Das digitale Bauchgefühl: Warum Eltern den „digital Natives“ noch so einiges im Umgang mit digitalen Medien beibringen können


Hauptberuflich arbeite ich als Referentin für digitale Bildung bei der Initiative D21 in Berlin. In dieser Funktion halte ich auch immer wieder mal Vorträge zum Thema „Digitale Bildung“ oder nehme an Diskussionsrunden teil. Vor Kurzem war ich zu eben solcher eingeladen und  stellte die Sonderstudie „Schule Digital“ der Initiative D21 vor. Darin geht es unter anderem darum, dass Kinder und Jugendliche nicht nur in der Schule den Umgang mit digitalen Medien lernen, sondern auch zu Hause und in der Freizeit mit ihren Freunden. Es ist ein Dreiklang, deshalb kann man die Verantwortung für ein gutes Lernen mit und über digitale Medien eben nicht nur auf die Schule abschieben.

Ist die Generation „Eltern“ zu alt, um Kindern und Jugendlichen noch etwas zum Umgang mit digitalen Medien beizubringen?

Während der anschließenden Diskussion äußerten sich mehrere Teilnehmer etwas resigniert dazu, dass sie ihren Kindern eigentlich nichts mehr beibringen können, wenn es um digitale Medien geht, weil diese die Programme von Snapchat über Instagram und Co viel besser verstehen als die Eltern selbst. In mir wirkt diese Resignation vieler Eltern noch sehr nach, deshalb möchte ich einige Punkte, die ich mit den Teilnehmern der Veranstaltung diskutiert habe, aufschreiben, da es vermutlich auch hier Eltern gibt, die das Gefühl haben, nicht mehr mithalten zu können, wenn es um ihr Kind und den Umgang mit digitalen Medien geht.

Wichtigster Punkt: Bitte unterschätzt euer Wissen und euren Erfahrungsschatz nicht!

Es geht nicht darum, dass Eltern den Kindern erklären, wie Snapchat und Co funktionieren. Ganz ehrlich, das habe ich mir auch von meiner 14jährigen Nichte zeigen lassen. Die Kids haben oft viel mehr Geduld und Interesse daran, neue Angebote auszuprobieren, Funktionen zu entdecken und zu testen, als viele Erwachsene. Das ist auch völlig in Ordnung. Hier bietet sich eine super Chance, vom eigenen Kind zu lernen, was durchaus viel Spaß machen kann.

Das digitale Bauchgefühl basiert auf Erfahrung und Kompetenz.

Statt um die konkrete Funktionsweise geht es vielmehr um den Rahmen, in welchem die Nutzung der Angebote stattfindet. Es geht um ein „digitales Bauchgefühl“, wie wir es bei der D21 nennen. Ich mag diesen Begriff sehr, weil er eine wichtige Digitalkompetenz gut beschreibt. Dieses Bauchgefühl haben wir Erwachsenen oft einfach schon aufgrund unserer Erfahrungen und unseres Wissens. Die meisten von uns wissen intuitiv ziemlich gut, wie man beispielsweise im Internet kommentiert, ohne zu beleidigen und haben ein Gefühl dafür, wann Diskussionen aus dem Ruder laufen. Der Umgang miteinander im Netz ist ein anderer als in der analogen Welt, weil Emotionen und Gesten nicht wahrgenommen werden können. Kinder sind da oft unreflektierter, deshalb besteht hier eine gute Chance, um von den Eltern zu lernen.

Viele digitale Kompetenzen lassen sich aus der analogen Welt übertragen.

Ein weiteres Beispiel für vorhandenes Wissen, das sich gut in die digitale Welt übertragen lässt, ist die Quellenanalyse. Die meisten von uns haben in der Schule ganz klassisch die Quellenkritik gelernt und wissen zum Beispiel, dass man idealerweise verschiedene Quellen für Recherchen nutzt, dass es unterschiedliche Qualitäten von Quellen gibt etc. Ich hab das noch anhand von Büchern und Zeitungen gelernt. Aber das Wissen lässt sich eben auch auf die digitale Welt übertragen. Gerade im Zeitalter von Fakenews ist es wichtig, sich nicht nur auf eine Quelle zu verlassen und eine möglichst große Bandbreite an Informationsangeboten zu nutzen. Wir Erwachsenen wissen das (zum großen Teil) und können dieses Wissen weitergeben.

Das klassische Beispiel für das digitale Bauchgefühl ist der Umgang mit den eigenen Daten und Bildern. Die große Mehrzahl von uns hat sich schon mal damit auseinandergesetzt oder wenigstens davon gehört, dass der bewusste Umgang mit den persönlichen Daten und Fotos wichtig ist. Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie er oder sie damit umgeht, was man preisgeben möchte und was nicht. Das Bewusstsein für dieses Thema können die Kinder von uns lernen. Es geht nicht darum, die perfekten Antworten zu haben, es geht um die Auseinandersetzung mit der Fragestellung. Wenn man mit seinem Kind über den Umgang mit den eigenen Fotos gesprochen hat, dann ist die Chance größer, dass das Kind beim nächsten Instagram Post darüber nachdenkt, was auf dem Foto zu sehen ist und ob dies okay ist.

Niemand hat alle Antworten parat, und das ist völlig in Ordnung.

Generell finde ich es sehr wichtig von diesem Anspruch an sich selbst wegzukommen, immer alle Antworten parat haben zu müssen. Es ist völlig in Ordnung auch Sachen nicht zu wissen – nicht zu verstehen, wie ein Algorithmus funktioniert oder ob die DSGVO jetzt etwas Gutes ist oder nicht. Durch unsere Arbeitswelt und unseren Alltag werden wir aber in der Regel mit den wichtigen Fragen unserer Zeit konfrontiert und bekommen mit, dass beispielsweise die DGSVO ein großes Thema ist. Wir haben oft viel größere Ohren und Augen für der Bandbreite der Themen „da draußen“, als beispielsweise der klassische Teenager, der eher mit seiner eigenen Themenwelt beschäftigt ist. Auch hier können wir unterstützen, Dinge ins Bewusstsein zu bringen. Die Nutzung von Instagram, Facebook und Co wurde für viele Jugendlichen zum Beispiel durch die DSGVO zur Herausforderung. Hier können (und sollten) Eltern dabei helfen, gemeinsam die Hintergründe recherchieren, um zusammen Entscheidungen für den Umgang mit dem Thema und den Angeboten zu treffen.

Kinder lernen durch Vorbild!

Noch ein ganz „banaler“ Punkt, wie Kinder und Jugendliche von ihren Eltern lernen, wenn es um den Umgang mit digitalen Medien geht: Durch Vorbildfunktion. Der eigene Umgang der Eltern mit dem Smartphone, dem Tablet und Co hat durchaus eine Wirkung auf den Umgang der Kinder mit diesen Werkzeugen. Ist man selber jederzeit erreichbar und checkt alle paar Minuten den Messenger oder entscheidet man auch bewusst, wann man die verfügbaren Angebote nutzt? Früher wurde der Fernseher oft als Beispiel für einen bewussten Umgang mit dem Medienkonsum genannt. Dient er als Dauerberieselung oder wird er bewusst genutzt? Heute sind es neben dem klassischen Fernseher eben auch das Tablet, das Smartphone etc.

Die Digitalisierung zu verteufeln bringt nichts, denn sie ist Bestandteil unserer Lebensrealität. Deshalb sollten wir sie gestalten!

Da die Nutzung digitaler Medien oft negativ behaftet ist (besonders wenn es um Kinder geht) möchte ich  nochmal klarstellen: Ich empfinde die Entwicklungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, zum großen Teil als eine wertvolle Bereicherung des Lebensalltags. Bei der Vorbildfunktion geht es nicht darum, die Nutzung zu verteufeln. Im Gegenteil, es geht um den bewussten Umgang damit. Mein Smartphone kann beispielsweise meinen absolut mangelhaften Orientierungssinn ausgleichen, was für mich eine totale Bereicherung darstellt. Auch solch positiven Dinge wahrzunehmen und aufzuzeigen, gehört zu einem guten Lernen mit und über digitale Medien.

Vertraut auf eure Erfahrungen, auf euer Wissen (egal ob aus der analogen oder der digitalen Welt) und nutzt die Chance, mit euren Kindern ins Gespräch zu kommen, wenn es um die Nutzung digitaler Angebote geht. Sie können definitiv noch von euch lernen!

Liebe Grüße von

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Stefanie Kaste
About me

Stefanie lacht, lebt und liebt in Berlin zusammen mit ihrem Lieblingsmann, ihrem Teenager und ihrem kleinen Tornado. Als Familie erkunden sie die Welt, suchen nach dem Ende des Regenbogens und sind immer für neue Abenteuer zu haben. Stefanies Herzensthemen sind die (digitale) Bildung und Nachhaltigkeit, denn beides sind Kernthemen, um die Zukunft unserer Kinder positiv zu gestalten.

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