Hört auf, die Kinder zu fragen „Was willst du werden, wenn du groß bist?“


Habt ihr schon gemerkt, dass immer mehr junge Menschen mit den Augen rollen, wenn ihr sie nach ihren Berufswünschen fragt?

Das hat einen Grund:

Nichts wird so bleiben wie es ist!

Wenn wir unsere heutigen Grundschüler fragen, was sie werden wollen, wäre ihre informiert korrekte Antwort: „Etwas, was es heute noch nicht gibt.“

2011 hat Cathy N. Davidson – Professorin an der Duke University – herausgefunden, dass 65 % aller Grundschüler in Jobs arbeiten werden, die noch nicht erfunden sind. Ich habe mal für BCG bei einer Eventreihe in Wien mitgewirkt zum Thema „Zukunft: Jetzt!“. Da war allen Gästen klar, dass die Digitalisierung gewaltige Änderungen mit sich bringen wird. Die Angst, dass es weniger Jobs geben wird, ist eigentlich unbegründet. BCG hat ausgerechnet, dass in nahezu jeder Industrie mehr Jobs zur Verfügung stehen werden, als heute. Aber: Es werden qualifizierte Jobs sein und es werden Jobs sein für Menschen, die gelernt haben, sich auf Neues einzustellen, Änderungen mitzumachen, und sich neue Fähigkeiten anzueignen… Okay…

Bevor es zu theoretisch wird, jetzt kurz mal was Persönliches:

Die Berufswünsche meiner Tochter haben sich seit sie drei Jahre alt war wie folgt geändert: Mama, Müllmann (sie war nicht davon zu überzeugen, dass es eine weibliche Form gibt), Prinzessin, Ärztin, Zoodirektor (gleich wie Müllmann, fragt mich nicht warum), „irgendwas mit Zeichnen“, „irgendwas mit Malen“, Walt Disney Animator, Hoteldirektorin, Geschichtenerfinderin, Anwältin, Physikerin. Je älter sie wurde, hat sie sich mit der Frage: „Was willst du werden, wenn du groß bist?“ eigentlich immer ein wenig schwer getan. Sie kam ins Grübeln.

Das ging so bis ca. 15. Dann hat sie eine Phase gehabt, in der sie geantwortet hat: „Ich weiß noch nicht, aber ich werde es wissen, wenn ich mein Abitur in der Hand halte.“ Und sie hat erklärt, dass sie sich gerade schlau macht, was eine Zukunft hat.

Okay, bitte jetzt nicht lachen, wenn ich euch verrate: Meine Tochter Carina ist gerade seit einigen Tagen fertig und Master der Architektur. Sie ist ihrem Herzen, ihren Interessen und Fähigkeit gefolgt, und nicht irgendwelchen Prognosen, und ich habe sie immer dazu ermuntert. Das habe ich getan, wohl auch die Zukunft antizipierend. Ich habe sie mir nicht mal richtig vorgestellt, wie sie Häuser plant und baut. Sie hat noch volle Freiheit. Ich bin überzeugt, dass man nicht das werden muss, was man studiert und lernt – sondern dass man lieber studiert und lernt um das Denken und Machen zu lernen. Denn nur so kann man für die Zukunft gewappnet sein.

Berufswahl für Kinder sollte zu einer Wahl einer Berufung werden – und einer Entscheidung für das so viel besungene lebenslanger Lernen!

 

Daher habe ich für euch hier vier praktische Tipps für Eltern, wie sie ihre Kinder am besten fördern, wenn es um ihre Zukunft geht:

1. Lasst sie neugierig sein

Kinder sind neugierig, stellen Fragen, experimentieren mit allem Möglichen. Lasst sie sein! Ermuntert sie! Gebt ihnen nicht den Eindruck, dass es zu peinliche Fragen gibt, wenn sie sich danach erkundigen, warum der neue Nachbar keine Kinder hat oder warum die Frau an der Kasse so Glitzerdings auf den Fingernägeln hat. Lächelt wohlwollend und lasst die anderen Erwachsenen damit klarkommen. Lasst sie in der Küche und beim Essen Dinge pantschen und mantschen – auch wenn sie diese nicht aufessen. Lasst sie Regeln in Frage stellen.

2. Fördert ihr Selbstbewusstsein auf gesunde Art

Ihr müsst euere Kinder nicht über den grünen Klee loben. Es ist aber wichtig, dass sie Anerkennung bekommen, und zwar nicht nur für Leistungen, sondern vor allem für Mühe und Interesse. Gerade wenn sie sich Neues aneignen, werden sie nicht perfekt sein. Sie sägen Geigen, tapsen wild auf Tanzbühnen, stolpern über Ballettschühchen und verzuckern die ersten selbst gebackenen Muffins. Aber gerade dann brauchen sie Anerkennung und Ermunterung, weiter zu machen! In Großbritannien gibt es in den staatlichen Schulen nicht nur die normalen Noten, sondern auch die sogenannten „effort grades“ – Noten für den Ausmaß der Mühe, den man sich für ein Fach gegeben hat. Ich hätte das gern auch in allen unseren Schulen. Ihr könnt aber euere Kinder fürs Versuchen belohnen.

4. Gebt ihnen Zugang zu einer anderen Sprache – möglichst früh

Es geht nicht nur darum, eine Sprache sprechen zu können. Es geht darum, was es mit den Gehirnzellen anstellt: Mehrsprachige Menschen können schneller denken, entwickeln Empathie für mehrere Kulturkreise, nehmen ihre Umgebung aktiver wahr und reagieren darauf – und sind schließlich flexibler mit allen Optionen im Leben – so die Erkenntnisse aus vielen Studien, von der N.Y. Times zusammengefasst.
Es muss nicht immer eine teuere Privat KiTa oder Schule sein – vielleicht habt ihr anders sprachige Freunde oder Nachbarn und ihr könnt euch etwas gegenseitig beibringen. Und noch was: Sobald euere Kinder Englisch in der Schule haben, empfehle ich euch einen großzügigen Unterhaltungsprogramm – auf Englisch, zum Beispiel mit Zeichentrickserien bei Netflix. Schaltet einfach die Sprache um.  (nein, das ist kein gesponserter Post, es ist einfach mein Liebingsstreamer)

5. Spinnt über die Zukunft nach

Zu oft denken wir über die Zukunft als wäre es eine Verlängerung von heute. Aber das wird sie sicher gar nicht sein. Gerade, wenn es um Berufe geht, sind wir es, die den Kindern die übliche Arzt-Lokführer-Ingenieur- Auswahl bieten. Warum nicht auch Berufe erfinden – oder nach schrägen bereits wenig existenten Berufen suchen? Big-Data-Ingenieur? Privatspärenschützer? Hologram-Künstler? So etwas halt.

Geht zusammen den Weg, den Einstein mit seinem berühmten Zitat vorgezeichnet hat:

„Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“

Eure Kinder gedenken es nicht nur, sie werden ganz sicher darin leben.

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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3 Kommentare

Vivi
Antworten 4. November 2015

Du hast - wie so oft - völlig recht mit dem, was du schreibst. ich als Pädagogin fände efford notes großartig. Schade, dass Deutschland da nicht vorne mit dabei ist... Habe das Gefühl, hier wird sich eher schwer getan mit innovativen Ideen rund um den Schulalltag... Meine Tochter möchte Quallenforscherin oder Meeresbiologin werden. Ich habe sie von Anfang an darin bestärkt und staune heute, wie gut sie sich mit ihren gerade 6 Jahren auskennt: von exotischen Quallenarten kann sie ganze Vorträge halten! Sie schaut sich mit Vorliebe Dokumentationsfilme an, wenn sie irgendetwas mit "Unterwasser" zu tun haben und saugt alles Wissen auf wie ein Schwamm... Ich bin gespannt, wo die Reise hingeht! Ich selber wollte bis zur 11.Klasse Medizin studieren, habe mich dann letztendlich doch für die Musik entschieden, weil meine Eltern mich darin bestärkt haben, zu machen, was ich liebe und was mir wirklich wichtig ist. So wertvoll, ich bin Ihnen auf Ewig dankbar dafür, denn ich durfte das verwirklichen, was ich mir immer gewünscht habe: ich konnte mein Hobby zum Beruf machen. Was kann es Schöneres geben? Liebe Grüße nach Kerala, lasst es euch gut gehen!

    beabeste
    Antworten 5. November 2015

    Lieben Dank für dieses schöne Kommentar! Und ganz liebe Grüße auch an die Quallenforscherin...

Oliver Nurek
Antworten 22. Juni 2017

Als Kind fand ich Eisenbahnen immer toll und konnte mir gut vorstellen, Züge zu warten oder sogar zu bauen. So unwahrscheinlich es auch ist, Kinderträume wahr werden zu lassen: Ich habe es geschafft! Seit nunmehr 5 Jahren bin ich als Ingenieur bei einem Bahnunternehmen und kann nur davon schwärmen. Traut euch an euren Träumen festzuhalten, bei mir hat es auch gelohnt! LG Oliver

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