Barfußlaufen – und was das mit der Entwicklung des Gehirns zu tun hat


Seid ihr auch schon mal einem dieser etwas seltsam anmutenden Barfußläufer begegnet, die im Sommer nie Schuhe tragen und im Winter höchstens ein paar leichte Sandalen? Wie ist das in eurer Familie? Lauft ihr aus Überzeugung barfuß? Oder achtet ihr darauf, dass die Füße stets mit dem passenden Schuhwerk geschützt werden? Sowohl draußen als auch im Haus?

Bei uns laufen alle barfuß. Nur ich habe irgendwann damit aufgehört.

Warum, weiß ich gar nicht mehr. Meinen Kindern habe ich erst Schuhe angezogen, als sie anfingen, auf ihren eigenen Füßen auf der Straße zu laufen. Und nur dort. Auch heute noch reißt sich jedes meiner Kinder befreiend Schuhe und Socken von den Füßen, sobald es das Haus betritt.

Bei meinem Jüngsten wurde seine Abneigung gegen Schuhe sogar zum Diskussionsthema im Kindergarten. Nie behielt er seine Wechselschuhe an. Stattdessen verschwanden sie immer in irgendwelchen Spielzeugkisten. Irgendwann durfte er dann ganz offiziell Sockfuß durch die Kita laufen.

Aber was ist denn nun eigentlich besser für unsere Füße?

Barfußlaufen ist unhygienisch. Ständig klebt einem der Dreck unter den Füßen. Ja, das tut er. Unter unseren Schuhen klebt er aber genauso. Und unsere Schuhe machen wir sehr viel seltener sauber als unsere Füße. Wir tragen mit unseren Schuhen also viel mehr Dreck in die eigenen vier Wände als mit unseren Füßen.

Wir könnten uns mit dem Dreck an unseren Füßen Keime einfangen und krank werden.

Aber so oft stecken wir unsere Füße ja nicht in den Mund. Und mit unseren Händen fassen wir auch ständig und überall keimbelastete Gegenstände an und wischen uns anschließend, ohne darüber nachzudenken, übers Gesicht oder reiben uns auch mal die Augen. Mit den Händen verteilen wir Keime also viel effektiver als mit den Füßen. Stecken wir unsere Hände deswegen den ganzen Tag in Handschuhe? Nein, das tun wir eher nicht.

Aber Schuhe schützen und stützen unsere Füße – und Barfußlaufen fördert die Entwicklung des Körperbewusstseins.

Eigentlich sind unsere Füße von Haus aus selbst sehr gut ausgestattet, damit ihnen nichts passiert. Nämlich mit mehr als 200.000 Nervenenden unter den Fußsohlen – so vielen wie in keinem anderen Körperteil. Unsere Füße brauchen sie, um alle möglichen Informationen an unser Gehirn senden können. Zwei sensorische Systeme werden dabei besonders angeregt.

Sie nennen sich das „propriozeptive System“ und das „vestibuläre System“. Zwei Begriffe, mit denen die meisten von uns wahrscheinlich gar nichts anfangen können.

Propriozeption ist die Tiefensensibilität. Sie macht es uns möglich, ständig unsere Lage im Raum neu zu erfassen und Bewegungen mit genau dem richtigen Krafteinsatz und in der richtigen Geschwindigkeit auszuführen.

Die vestibuläre Wahrnehmung sorgt dafür, dass wir bei unseren Bewegungen durch den Raum unser Gleichgewicht nicht verlieren, egal ob wir schnell oder langsam laufen, springen, schaukeln oder uns drehen.

Die Entwicklung dieser beiden Systeme ist aber stark von sensorischem Input abhängig, also dem Angebot von äußeren und inneren Reizen.

Dabei spielt das Barfußlaufen eine ganz besondere Rolle.

Dr. Kacie Flegal, praktizierende Chiropraktikerin in Ashland, Oregon, USA, schrieb über die optimale Entwicklung des Gehirns und des Nervensystems bei Säuglingen und Kleinkindern. In einem Interview gegenüber der Washington Post sprach sie darüber, warum das Barfußlaufen einem kleinen Kind enorm zugutekomme.

Sie empfiehlt, unsere Kinder so oft wie möglich auf einer Vielzahl von natürlichen Oberflächen wie Gras, Schmutz, Sand oder nassen Blättern barfuß laufen zu lassen.

„Damit bieten wir ihnen eine großartige Plattform für die Entwicklung höherer Hirnzentren, die für emotionale Kontrolle, Problemlösung, Sprache, soziale Fähigkeiten und Selbstsicherheit verantwortlich sind“, so Flegal.

Und Barfußlaufen schult außerdem unsere Aufmerksamkeit und Konzentration.

Wir lernen, unsere Gedanken zu fokussieren und unsere Schritte mit Bedacht zu setzen. Das bewahrt uns davor auszurutschen, uns zu schneiden oder auf eine unschuldige Nacktschnecke zu treten. Und wenn man doch mal auf einen spitzen Gegenstand tritt, dann ist das für einen geübten Fuß gar nicht so schlimm, denn die Haut unter den Füßen wird fester und unempfindlicher.

Barfuß kann man sich außerdem viel besser beim Klettern festhalten oder beim Balancieren das Gleichgewicht halten. Das kräftigt und schult unsere Muskulatur, die unsere Gelenke vor Verletzungen schützt.

Barfußlaufen ist vor allem für die Sinne ein Fest.

Könnt ihr euch noch daran erinnern, wie sich das Laufen auf feuchtem Gras, spitzen Steinen oder rauem Holz anfühlt? Na, wenigstens den Strandsand zwischen den Zehen kennen noch die meisten von uns, oder?

Liebe Grüße

Eure Doro

P.S. von Béa: Doro lebt auf dem Land und schreibt von feuchtem Gras, Steinen und Holz, Lehmboden, nassen Blättern, Kies… Bei uns in Prenzlberg gibt’s auf der asphaltierten Straßen ganz schön viel Scherben, Hundehaufen, und gelegentlich auch mal Dinge, bei denen wir uns gar nicht klar machen wollen, was sie genau waren, als sie noch funktionsfähig waren. Barfuß auf den Straßen von Großstädten kann ich nicht empfehlen. 

Doro
About me

Vom Stadtkind zur Landmama. Heimwerkerin und Basteltante, Bücherratte und Bilderdenkerin. Gnadenloser Optimist. Nachteule und Langschläfer. Immer neue Flausen im Kopf. Single-Mom in einem 4-Kinder-Haus und Vollzeit im Beruf. Büroflüchtling, wann immer ich kann. Verliebt in den Himmel und die Magie von Büchern ... Und irgendwann schreibe ich selbst ein Buch.

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