„Er konnte seine Seele ausschütten.“ – Interview mit @gerechtGericht, Twitterer, Richter und Papa


Immer wieder stelle ich euch Menschen vor, die ich in den sozialen Medien entdecke – meistens bei Twitter – und die ich spannend, interessant und sympathisch finde. In diesem Fall ist das „Judgement Day“ mit dem Twitternamen @gerechtGericht, der hier in unserem kleinen Blog ständiger Lieferant für grandiose Kindermund-Tweets bereits ist.

Ich wollte mehr über ihn erfahren. Deswegen gibt es hier ein Interview mit ihm – und dazwischen habe ich Beispiel-Tweets ausgesucht:


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Interview mit „@gerechtGericht“ – Twitterer, Richter und Papa

1. Du bist Richter und Vater. Was magst du in meinem kleinen Bildungsblog noch über dich verraten, was nicht sowieso in den 10. Punkten deines fixierten Threads steht?

Das Wichtigste ist eigentlich gesagt. Vielleicht ist wichtig zu erwähnen, dass ich meine Kinder am liebsten 24/7 kuscheln möchte. Leider kommen Arbeit und Haushalt dazwischen, aber das kennt man ja 🙄

Und hier kommt der Thread:

2. Warum ist dein Profilbild der Schauspieler Henry Gibson?

Es war ganz lustig. Ursprünglich war ich Harvey aus Suits, weil @GstimDienst so auf ihn steht. Sie war die Donna und wir machten Schabernack. Zwischendurch war es Thomas Fischer. Aber ich wollte nicht zu ernst sein und irgendwann machte ein Follower so ein lustiges Bild mit dem Herrn Gibson und ich habe es übernommen.

3. Was ist wichtig für dich als Vater – und was mögen deine Kinder an dir, wenn du die Frage einmal weitergeben magst? Und was wäre dir wichtig für alle Väter?

Als Vater ist es mir wichtig, dass meine Mädchen sich wohlfühlen, dass sie eine gute Erziehung und Bildung genießen können. Aber auch, dass sie in einer besseren Welt aufwachsen können, die nicht von toxischer Männlichkeit durchseucht ist wie derzeit. Ich möchte ihnen ein Vorbild sein.

Meine Mäuse mögen an mir, dass ich Quatsch mache, ihnen verrückte Geschichten und von meiner Arbeit erzähle und sie kitzle. Am liebsten mögen sie aber das Kuscheln abends beim Geschichtenerzählen.

4. „Ich bin nur zum Spaß hier“ – deine Regel Nr. 1. Was macht dir an Social Media am meisten Spaß? Und was gar nicht?

Der Austausch mit netten, schlauen, lieben und intelligenten Menschen. Und es sind viele. Ich habe in diesem einen Jahr auf Twitter tolle Menschen kennengelernt. Sie bereichern mein Leben mit eigenen Erzählungen, Tipps und Hilfestellungen. Man hat hier immer ein Ohr. Jemanden, der zuhört. Das ist großartig.

Was nervt? Die sog. Querdenker, Nazis und Abschaum, der bei jedem kinderbezogenen Tweet vom Paulanergarten palavert. Ekelhafte Gestalten, die ich meist sofort blocke, um mich nicht zu ärgern.


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5. Du gibst manchmal auch (natürlich depersonalisiert) auch mal Einsichten in deine Fälle: Magst du vielleicht einen Fall beschreiben, bei dem du zum Wohle von Kindern etwas Wesentliches ändern konntest?

So auf Anhieb ist es schwierig. Vielleicht dieser hier:
Es ging um einen Jugendlichen, 14, der einfach aufhörte, in die Schule zu gehen und ständig vom Suizid sprach. Er ging nicht zu Ärzten und sprach nicht mit Eltern/Jugendamt.
Ich habe ihn geladen und fand im Rahmen der etwa 45 Minuten, in denen wir sprachen, tatsächlich einen Zugang. Es ging dem Jungen um Liebe und er schien typischerweise zu viele Zweifel zu haben. Da war in meinen Augen ggf. auch Scham bzgl. der etwaigen Bisexualität. Er konnte seine Seele ausschütten. Ich überredete ihn zu einer Gruppe, in der er reden konnte.

Das Jugendamt meldete sich Monate später und erzählte, dass er wieder in der Schule sei und sie Gruppe regelmäßig besucht. Anscheinend ging es ihm wieder gut. Seit zwei Jahren habe ich nun nichts mehr gehört und bilde mir ein, dass ich etwas helfen konnte. Tolles Gefühl.

6. Was sollten Kinder zum Thema „Recht“ bereits in der Schule lernen/erfahren dürfen? Anders gefragt: Wenn du im Bildungssystem etwas verändern könntest, was wäre das?

Kinder sollten mehr über die rechtlichen Grundsätze unseres Grundgesetzes erfahren. Mehr von Gleichheit.

Lehrer sollten da mehr geschult werden, um Kindern das vermitteln zu können. Das ist in meinen Augen nicht minder wichtig als Mathematik.

Ohne Rechtsverständnis kann man unser gesellschaftliches Leben nicht wirklich verstehen.

So wie die Bild dabei versagt, die Gesellschaft und das Recht abzubilden. Wenn Kinder früh genug erfahren, was Freiheit bedeutet, wo sie endet und warum, dann werden sie nicht mehr so anfällig sein für Bild&Co. Dabei muss man nicht mal kompliziert juristisch werden. Man kann solche Grundsätze leicht und anschaulich erklären.

7. Was habe ich nicht gefragt, was dir wichtig ist, wenn Eltern und Pädagogen hier dieses Interview lesen?

Eltern sollten möglichst aufhören, ihre Kinder wie ihre Mini-Mes zu behandeln und sie sich selbst entfalten lassen.

Man geht mit einem Beispiel voran und erklärt, warum und wieso man etwas tut. Man gibt den Kindern das Werkzeug, um im Leben als guter Mensch zurechtzukommen.

Den Rest muss man den Kindern überlassen. Gleichzeitig darf man Kindern altersbedingt z.T. viele Entscheidungen nicht überlassen: Kleine Kinder sollten keinen Streit zwischen Eltern schlichten oder austragen. Eltern sollten lernen, zwischen kindgerechten und Erwachsenenthemen zu unterscheiden. Das ist im Zweifel hoch kompliziert, aber mit Hilfe klappt es meist.

Immer, wenn man etwas fürs Leben eines Kindes entscheidet, sollte man sich die Frage stellen: Wie hätte ich es gewollt, wenn meine Eltern es damals zu entscheiden hätten, als ich so alt war? Hätte ich gewollt, dass sie mich involvieren? Ist es ein Thema, das ein Kind überhaupt in der erforderlichen Tiefe überschauen kann?

Wie gesagt, ist es nicht einfach, aber es hilft bei vielen Fragestellungen gut weiter.

8. Gibt es vielleicht einen älteren Tweet von dir, denn du gerne noch mal verbreitet haben möchtest?

Vielen herzlichen Dank für das Interview und Danke für die Tweets! Ich schätze sie sehr – sie erweitern mein Spektrum an Interessen, ich mag den intelligenten Humor und die Ernsthaftigkeit, wenn es um ernste Dinge geht!

Liebe Grüße

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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