„Damals, als du …“ – Was bringen einem Vorwürfe für längst vergangene Dinge?


Miteinander reden ist immer wichtig, aber wann verjährt eigentlich die Frist dazu? Wie sinnvoll ist es, sein Gegenüber mit längst vergangenen Dingen zu konfrontieren? Und was bringen einem diese Vorwürfe letztendlich?

Stellt euch vor, ihr sitzt gemütlich beim Kaffeekränzchen, unterhaltet euch über dies und das und plötzlich kommt das:


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„Weißt du noch, damals als du …“

… mir gesagt hast, dass ich eine große Nase habe? Ich merke, dass mir das noch nach Jahren sehr zu schaffen macht.

… als du den Urlaub in letzter Minute abgesagt hast? Ich weiß noch, wie frustriert ich damals war.

… als du meintest, dass ich dir mein Fahrrad geliehen und es dann geklaut wurde? Ich hänge immer noch an dem rostigen Teil.

Unser Gehirn sagt: Vorwürfe, die aus dem Nichts kommen!

Vermutlich haben wir es alle schon erlebt: Wir werden mit einer Situation konfrontiert, die bereits seit Jahren zurückliegt. Vielleicht ist sie als direkte Anschuldigung gemeint, vielleicht wird einfach nur fröhlich Konversation geführt. So oft so sind Aussagen wie diese völlig überrumpelnd. Und fühlen sich wie Vorwürfe an.

Ich für meinen Teil war völlig erschlagen, als eine gute Freundin in einem Nebensatz erwähnte, wie ich damals mit 13 einen unsensiblen Kommentar zu ihren Haaren gemacht hatte. Sie war zwar nicht auf Streit aus, aber ich wusste trotzdem nicht, was ich erwidern sollte. Das war doch schon ewig her? Warum kam sie erst jetzt, nach Jahren damit? Ich war doch damals eine völlig andere Person.

Und das ist der springende Punkt:

Wir sind nicht mehr dieselben Menschen aus der Vergangenheit.

Uns mit einer Sache aus der Vergangenheit zu konfrontieren ist deshalb so schwierig, weil wir als Menschen anders sind. Wir werden älter, entwickeln uns weiter und würden heute vermutlich ganz anders reagieren.

Aaaaber natürlich habe ich leicht reden, denn wenn es darum geht, vergangene Momente in sich brodeln zu lassen, bin ich Expertin. Nicht nur einmal sind mir in einer erhitzten Situation allerlei Vorwürfe aus dem Mund gestolpert. Das Gegenüber war jedes Mal baff,

Gehen wir also eine andere Perspektive ein:

Warum haben wir damals nicht gesprochen?

Haben wir uns nicht getraut? Haben wir das große Bild noch nicht erkannt? In meinem Fall trifft beides zu. Als konfliktscheuer Mensch habe ich mich lange nicht getraut, Probleme anzusprechen. Dadurch gingen die negativen Gefühle nur leider nicht weg, sondern brodelten weiter vor sich hin. Außerdem ist es bei mir so, dass ich die Dinge erst mit Abstand klarer reflektieren kann, und feststelle, dass eine bestimmte Situation noch sehr in mir nachklingt.

Was also tun? Eine Person mit Vorwürfen konfrontieren, die schon seit Jahren zurückliegen? Oder weiter still vor sich hin brodeln und riskieren, irgendwann zu explodieren?

Wie kann sich die Person vor ihrem vergangenen Ich rechtfertigen?

Wie bereits erwähnt, trifft der Vorwurf nicht einen selbst, sondern eine vergangene Version auf uns, die heute vielleicht gar nichts mehr mit uns zu tun hat. Das alte Ich liegt jedoch in der Vergangenheit und kommt nicht wieder. Es kann sich also gar nicht rechtfertigen, und wir auch nicht, da wir eben nicht mehr diese Person sind.

Was erhoffen wir uns von den Vorwürfen?

Ebenso wichtig ist es, sich zu fragen, was wir mit dem Vorwurf bezwecken wollen. Geht es darum, sich „auszukotzen“? Wollen wir der Person genauso wehtun, wie uns wehgetan wurde? Oder wollen wir ein paar Dinge klarstellen, die vielleicht sogar die Beziehung verbessern könnten?


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Meine Meinung: Wenn es wirklich „nur“ darum geht, den Frust abzulassen, würde ich das nicht bei der Person tun. Ich habe mich damals viel in der Therapie „ausgekotzt“ oder bei anderen Menschen, die den ganzen Frust auffangen konnten. Klingt vielleicht komisch, hat aber wirklich geholfen.

Wenn ich allerdings das Gefühl habe, dass Reden wirklich notwendig ist, da es noch viele unausgesprochene Dinge im Raum stehen, die die Beziehung beeinträchtigen, finde ich ein Gespräch vernünftig.

Wie können wir ein Gespräch mit Vorwürfen aus der Vergangenheit fair gestalten?

Ich würde dazu raten, nicht spontan vorzugehen, sondern das Gespräch vorher zu planen. Schreibt euch alles auf, was euch auf dem Herzen liegt, und sucht euch dann die Punkte aus, die euch für das Gespräch wichtig erscheinen.

Hier ein paar Tipps:

  • Kündigt das „ernste“ Gespräch vorher an, damit die Person sich zumindest darauf einstellen kann
  • Erklärt, warum es euch ein Anliegen ist, das Thema nach all der Zeit nochmal aufzugreifen
  • Erklärt, was ihr euch von dem Gespräch erhofft, was eure Absicht dabei ist

„Vorwürfe“ gegenüber den Eltern?

Béa und ich haben in unserm Gespräch über das Thema festgehalten, dass wir beide einen Unterschied darin sehen, wenn Kinder ihre Eltern mit Situationen aus der Vergangenheit konfrontieren. Kinder wissen meist nicht, wie ihnen geschieht, und können bestimmte Dinge erst im Erwachsenenalter ganz erfassen. Damals während meiner Therapiezeit war es mir ein Anliegen, meine Eltern auf verschiedene Themen anzusprechen. Für mich war das wichtig, und für meine Eltern auch, da sie ihr Verhalten selbst noch mal reflektiert haben. Zwar konnten sie die Vergangenheit nicht ändern, aber danach ging es mir auf jeden Fall besser.

Und dann war es auch gut. Ich habe gesagt, was mir auf dem Herzen lag, und mich entschieden, ihnen zu verzeihen. Sie immer wieder mit denselben Dingen zu konfrontieren erschien mir unfair, denn was hätte ich letztendlich davon? Sie wären verletzt und ich wütend und womöglich hätte unsere Beziehung darunter gelitten. Wenn ein Streit wirklich geklärt ist, sollte er auch nicht wieder neu aufgerollt werden.

Wie ist eure Meinung zu dem Thema? Was geht ihr mit Vorwürfen für längst vergangene Dinge um?

Hier findet ihr eine Ergänzungg zu dem Beitrag:

Verzeihen oder nicht verzeihen – aber niemals alte Geschichten vorhalten

Liebe Grüße
Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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