Zugehörigkeit zu mehreren Nationen: Was ist meine Identität? Gedanken von Mounia


Es gibt etliche Gründe, warum Menschen in den einen Land geboren werden und später in ein anderes ziehen. Es kann die Arbeit, sein, die Lust nach etwas neuem, oder aber auch die Flucht. Wir wollen euch in diesem Beitrag ein wenig über die Identitätslosigkeit bei bilingualen Menschen und die Zugehörigkeit zu mehreren Nationen erläutern.

Sicher habt ihr von der „Özil Diskussion“ gehört. Er hat aus der Türkei stammende Eltern, aber wurde in Gelsenkirchen geboren. „Wir haben aufgrund unserer türkischen Wurzeln noch einen sehr starken Bezug zur Türkei.“, so ein Zitat von ihm. Wir wollen hiermit gar nicht ins Politische gehen, denn uns geht es mehr darum, wie die Menschen hier das bewerten, wenn ihre Mitbürger sich zu mehreren Nationalitäten zugehörig fühlen.

Nicht selten geschieht es, dass jene Menschen sich in jenem Land ansiedeln und eine Familie gründen. Ich (Mounia) bin ein Teil jener Generation. Ich wurde von wunderbaren Eltern aufgezogen, die aus einem anderen Land stammen und mir ihre Kultur beibrachten. Gleichzeitig wurde ich  im Kindergarten, in der Schule und in meinem sozialen Leben mit der deutschen konfrontiert. Die Frage nach der nationalen Zugehörigkeit erscheint mir im ersten Moment nicht ganz einleuchtend. Insbesondere, wenn man ganz und gar nicht deutsch aussieht.

Wisst ihr, was ich bis jetzt von JEDEM Menschen gefragt wurde, mit dem ich mich länger als fünf Minuten unterhalten habe?

„Woher kommst du?“. Lautet die Antwort „aus Berlin“, dann halten sie mich entweder für arrogant oder denken, dass ich die Frage nicht verstanden habe. Sie haken nach, weil sie wissen, dass ich rein optisch keine europäischen Wurzeln haben kann. Ich weiß, dass dass sie es nicht böse meinen, sondern aus Interesse fragen,  aber was soll ich nun antworten, wenn „aus Berlin“ nicht akzeptiert wird? Schließlich steht auf meinem Pass, dass meine Nationalität deutsch ist.

Bin ich nun Deutsch? Oder Marokkanisch? Oder Singhalesisch?

Ich werde oft gefragt, als was ich mich denn nun identifiziere. Bin ich deutsch, weil ich hier lebe, studiere und arbeite? Bin ich marokkanisch, weil ich ich die Sprache fließend beherrsche und mich inmitten der kulturellen Einflüsse sehr geborgen fühle? Oder bin ich singhalesisch, weil ich mit meiner dunklen Haut und meinen schwarzen langen Haaren eher so aussehe? Liegt das Hauptproblem im Auge des Betrachters?

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Bewirkt keine richtige Zugehörigkeit eine Identitätslosigkeit?

Über den Identitätsbegriff lässt sich natürlich streiten, aber nicht selten identifizieren sich Menschen mit ihrer Herkunft. Bei bilingualen Menschen ist das aber so eine Sache, weil sie zwar eine Zugehörigkeit zu mehreren Nationen, aber keine vollständige haben. Fahren sie in den Urlaub zu Verwandten, werden sie nicht wie Einheimische angesehen. Leben sie in Deutschland, sehen aber anders aus, oder sprechen in einem anderen Akzent, denn werden sie nicht als rein „deutsch“ angesehen.

Identitätslosigkeit greift auf die menschliche Psyche.

Ich kenne leider sehr viele bilinguale Menschen, die in einem Teufelskreis aus Vorurteilen stecken, der von beiden Seiten kommt. Nehme ich mich als Beispiel, dann muss ich mir von Verwandten anhören, wie kurz doch meine Röcke sind und ob ich mich etwa für Deutsch halte. Sitze ich allerdings in der Bahn und unterhalte mich mit meiner Schwester angeregt auf arabisch, dann höre ich oft den Spruch, dass wir nicht integriert seien. Diese fehlende Zugehörigkeit, dieses Bodenlose – es verwirrt total. Identität bezeichnet die Einheit einer Person. Was für psychische Auswirkungen das haben könnte (Identitätslosigkeit, Depressionen,…) muss ich nicht weiter erklären.

Warum muss man alles Labeln?

Das Etikettieren von Geschlecht, Nation, Religion, sexueller Zugehörigkeit oder gesellschaftlicher Vorlieben ist ein Phänomen, das nach wie vor präsent ist. Überall muss etwas gruppiert werden. Überall muss eine eindeutige Entscheidung getroffen werden. Was aber wenn wir die Fragen einfach über Bord werfen und akzeptieren, dass es vielleicht mehrere Antworten gibt? Für mich ist das Labeln das Hauptaugenmerk. Gibt es diese Einteilung nicht, dann gibt es auch kein Problem fehlender Unzugehörigkeit.

Mein Tipp: Tragt alle Nationen in euch.

Ich habe für mich beschlossen, dass ich mich nicht entschieden will. Ich will nicht krampfhaft die eine Nation einsaugen und die andere niedermachen. Alle drei sind ein Teil von mir, einige mehr, andere weniger. Natürlich dominiert die deutsche Nation um einiges, weil ich hier 99 Prozent meines Lebens verbracht habe. Aber nur weil etwas dominiert, heißt es nicht, dass das andere ausgeschlossen werden muss. Ich identifiziere mich nicht nach einer Nation, sondern nach den Qualitäten, die verschiedenen Nationen aus mir gemacht haben. Und das bin ich.

Meine Antwort ändere ich trotzdem nicht. Wenn die Menschen wissen wollen, woher meine Eltern kommen, dann müssen sie die Frage anders formulieren 😉

Wie seht ihr das? Wie würdet ihr am besten fragen?

Übrigens, Béa hat inzwischen auch ihren Teil zum Thema Zugehörigkeit zu mehreren Nationen und ihre Identität gebloggt.

Liebe Grüße,

Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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4 Kommentare

Fitz
Antworten 26. Dezember 2018

Hallo, ich habe gerade deinen bloq: ”Zugehörigkeit zu mehreren Nationen: Was ist meine Identität? Gedanken von Mounia" gelesen. Ich finde nationalbewusstsein ist ein sehr schönes und wichtiges Wort. Ich kann deine Gedanken verstehen, weil es eine schöne Vorstellung ist wenn alle Menschen sich gleich fühlen und nur wenn man zusammenarbeitet kommt man schnell voran. Diese Gedanken lassen mich auch gut fühlen. Ich bin jedoch der Meinung das wenn überall alle möglichen Menschen sind mit ihren Traditionen, Gebräuchen, baukünsten etc. Dann wäre es doch überall gleich und warum sollte man denn beispielsweise noch in ein anderes Land Reisen wollen.?? Wo bleibt die Neugier, Interesse und gespannt sein? Wie denkst du darüber, würde mich sehr interessieren.

Julia Schöneberger
Antworten 1. November 2019

Ich bin selbst langweilig, meine Familie lebt seit gefühlt 1000 Jahren am selben Ort, nur einige neugierige, abenteuerlustige Verwandte hat es in die Ferne gezogen. Aber ich habe das Glück, dass ich in einem Grenzland lebe, im Saarland. Und hier hört man wunderschöne Dinge. Viele ältere "Grenzfranzosen" wechseln mitten im Satz von Französisch ins Deutsche und wieder zurück, ohne dass das jemand seltsam findet. Den jüngeren fehlen da leider oft die Sprachkenntnisse. Und während ich das neulich auf einem Spaziergang durch unseren "Deutsch-französischen Garten" (ein Park mit Eingängen in beiden Ländern) bedauerte, liefen wir an einer Gruppe junger Menschen mit Kindern vorbei. Und die wechselten mitten im Satz von türkisch nach deutsch. Das macht mich froh. Es ist etwas besonderes, in zwei Kulturen zu hause zu sein (jaaaa, ich sehe auch die Probleme!!!!), es schenkt mir Hoffnung auf eine "Weltnationalität".
Meine Kinder spielen in ihrem Baumhaus in Frankreich (unser Garten sitzt mitten auf der Grenze, mit ihren Freunden, deren Eltern aus 4 verschiedenen Ländern kommen. Und mir wird es warm ums Herz, weil das für mich Hoffnung auf eine Zukunft mit weniger Grenzen macht - auf den Landkarten und in den Köpfen.

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