Gutes Petzen, schlechtes Petzen – Kennen eure Kinder den Unterschied?


Erinnert ihr euch an den Blogbeitrag, in dem ich von von der Grundschulfreundin meiner Tochter Undine, bei uns aka „Unsine“, berichtet habe? Ja, genau, das war sie mit dem…

„…Kein Rasierschaum war ihr zu heilig, kein Fenster zu stabil, keine Farben zu bunt und keine Wand… ach, lassen wir das. Unsine musste einfach alles mit allem ausprobieren.“


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Undine war permanent zu Unsinn aufgelegt, und zwar zu der Art von Unsinn, die auch meine Grenzen als ewiges Kind und Experimentierfan überschritt.

Ich erinnere mich noch mal an einer Situation: Wir wohnten am Wannsee. Die Kinder waren ungefähr 9, hatten ein Schlauchboot und durften auch während ich am Ufer blieb damit raus aufs Wasser. Beide gute Schwimmerinnen mit Abzeichnen, ich hatte Vertrauen. Abmachung war: Keine Sprünge ins Wasser! Fast alle Berliner Seeen haben ihre Tücken: Der Flughafensee ist bis zu 34 Meter tief. Am Schlachtensee  gibt es einen unterirdischen Sog, der Schwimmer in Gefahr bringen kann. Und am Tegeler See hat es Schlingpflanzen. Der Wannsee hat vor allem alte Gestänge aus dem 2. Weltkrieg in der Tiefe, ein Freund von uns hat sich mit einem Sprung die Hüfte zertrümmert, ein anderer beim Kopfsprung auf einen Pfeiler unter Wasser das Genick gebrochen uns ist seitdem querschnittsgelähmt …

Mein Kind hat das gut verstanden, Undine hatte auch ganz brav genickt und ich dachte: Den Anblick unseres humpelnden Freundes sollten beide noch in Erinnerung haben.
Plötzlich kam Carina zu mir: „Mama, Undine möchte unbedingt Köpper machen, das ist nicht OK, oder?“.
Hinter ihr eine aufgeregte Furie: „Du bist die totale Petze, ey!!!“

Na, wollt ihr den Fall euren Kindern schildern und sie fragen: Ist das gutes Petzen oder schlechtes Petzen?

Andere Situation: Ihr kennt ja meine Telefonkritzeleien, meine Zeichnungen. Und ich habe bereits erzählt, dass sie mir helfen, mich bei Gesprächen zu fokussieren. Als ich in der Schule war, gab es Eugen, einen Klassenkameraden. Wobei ich das Kameradschaftliche sehr in Frage stellen möchte. Eugen ging in der Pause an meine Hefte, riss die Blätter mit den Zeichnungen raus und überreichte sie unserer Klassenlehrerin. Sogar mit Beschriftung: „Was Bordenache in der Englisch-Stunde macht“. (Bordenache war mein Mädchenname und im Kommunismus wurden wir in der Schule mit Nachnamen angeredet).

Die Klassenlehrerin hatte mich eh auf dem Kieker (davon ein anderes Mal mehr) und schimpfte dann mit mir. Eugen lehnte sich zurück und genoss es. Danach nahmen wir Eugen als „alte Petze“ in die Mangel, was er dann weniger genoss. Was ihn wieder dazu veranlasste, nach Petzbarem zu suchen… und dann ging alles von vorne los.

Wie schätzen nun das eure Kinder ein? Ist das gutes Petzen oder schlechtes Petzen?

Lasst mich bitte in den Kommentaren wissen, was eure Kinder gesagt haben, das würde mich freuen.

Das Thema Petzen hat viele Aspekte – und auch Eltern können differenziert darauf reagieren. Im Blog „Gewünschtestes Wunschkind“ könnt ihr über die Differenzierung des Themas Petzen bei Kleinkinder lesen, die in dem Alter erst ein Gefühl für Werte und Normen entdecken, und bei etwas älteren Kindern.


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Gehen wir auch hier Schritt für Schritt vor, mit dem Gedanken, dass kleinere Kinder in der Kita oder Vorschule noch stark dabei sind, Normen und Werte für sich zu finden und eine geringere Reflexionsfähigkeit haben. Die etwas älteren Kinder, so ca. ab der 2. Klasse, sprich ungefähr Alter 8, können durchaus einen Moment innehalten und kurz nachdenken, vor allem wenn sie es gelernt haben.

Danielle schreibt im Blog:

„Schau – der Noah wirft mit Sand! Das darf man nicht!“ Oft dient das Petzen dazu, Regelsysteme zu prüfen. Lautstark vermeldet werden Handlungen von anderen, von denen das Kind weiß, wenn es sie selbst ausführt, würde das zu einer Strafe/Konsequenz führen. Mit der Mitteilung des Sachverhaltes an Erwachsene will das Kind meist gar nicht erreichen, dass der vermeintliche Übeltäter bestraft wird. Vielmehr überprüft es, ob für das andere Kind nicht auch die selben Regeln gelten, wie für einen selbst. Oder es will signalisieren: Ich habe die Regeln verstanden – das kann ich dadurch beweisen, indem ich das Fehlverhalten anderer entlarve – etwas, das Kinder durchaus mit Stolz erfüllt.

Und hier bin ich auch bei ihr: Wir sollten nicht zu Godzilla mutieren und andere „Übeltäter-Kinder“ sofort zerreissen.

Für unsere Kinder ist es wichtig, dass wir mit ihnen ruhig durchgehen, was OK ist und was nicht. Dabei lernen sie eine ganze Menge und werden fähig, sich für sich selbst einzusetzen.

Zeit nehmen, zuhören, Fragen stellen, gemeinsam verstehen, was im Kind vorgeht ist weitaus wertvoller als dampfend aufstehen und das Gegner-Kind zusammenzufalten:

Erzähl mal, was ist genau passiert?
Lass mich mal noch mal wiederholen, was ich verstanden habe…. Stimmt das so?
Was fühlst du gerade? Wo im Körper fühlst du das?
Kann es sein, dass du XXX (ärgerlich, enttäuscht, wütend, traurig, etc) bist? Ja, das wäre ich auch!
Was brauchst du jetzt? Was tut dir gut? Weisst du warum?
Soll ich dich erstmal ganz fest umarmen?
Was möchtest du das nächste Mal anders machen?

Das sind nur Ideen, ihr findet bestimmt eure eigenen Fragen!

Mir hat ein Gedanke geholfen:

Ich muss kein Schiedsrichter für die Welt sein, ich möchte lieber Life-Coach für mein Kind sein.

Wenn Kinder älter werden, können sie lernen, zu unterscheiden, ob Petzen angebracht und richtig ist.

Und hier kommt der wahre Unterschied zwischen gutem und schlechtem Petzen zutage:

A. Bringt jemand sich und/oder andere in Gefahr?
>>> Dann ist das kein Petzen, sondern eine Rettungsmaßnahme.

B. Macht jemand etwas nur für sich, was ihm Spaß macht und andere nicht wirklich tangiert?
>>> Lass ihn in Ruhe machen und kümmere dich um deinen eigenen Kram.

Natürlich ist jetzt die große Kunst, A und B zu unterscheiden. Es würde mich freuen, wenn ich das nicht allein ableite, sondern mit eurer Hilfe einen zweiten Blogpost zu diesem Thema verfasse.

Also: Was meinen eure Kinder zu den zwei Fällen davor? Und was sind eure „Gutes Petzen – schlechtes Petzen“ – Erfahrungen in der Familie?

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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