Bitte bestraft eure Kinder niemals mit Liebesentzug (Gastbeitrag)


Wir möchten das Wort heute einer Leserin geben, die mit einem sehr wichtigen Thema an uns wendet und darum bittet, Kinder niemals mit Liebesentzug zu bestrafen.

Eltern sind nie perfekt.

Die meisten bemühen sich, alles richtig zu machen, bis ihnen klar wird, dass sie es gar nicht richtig machen können. Meine Eltern haben immer ihr Bestes gegeben. Ich weiß das und bin ihnen dankbar dafür. Das bedeutet aber nicht, dass ich alles in ihrer Erziehung gutheiße. Was Konsequenzen angeht, hatte ein Elternteil eine bestimmte Form der Bestrafung. Ich möchte jedoch nicht erwähnen, welches Elternteil es war, weil es im Grunde keine Rolle spielt und kein Klischeebild verursachen möchte. Wir bleiben bei: Es.


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Liebesentzug

Wann immer ich etwas tat, was meinem Elternteil nicht passte, zog es sich zurück und sprach nicht mehr mit mir. Es war eine ganz grausame Form des Ignorierens, denn ich fühlte mich nicht gesehen und unsichtbar. Wollte ich einen Umarmung, verweigerte es sie mir. Wollte ich reden, blockierte mein Elternteil mich ab. Es ging so weit, dass ich heulte, flehte und bettelte – alles nur, damit ich wieder geliebt wurde. Doch nichts geschah. Mein Elternteil bestrafte mich mit Liebesentzug, so lange, bis es sich dazu entschloss, damit aufzuhören.

Manchmal ging es nur ein paar Stunden lang so, manchmal sogar Tage oder Wochen. Es kam darauf an, was ich angestellt hatte. Im Nachhinein kommt es mir selbst so absurd vor, dass es Momente gab, in denen mein Elternteil wochenlang nicht mit mir gesprochen hatte und wir wie in einer Zweck-Wg miteinander lebten, ohne gemeinsam zu leben. Kein gemeinsames Essen, kein gemeinsames Reden, einfach nichts. Ich wurde von vorn bis hinten ignoriert und jeder Versöhnungsversuch wurde mir verweigert.

Natürlich hören Eltern nicht auf, ihre Kinder zu lieben. Aber für mich fühlte es sich trotzdem so an.

Als Kind konnte ich nicht einschätzen, warum meine Eltern was taten. Ich hinterfragte ihre Beweggründe auch nicht, weil sie in meinen Augen immer recht hatten. Ich suchte die Schuld  bei mir und hinterfragte es gar nicht erst, dass diese Form der Bestrafung bedenklich war. Manchmal war ich sogar so masochistisch, mein Elternteil direkt zu fragen, ob es mich lieb hatte. Bei der Antwort „Nein“ oder „Jetzt gerade nicht“ wollte ich am liebsten zusammenbrechen. Im Nachhinein weiß ich, dass ein solcher Spruch sehr schnell über die Lippen kommt, egal, wie er gemeint ist. Eltern sind auch nur Menschen und manchmal wollen sie Dampf ablassen. Ich glaube aber, dass es hierbei auf die Frequenz ankommt. Passiert das IMMER, manifestiert sich beim Kind irgendwann der Glaubenssatz „Ich bin nicht liebenswert“ oder „Ich werde nicht geliebt“.

Heute kann ich mit meinen Eltern etwas besser umgehen.

Sie haben sich zwar nicht groß geändert, wissen aber, dass diese Nummer nicht mehr bei mir zieht, weil ich keinem mehr hinterherrenne. Zieht sich jemand also zurück, lasse ich es geschehen und warte, bis alle sich wieder beruhigt haben. Leider habe ich mit den Jahren nur eine unangenehme Erkenntnis gemacht:

Liebesentzug färbt ab.

Obwohl ich Liebesentzug als Form der Bestrafung ganz furchtbar finde, habe ich sie im Elternhaus dennoch so sehr verinnerlicht, dass ich mich manchmal selbst in der Täterrolle wiederfinde. Mein Partner warf mir neulich vor, dass ich mich, wenn ich sauer bin, völlig zurückziehe und nicht mehr mit ihm rede, egal, wie sehr er es versucht. Ich verweigere körperliche Nähe und kann mich nicht einmal dazu abringen, seine Hand zu halten. Auch beim Antworten von Nachrichten lasse ich mir Zeit und zögere überhaupt jeden Kontakt hinaus. Erst nach diesem Gespräch wurde mir klar, dass ich genau das tue, das mein Elternteil stets tat: einem Menschen, den ich liebe als Bestrafung Liebe zu entziehen.

Kinder gucken sich viel von den Eltern ab und ich habe mir wohl auch dies, obwohl ich nie wollte, zu Eigen gemacht.

Ich selbst habe noch keine Kinder, aber ich will diese Form der Konsequenz dringend ablegen, weil ich weiß welch verheerende Folgen es für die kindliche Psyche haben kann. Liebesentzug ist eine emotionale Gewalttat und auch, wenn man die psychischen Wunden nach außen nicht sieht, sind sie trotzdem da.

Mein Appell also an alle: Bestraft eure Kinder nicht mit Liebesentzug.

Wenn ihr einen Moment für euch braucht, kommuniziert das und teilt dem Kind mit, dass ihr jetzt erst mal allein sein wollt. Auf diese Weise weiß das Kind, was Sache ist, und wird trotzdem geliebt.

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Jetzt von mir, Béa: Vielen Dank an unsere Gastbeitragende für diese Gedanken und Erfahrungen!


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Bei Instagram habe ich etwas gesehen, was hier enorm gut passt – weil ich in der Tat diese Art der Bestrafung auch als „abuse“ ansehe.

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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