Das Denken der anderen – Auszug aus dem Buch von Marius Kronsberger „Von einem der heimging, um bei seinen Kindern zu sein“


„Ich habe das Buch geschrieben, das ich selbst vor meiner Elternzeit gerne gelesen hätte.“ – sagt Marius Kronsberger.

Liebe Leserschaft, heute darf ich euch einen tollen Auszug bringen aus seinem Buch „Von einem der heimging, um bei seinen Kindern zu sein: Was ein Jahr Elternzeit mit Papa macht“, was mich berührt, belustigt und bezaubert hat: 


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Das Denken der anderen – Auszug aus dem Buch von Marius Kronsberger

Wenn ich als Vater zu den Babytreffen gehe, tue ich das bewusst. Ich begebe mich also wissentlich in eine Situation, in der ich mit Kommentaren jedweder Art zu meiner Familiensituation rechne. Deshalb kann ich mich darauf vorbereiten, mich auf seltsame Diskussionen und Mutmaßungen einstellen. Das würde ich jedem Vater empfehlen, der den gleichen Weg geht.

Wenn ich ohne die Kinder durch unseren Stadtteil laufe, reagiert niemand auf mich. Ich bin nicht interessant. Das ändert sich jedoch schlagartig, wenn ich die Zwillingskarre vor mir herschiebe. Plötzlich gucken mich die Menschen an. Ich und/oder meine Kinder sorgen offenbar für Aufmerksamkeit. Daran musste ich mich erstmal gewöhnen. Die Leute gucken. Sie gucken mich an und die Kinder. Es gibt unterschiedliche Reaktionen. Oft bekommen wir ein Lächeln geschenkt, insbesondere von älteren Frauen. Männer, vor allem jüngere, grinsen manchmal doof. Die ersten Male habe ich noch überlegt, nach den Gründen zu fragen. Mittlerweile bin ich froh über jedes Gespräch, das ich nicht führen muss. Denn das ist die Steigerung des Guckens, das Ansprechen. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann mich vor meiner Elternzeit zuletzt jemand Fremdes angesprochen hat, ohne einen konkreten Grund dafür. Jetzt passiert mir das ständig.

Die Menschen sind neugierig und lechzen nach Informationen. Diese rufen sie offenbar durch ein gesellschaftlich vorgegebenes Muster an Fragen ab.

Der klassische Ablauf ist in etwa so:
1. „Oh, die sind aber niedlich!“
2. „Wie alt sind die?“
3. „Junge und Mädchen, oder?“
4. „Die sehen aber genau aus wie…!“ (Hier ist jeweils derjenige einzusetzen, der gerade dabei ist. Und zwar unabhängig vom Aussehen.)
Und dann kommt sie. Meine absolute Lieblingsfrage:
5. „Sind die eineiig?“

Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Frage sehr häufig unbewusst gestellt wird.

Wenn Zwillinge in einem Kinderwagen sitzen, ruft das Gehirn der Menschen ein Standardprogramm ab und da ist es plötzlich völlig egal, dass du in der Schule mal gelernt hast, dass eineiige Zwillinge immer das gleiche Geschlecht haben.

Natürlich könntest du nun sagen, dass es vielleicht schwer zu erkennen ist, ob die Kinder das gleiche Geschlecht haben. Das stimmt nur bedingt, denn unter Punkt 3 haben wir ja das Geschlechterthema in der Regel gerade abgearbeitet. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass man das Geschlecht meiner Kinder ganz gut erkennt, auch wenn Isa gelegentlich Dino-Pullis tragen muss. Nein, da knackt irgendeine Synapse und die Frage muss raus. Und ich kann bezeugen, dass das sogar promovierten Ärzt*innen passiert. Es muss sich also niemand schämen.

Als Papa mit zwei bis drei Kindern im Schlepptau erntest du Blicke.

Damit habe ich ein bisschen gerechnet, das gebe ich zu. Dass es aber zu so viel Aufmerksamkeit führt, habe ich nicht für möglich gehalten. Es sind auch viele positive Rückmeldungen dabei. Ein netter Satz beim Bäcker, ein anerkennendes Nicken einer älteren Dame, davon bekomme ich viel, insbesondere von Menschen, die mir häufiger mal begegnen. Ich schiebe ja auch einen hervorragenden Wiedererkennungseffekt vor mir her. So registrieren die Leute offenbar, dass ich nahezu an jedem Tag mit den Kindern unterwegs bin, und zeigen mir dafür ihr Wohlwollen. Darüber freue ich mich, überlege aber, ob Mütter dafür ebenso bestärkt werden.

Sich um die eigenen Kinder kümmern, ist völlig normal. Bei meiner Frau hält es jeder für selbstverständlich, ich hingegen bekomme Lob. Das fühlt sich falsch an.

Es gibt aber immer wieder aber auch unangenehme Situationen, in der die sonst wahrnehmbare Wertschätzung in Misstrauen umschlägt. Neulich hatte Isa, wie gerne mal, einen Bock und brachte ihren Unmut lautstark zum Ausdruck. Die Ursache war eine Lappalie. In jedem Fall hatte sich in der Folge auch Franz aufgeregt. Alles reine Routine, da es Zwillinge sind, konnte ich nicht mal eben einen aus dem Buggy rausnehmen und trösten. Die Konsequenz ist jedes Mal ein massiver Wutausbruch des jeweils anderen. Das zeigt die Erfahrung. Also gab es nur eine Strategie: Weiterlaufen und aussitzen! Das Prinzip hatte sich bewährt und war erprobt. Wir schoben also durch eine eher schmale Straße. Auf der anderen Seite befand sich ein älteres Ehepaar, welches mich durchdringend beobachtete. Sie diskutierten eifrig. Dass es offenbar um mich ging, registrierte ich erst später. Sie begannen, mich zu verfolgen. Keine Ahnung, was sie dazu bewog. Den Blicken nach schienen sie aber zu befürchten, dass ich die Kinder irgendwo gestohlen hatte, um mir aus ihnen mein Mittagessen zuzubereiten. Während Isa sitzend und in den schillerndsten Tönen ihren Wutausbruch zelebrierte, entschied ich anzuhalten, und in der Buggytasche nach irgendetwas zu suchen. Meine Hoffnung war, die Verfolger dadurch eventuell loszuwerden. Diese näherten sich mir nun aber und warfen einen kritischen Blick auf meine tobende Brut. Und dann bekam ich ihn.


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Den „Wie-kannst-du-es-nur-wagen-die-Kinder-so-schreien-zu-lassen?-Bring-sie-gefälligst-sofort-zur-Mutter-zurück!-Blick“.

Etwas zu sagen, wagten sie sich offenbar nicht. Man traute mir wohl vieles zu. Ich hatte ebenfalls keine Lust auf Kommunikation, hob nur eine Augenbraue, schob einfach wieder los und ging nach Hause. Im Stillen rechnete ich damit, weiter verfolgt zu werden. Auch ein Besuch der Polizei erschien mir noch einige Stunden danach als eine durchaus mögliche Fortsetzung der Handlung. Doch der Mut, sich ihren wilden Spekulationen hinzugeben, hatte das Pärchen wohl zum Glück verlassen.

Insgesamt scheint es ein Problem der älteren Generation zu sein, der das Vorstellungsvermögen, dass ein Papa all das meistern kann, fehlt. Das erlebe ich immer mal wieder. In positiver und in negativer Ausprägung.

Eher positiv empfand ich beispielsweise das Kompliment eines älteren Herrn. Er sprach mich an und zeigte sich „äußerst beeindruckt von meinem Umgang mit den Kindern“. Eine nette Geste der Anerkennung, wenn du die Rahmenbedingungen nicht kennst. Er hatte mich nämlich zuvor nur sehr kurz beobachten können. Und in dieser Zeit hatte ich nichts anderes getan, als den Zwillingen jeweils ein Paar warme Socken anzuziehen! Natürlich werde ich gerne mal gelobt, aber bitte nur, wenn ich auch etwas geleistet habe.

Ein Beispiel, das sich negativ eingebrannt hat, weil ich mich in dem Moment sehr darüber ärgern musste, spielte sich neulich in einem Drogeriemarkt ab. Ich sah die ältere Dame schon von Weitem. Sie lächelte breit, als sie meine gut gelaunten Zwillinge sah und steuerte zielstrebig auf uns zu. In den schmalen Gängen schnitt sie uns regelrecht den Weg ab und als ich mich anschickte, einfach an ihr vorbeizusteuern, hielt sie ihren Einkaufskorb so in unseren Weg, dass ich nur unter Einsatz der körperlichen Unversehrtheit von Franz noch an ihr vorbeigekommen wäre. Da standen wir also! Die Fragen „Sind das Zwillinge?“, „Junge, Mädchen, oder?“ und „Sind die eineiig?“ hatten wir schnell und routiniert hinter uns gebracht. Kurz darauf folgte noch „Das ist bestimmt sehr anstrengend, oder?“ auf die ich mit einem leichten Nicken antwortete. Ich war genervt. Schließlich hatte sie mir das Gespräch auf ziemlich unverschämte Weise aufgezwungen. Dennoch blieb ich höflich.

Doch dann sagte sie es:
„Naja, aber die Arbeit hat ja die Mutter!“
Ich platze innerlich. Was nahm diese Frau sich heraus?

Ihre ganze Art hatte mich schon vorher halb auf die Palme gebracht und jetzt war ich richtig sauer. Ich konnte nicht anders und hielt ihr, zugegeben eher unfreundlich, einen Kurzvortrag über eine Veränderung der Gesellschaft und dass sie an ihrem Weltbild arbeiten solle. Ohne eine Reaktion abzuwarten, dampfte ich ab. Ihr mir nachgerufener Satz: „So einen Vater hätte ich mir für meine Kinder auch gewünscht“, konnte die Situation für mich nicht mehr retten. Ich bin mir sicher, dass ich auf die Dame einen bleibenden Eindruck hinterlassen habe.

Durch die gesammelten Erfahrungen habe ich mir vorgenommen, mich für die Zukunft besser zu wappnen. Es ist ja noch nicht einmal ein Drittel meiner Elternzeit vorbei und ich habe bestimmt noch viele aufregende Begegnungen vor mir. Ich bin sehr gespannt, welche Reaktionen mich noch erwarten. Vielleicht schaffe ich es ja in Zukunft, etwas schlagfertiger zu sein. Im Rückblick war ich in den meisten Fällen etwas zu polterig mit meinen Antworten. Im Kern meinen es die meisten Menschen doch gut mit uns, selbst wenn sie über mein Geschlecht verwundert sind. Der Gedanke hilft mir dabei, das Lächeln der Menschen öfter mal zu erwidern. Ich bin schließlich stolz und glücklich, dass ich die Zeit mit meinen Kindern verbringe. Ich werde versuchen, das künftig auch auszustrahlen.

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Ich kann euch sagen, Marius‘ Buch liest sich leicht und locker, bringt Einblicke in Alltag und gesellschaftlichen Themen und ich lege es euch wärmstens ans Herz. Ihr bekommt es hier oder natürlich bei eurem Lieblingsbuchhandel:

Marius Kronsberger:
„Von einem der heimging, um bei seinen Kindern zu sein: 

Was ein Jahr Elternzeit mit Papa macht“

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Und noch was, am kommenden Samstag, 3. Dezember rede ich um 13:00 LIVE mit Marius bei Instagram, damit ihr ihn auch mal in Aktion erlebt.

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Jetzt die Frage an euch: Welche Erfahrungen habt ihr als/haben eure Männer in der Elternzeit gemacht? Erzählt mal…

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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