauen, ob sie diese Sätze noch brauchen oder ob die vielleicht wegkönnen.

Wichtig ist, dass den Eltern bewusst wird, wie hilfreich es ist, wenn sie einen klaren Rahmen für das Familiensystem vorgeben und dass es in ihrer Verantwortung liegt, Strukturen zu schaffen, die den Kindern Halt und Sicherheit geben. Und natürlich, dass sie verstehen, dass das nichts Schlechtes ist und wo der Unterschied zu einem autoritären Führungsstil liegt.

Klarheit finde ich in diesem Zusammenhang ganz wichtig. Viele Eltern wissen gar nicht, dass sie diese auch liebevoll geben können und das ein NEIN nicht immer etwas Abwertendes beinhalten muss, sondern dass es eher darauf ankommt, dass wir das Kind zum Beispiel auch mit seinem verständlichen Frust, den unser NEIN auslöst, begleiten und annehmen.

3. Was für Ansätze hast du für Eltern, die mit den Nerven völlig durch sind? Wie hilfst du ihnen? Und wie können sie sich selbst helfen?

Dass Eltern die Nerven verlieren, ist leider sehr schambesetzt. Viele trauen sich kaum, das zu zugeben oder haben ein total schlechtes Gewissen, weil es Situationen gibt, in denen sie ihre Kinder anbrüllen oder ihnen drohen oder ähnliches.

Natürlich ist es gut, dass wir uns heute darüber bewusst sind, dass es nicht konstruktiv ist, wenn wir in der Beziehung zu unseren Kindern so auftreten. Ich finde es aber auch wichtig, dass wir ehrlich dabei sind und zugeben, dass es uns allen trotzdem mal passiert. Deshalb schreibe ich auf meinem Blog beispielsweise auch immer mal darüber, dass es mir auch so geht. („Zum Donnerwetter noch einmal!“)

Das Problem ist nämlich, dass diese Scham und das schlechte Gewissen den Druck, den die Eltern sich selbst machen, noch erhöht und die Wahrscheinlichkeit für den nächsten Ausraster dadurch viel größer wird. Als erstes versuche ich also hier, ein bisschen Druck rauszunehmen.

Und dann finde ich wichtig, dass wir uns solche Situationen hinterher anschauen. Wir können sie betrachten, wie eine Videoaufnahme, auf der wir ein bestimmtes Detail suchen. Wir suchen dann nach dem Moment, an dem es für uns gekippt ist – den Punkt, an dem wir nicht mehr anders konnten, als die Nerven zu verlieren. Meistens können wir dann bestimmte Muster erkennen und uns überlegen, wie wir das nächste Mal in einer ähnlichen Situation vorgehen wollen. Auch hier geht es dann wieder darum, Glaubenssätze zu hinterfragen (muss dieses oder jenes wirklich genau so laufen? Ist es schlimm, wenn ich 10 Minuten später zu diesem oder jenem Termin komme, usw.).

Wenn Eltern zu mir kommen, die bereits in einer Situation sind, die sie so stark belastet, dass sie dauerhaft unter Stress stehen, dann schauen wir zusammen, wie wir Spannung rausnehmen können.

Manchmal entstehen Probleme nämlich auch, weil Eltern vergessen haben, auch ihre eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und zu achten.

Dann gucken wir, wie das wieder möglich werden kann, von wo bspw. Hilfe im Alltag kommen kann, was man anders organisieren kann und was man vielleicht auch loslassen darf.

Zusätzlich können die Eltern selbst schauen, ob sie die Möglichkeit haben, irgendwas für sich zu tun, um auch die körperliche Anspannung etwas zu lockern, ob ihnen Entspannungsübungen helfen. Wichtig finde ich hier aber, dass solche Maßnahmen nicht zu Lasten des Kindes gehen, sondern unter Achtung der kindlichen Bedürfnisse stattfinden können. Dafür muss man manchmal ein bisschen kreativ werden, um die Ecke denken und wieder: Glaubenssätze loslassen. Ich finde aber, das kann total Spaß machen und manchmal kommen da am Ende total witzige und bereichernde Ideen raus.

4. Eine Detailfrage vielleicht, aber ich bräuchte Hilfe zum Verständnis: Ich habe öfters mitbekommen, dass der Begriff „Selbstregulation“ im Zusammenhang mit Babys irgendwie bei bindungsorientierten Menschen nicht gut kommt. Ist das so? Warum?

Selbstregulation ist etwas Gutes. Es ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, die unsere Kinder mit ins Leben nehmen können. Manche Babys bringen schon recht viele Kompetenzen auf diesem Gebiet mit ins Leben und können sich beispielsweise selbst ganz gut beruhigen oder sich auch auf ihre Weise aus Situationen rausziehen, die ihnen zu viel werden. Vieles, was Babys im Alltag machen und was wir vielleicht nicht so verstehen, ist eigentlich der Versuch, selbst das Nervensystem ein bisschen runterzufahren.

Was in diesem Zusammenhang aber problematisch ist, ist die Annahme, dass alle Babys immer in der Lage sind, sich selbst zu regulieren und dass man es ihnen nur zutrauen müsse.

Diese Annahme steckt oft hinter Schlaflerntrainings. Gerade in Situationen, die auf das Kind bedrohlich wirken, brauchen Babys uns Erwachsene zur Co-Regulation. Sie wissen noch nicht, dass alles in Ordnung ist, sondern müssen es spüren – zum Beispiel durch körperliche Nähe, beruhigende Worte oder andere Strategien, die ihm Schutz signalisieren.

Oft kommt dann das Gegenargument, dass diese Schlaftrainings, die auf diese Fähigkeiten des Babys setzen, ja funktionieren würden. Das stimmt. Das liegt aber zumeist nicht an daran, dass das Baby gelernt hätte, seine Selbstregulationsfähigkeit einzusetzen, sondern daran, dass es seine Not nicht mehr kommuniziert.

Und noch mal kurz was: Was hältst du vom kreativen Ablenken wie mit der „blauen Katze“?

Liebe Bea, ich finde kreatives Ablenken in der Art, wie du es beschrieben hast, nämlich nach dem wertschätzenden Anerkennen der Gefühle eine gute Idee. Wichtig hierbei finde ich, dass die Erwachsenen auch dann an der Seite des Kindes bleiben, wenn diese nicht auf die Ablenkung eingehen und dann nicht etwa losgehen und allein mit der blauen Katze spielen (ähnliche Methoden gab es tatsächlich in „Elternschule“, bei Zweijährigen, deren Mama sie in einer unbekannten Umgebung allein gelassen hatte.).

Vielen Dank, liebe Daniela, für diese Gedanken! Habt ihr noch Fragen an sie?

Und liebe Grüße an alle,

Béa

Übrigens, Daniela gehört zum ersten Jahrgang der bindungs- und beziehungsorientierten Eltern- und Familienberaterinnen nach Katia Saalfrank  – davon gibt es mittlerweile einige aktive Beraterinnen in ganz Deutschland verteilt. Wir werden euch zu diesem Netz noch Infos hier posten, wenn es eine Homepage gibt. 

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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