Rabenmuttergeständnisse und ein Kind, das sich zu dünn anziehen will – neuer Gastbeitrag von Marie Steinb und eine Frage an euch


Ihr Lieben, ich habe ein richtig schöner und spannend geschriebener Beitrag von einer Leserin: Marie Steinb. Von ihr habt ihr schon mal einen Beitrag über das „Tabu schlechtes Verhältnis zur eigenen Mutter“ sehr geschätzt…

Heute berichtet sie erstmal in ihrer unnachahmlicher Art von einem Rabenmuttererlebnis schon bereits vor einiger Zeit, als es noch bitterkalt war  – und am Ende hat sie auch eine recht konkrete Frage an euch:


ANZEIGE


Es geht um das Thema Kind und Temperaturvorlieben bei Klamotten – und ja, um das Nervenkostüm und Gewissen der Mama

Gestern war ich mit den Nerven am Ende. Nachdem die Kinder um 8 im Bett waren habe ich es nicht mal eine halbe Stunde auf dem Sofa ausgehalten bevor ich mich ins Bett verzogen und schnell die Lichter ausgemacht habe.

Gestern war ich eine richtig schlechte Mutter. Zumindest habe ich mich so gefühlt.

Mit ihren jetzt schon wahnsinnigen Fünfeinhalb sind Mausemaus und Sohnebär inzwischen auf der Zielgerade zum Schulkind und ich könnte nicht stolzer sein. Und glücklicher, denn endlich sind wir endgültig raus aus der Phase wo Pipi Kacka täglich mehrmals auf den (Wickel-)Tisch kamen. Und da angekommen, wo Sohnemann beim Waldspaziergang autark irgendeinen Baum wässern gehen kann, wenn er mal muss.

Mein persönlicher Meilenstein des bisherigen Elternlebens ist, dass ich mir nicht mehr mehrmals täglich vor die Füße pinkeln lassen muss.

Und auch geistig macht es langsam sehr viel Laune aktiv mitzuspielen. Göttergatte ist der König der Nerds und ich nicht weniger Pop- und allgemeinkulturell interessiert, und so langsam können wir unsere Passionen mit den Kindern wirklich teilen. Endlich nicht mehr nur Paw Patrol und Peppa Pig, so langsam halten auch die alten (für Kinder höchst spannenden) Gummimonster Godzilla Filme, Ghibli, Disney und Star Wars begeisterten Einzug in die Fantasie unserer kleinen Nachwuchs-Nerds.

Alle sind gesund und so munter wie man in den aktuellen Zeiten nur sein kann und ich blicke generell sehr optimistisch auf den Rest des Jahres, das uns hoffentlich erst eine Corona-Entwarnung und dann eine unbeschwerte Einschulung beschert.

Die Grundschulanmeldung wurde auch sehr souverän gemeistert, die wahrscheinlich zukünftige Schulleiterin unserer beiden gab uns die Anweisung dass wir uns „nur zurücklehnen“ bräuchten: Es wäre angesichts der Wohn- und Entwicklungslage sicher, dass wir uns nicht nochmal umschauen müssen.

Warum zweifle ich dann gerade jetzt an mir als Mutter?

Willensstarke Kinder sind Fluch und Segen zugleich. Und alle Elternratgeber da draußen wissen genau was sie tun, wenn sie der Leserschaft versichern, dass Wutanfälle Teil der natürlichen Entwicklung sind. Natürlich haben wir schon genug davon hinter uns um uns für alle weiteren gewappnet zu fühlen. Ja, so arrogant ist man halt manchmal.

Denn Gestern hat mir Mausemaus mal eben unmissverständlich klargemacht, mit wem ich es zu tun habe.

Kalter Wind fegt um die Häuser. Dennoch bestand Madmoiselle darauf, nur im dünnen Kapu in den Kindergarten zu ziehen. Der Göttergatte gab dem Kinderwillen nach um den morgendlichen Zeitplan einzuhalten. Ich brachte zum Abholen wohlweislich die rosa Softshelljacke mit, die auch Eingangs zitternd danken angenommen wurde.

Dann auf dem Spielplatz begann das Drama: Mit eiskalten Fingern und leichtem bibbern erklärte mir das hüfthohe Wunder, dass ihr die Jacke zu warm wäre.

Ich bin die Erste, die im Zweifel sagt, dann soll sie halt ein wenig frieren und dann ihren Fehler selber einsehen! Aber man kennt seine Kinder ja, und Madame Eiszwerg muss erst festfrieren und endlos jammern bevor sie Einsicht hat. Gerade jetzt kann man sich keine Rotznasen leisten, darum habe ich ihr erklärt: Die Jacke soll bitte an bleiben.

Damit ging es los. Geschrei. Geheule. Und ich meine nicht mimimi und grummel grummel, nein, aus vollem Hals, sodass alle Erwachsenen um Umkreis instinktiv nach dem Kinderschänder der da ohrenscheinlich aktiv ist Ausschau hielten!

Und wenn die Maus eins hat, dann Ausdauer. Den gesamten langen Heimweg durch den Park hielt sie sich dran. Mal mehr, mal weniger. Auf dem halben Weg wandelte sich ihr „Mir ist zu waaaaarm“ in ein bibberndes „Mir ist kaaaalt, ich will nach Hauseeee!“.

Immerhin waren wir damit uns einig, nur das Geschrei hörte nicht auf.
Weder Ablenkung noch Zusage dass wir ja nach Hause gehen, da Kekse backen und uns aufwärmen: Nichts half.

Am Ende des Parks gab es einen zweiten Spielplatz, auf dem Sohnemann eine Kindergartenfreundin erspähte. Der erneute Stop war Anlass wieder voll aufzudrehen: „Ich will nach Hause, mir ist kaaaaaaalt!“ wurde wie eine Platte mit Sprung aus vollem Hals gebrüllt.

Ich vertröste das Kind mit mühsamer Geduld, dass wir nur kurz Hallo sagen wollen…
…und auf einmal beschließt das bibbernde heulende Kind, entgegen aller Vernunft, dass sie auch spielen gehen will, aber OHNE JACKE weil ihr viel zu WARM wäre. Ich begrüße dass sie spielen gehen will, bestehe darauf, dass die Jacke anbleibt.


ANZEIGE


Was der Tropfen war der das Kinderfass wieder zum Überlaufen brachte.

Sie schrie wie am Spieß… ihr wäre zu warm, riss mit den Händen in der Tasche so an ihrer Jacke dass der geschlossene Reißverschluss von unten aufriss! Und stapfte wütend Richtung Straße davon.

Ich rief einmal, ohne Reaktion, und ging hinterher. Bevor sie den Spielplatz ganz verlassen konnte griff ich sie am Arm und hielt sie auf. Ich habe sie dann auf der Bank am Spielplatz auf meinen Schoß gesetzt, festgehalten und versucht abzuwarten bis sie aufhört zu wüten. Und sie schrie. Und schrie, und wand sich und kratzte mich um sich zu befreien.

Ich war nur noch darauf bedacht den Worst Case zu verhindern:
Dass sie auf die Straße wegrennt oder ich ihr eine klatsche,
was ich nie getan habe und auch nie tun will.

„Zu WARM zu WARM zu WARM!“ schrie sie, mit (weil Reißverschluss kaputt) offener Jacke. Alle Eltern glotzten, was sollten Sie auch sonst tun. Und ich war am Ende mit den Nerven.

Ich hob sie von meinem Schoß, zog ihr die Jacke (zugegeben, etwas ruppig) aus, stopfte diese in den Mülleimer neben der Bank und pieskte Madame mit dem Zeigefinger in die Schulter: “Jetzt besser?“, zischte ich mit so viel Gehässigkeit, dass mir jetzt noch ein wenig die Tränen kommen, „…dann geh und mach was du willst. Ich kann nicht mehr.“

Das einzige was mir an diesem Punkt einfiel war den Göttergatten auf der Arbeit anzurufen.

Da der weiß ich melde mich nur im Notfall ging er direkt ran. Neben mir heulte und schluchzte das jetzt bibbernde Kind weiter in Sirenenlautstärke, nun wieder dass ihr kalt wäre.
Nach dem Telefonat fühlte ich mich wieder gefasst genug um Sohnemann (der all den Zirkus dankenswerterweise ignorierte und mit der Kigafreundin auf der Netzschaukel war) zu bitten, dass wir heimgehen.

Die Kigamutti meinte noch: „Ich weiß, was du durchmachst.“
Und ich kämpfte mit den Tränen.

Madame saß unverändert heulend auf der Bank, inzwischen auf Abstand von besorgten fremden Eltern umringt, die anscheinend fürchteten, dass die dicke Rabenmutter ihr Kind gleich wirklich misshandelt.

Es war ein gefühlt endlos langer Heimweg. Sie bibberte und schlotterte, weinte die ganze Strecke an meiner Hand.
14 Grad sind bei Wind im Schatten halt zu kalt für ein dünnes Langarmshirt und Kapu, wer hätte es gedacht.

Ich schlotterte innerlich mit. Mindestens 100 mal dachte ich daran, ihr in irgendeinem Laden eine neue Jacke zu kaufen, sie in meine Fleece Jacke zu wickeln oder sonst was. Aber ich hatte das Gefühl, jetzt müsste ich das durchziehen, egal wie leid mir alles tat. Und das hab ich auch.

Zuhause wurde Madame von mir ins warme Bett gepackt und Sohnemann durfte sich im Wohnzimmer vors Tablet setzten. Die Maus bekam Screentime-Verbot für den Rest des Tages, was der Punkt war an dem sie anfing sich zu entschuldigen, sie wollte das doch nicht, und das wäre unfair.

Ich habe die folgende Stunde mit ihr verbracht, mit ihr gesprochen, dass das alles Kacke für uns beide war. Wir haben uns beide entschuldigt. Sie erstmal, nur weil sie hoffte mich wegen dem Tablet milde zu stimmen, ich mich weil ich es als Mama besser wissen müsste.

Heute stand wieder erwarten kein Fahndungsfoto von der unbekannten dicken Kinderquälerin in der Zeitung.

Und vor allem Mausi scheint von alledem unbeeindruckt. Ich hoffe nur das jetzt bis zur Pubertät Ruhe ist.
Man wird ja noch träumen dürfen…

Eure #mariemama

Und jetzt kommt die konkrete Frage an die Community
– weil eben, der Wunsch aus dem Herbst natürlich nicht eintraf:

Also, meine Tochter ist 6 und anziehen ist mit ihr immer ein Drama. Wir hatten schon so viele Eskalationen deswegen.

Was sie anzieht ist mit optisch wirklich egal, sie soll sich ausdrücken wie sie möchte. Aber sie zieht sich immer mindestens drei Nummern zu kalt an.  Seit drei Tagen hat sie wieder eine Rotznase und Dienstag dürfen wir langersehnt in denn Urlaub. Wenn wir denn dürfen, denn das ist ja mit Schnupfen und co derzeit dank Corona eher schwierig. Aber wenn wir 14 grad und nebeliges Wetter haben dann darf sie nicht mit kurzer Radlerhose, T-shirt und Sandalen raus. Und sie weigert sich für den Ausflug etwas anderes and beschriebene viel zu kurze Klamotten. Sitzt weinend im Flur und wir stehen wieder da: Papa, Mama und Sohn fertig, nur Madame heult und heult.

Wir werden immer stinkiger, sie wird immer trotziger. Sachen vorher rauslegen hilft nicht da sie sich dann in unbeobachteten Momenten was anderes anzieht.  Ihr erklären, dass es einen Sinn hat weil sie sonst krank wird hilft nicht!

Sie auf den Balkon stellen damit sie die Temperatur fühlt hilft nicht: aus Trotz bibbert sie eher als dass sie nachgibt.

Ich habe ihr schon so oft gesagt dass es mich genauso stresst wie sie, dass dieser Kampf doch doof für alle ist. Aber sie kann und will nicht sagen, was der Grund ist, dass sie eine Knöchellange Leggins so partout nicht tragen will!

Letztlich glaube ich dass es nur Trotz und Machtkampf sind. Und ich weiß beim besten Willen nicht was ich tun soll. Verständnis, Logig, ablenken oder Konsequenz: Nichts hilft…

Wer hat Erfahrungen?

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

DAS KÖNNTE DIR AUCH GEFALLEN

Des Planeten neue Kleider – bei Klamotten ist weniger wirklich mehr!
24. Aug 2021
Willensstarke Kinder, was sie brauchen und wie ihre Eltern sie nicht nur lieben sondern auch mögen können
17. Aug 2021
Zu Béas „Wutanfall im Supermarkt“ – mögliche Bedürfnisse und Gefühle dahinter verstehen
01. May 2021
Wutanfall im Supermarkt – lässt sich das vermeiden?
24. Apr 2021
Das schlechte Gewissen loswerden indem wir es willkommen heißen?
29. Aug 2020
Was tut wütenden Kindern eigentlich gut und warum „Sei still“ keine gute Idee ist
07. Mar 2020
Welchen Wolf füttere ich gerade? – eine Achtsamkeits-Geschichte, nicht nur für unsere Kinder
24. Feb 2020
Gefühlausbruch? Welches unerfüllte Bedürfnis kann dahinter stecken?
27. Aug 2019
Schlechtes Gewissen? Ich pfeif auf dich! Selbstvorwürfe sollten niemandes Nerven rauben
21. Aug 2019

DAS KÖNNTE DICH AUCH INTERESSIEREN

Werbung

3 Kommentare

Kathrin
Antworten 7. Juni 2021

Das Problem mit dem Klamotten Drama kenne ich leider zu gut, hier ist Madame fast sieben Jahre alt und probt bei jedem Jahreszeitenwechsel einen riesen Aufstand. Dann endlich in der Jahreszeit angekommen, trägt sie nur zwei Outfits im Wechsel, wenn beide aus Versehen gleichzeitig in der Wäsche sind, geht der Weltuntergang richtig los. Einen richtig tollen Tip kann ich leider nicht geben nur, dass bei uns eine sehr große Verbesserung zeitgleich mit der Einschulung eingetreten ist und die Abstände zwischen den Heulanfällen wegen den Klamotten deutlich größer geworden sind. Alles Liebe für euch!

Carmen
Antworten 8. Juni 2021

Hallo.
Und erstmal ich kann mitfühlen, meine Große ist nicht anders, im tiefstem Winter mit Leggings und Jeansjäckchen raus. Ich gebe inzwischen tatsächlich nach, sie soll tragen was sie gern möchte, für den Notfall und wenn ich dabei bin packe ich warme Kleidung ein, die dann auch dankbar angenommen wird wenn es sie doch mal friert. Oft friert sie aber wirklich nicht, da sie ständig flitzt und in Bewegung ist. Ich habe auch festgestellt, das es so wirklich am besten ist, selbst im Februar barfuß im Fluss hat keine Erkältung hervorgebracht.

Michaela Steidl
Antworten 8. Juni 2021

Oh Mann ... ich kann mich sooo lebhaft in diese Situation versetzen.

Wenn es Dich tröstet: Mein Junior ist jetzt 14 - und über Klamotten streiten wir nicht mehr. Es wird besser, es dauert nur 😂

Allerdings hab ich sehr früh beschlossen: Wenn mein Sohn etwas nicht anziehen mag - dann lass ich ihn. T-Shirt bei 8 Grad Außentemperatur? Okay.

Gefütterte Jacke bei 18 Grad Plus? Von mir aus.

Handschuhe im Winter braucht es nicht? Akzeptiert ...

Ich hab dann ohne viel Aufhebens einfach noch eine Jacke oder einen Pulli mit eingepackt, um ihn aushändigen zu können, wenn das Kind danach fragt.

Der Junior wurde erstaunlich selten krank auch wenn er in meinen Augen oft zu dünn angezogen war. Und da es keine Kämpfe um "Du musst aber ..." gab, war es für ihn dann vielleicht auch einfacher, zu fragen ob ich vielleicht doch eine Jacke dabei habe.

Jetzt, wo er in einem Alter ist, wo man nicht mehr grundsätzlich davon ausgeht, dass Kinder nicht wissen, was gut für sie ist merke ich immer deutlicher, dass sein Temperaturempfinden tatsächlich komplett anders ist als meines. Ihm ist viel früher viel zu warm und er friert erst sehr spät.

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit einem Stern (*) markiert.