Frieden mit dem Tod – Wie mich der Burning Man Tempel mit Dankbarkeit erfüllte


Ihr wisst, ich war in letzten Sommer beim Burning Man. Heute möchte ich euch von einem der stärksten, tiefsten und emotionalem Momenten dort berichten, von einem ganz besonderen Ort: THE TEMPLE.

Der Toten-Tempel

Noch bevor wir zur Black Rock City ankamen, erzählt uns jemand davon: Ein Ort dort, zu dem Menschen gehen, um sich an ihre Verstorbenen zu erinnern. Um sich zu verabschieden, gute Gedanken zu schicken. Ein magischer Ort. Ein Tempel.

Als er das so erzählte, realisierte ich, dass der Todestag meiner Mutter, der 28. August, genau in der Burning Man Woche ist. Wir würden da sein.

Er sagte, es gäbe keine Zufälle. Ich lächelte.

Schließlich war meine Ma ganz großer Fan solcher Gedanken. Meine Ma war auch ein sehr sentimentaler Mensch. Dass sie bei jedem etwas mitreißenderem Buch oder schnulzigeren Film (Casablanca, 27. Wiederholung) schluchzend weinte, habe ich euch hier schon erzählt. Bei mir hält sich das die Waage. Ich habe starke Emotionen und schwinge mit, aber ich bin da weniger am Wasser gebaut. Irgendwie kommen bei mir die Tränen schneller beim Lachanfall als wenn mein Herz pulsiert oder gar krampft. Mich so richtig heulend zu erleben ist gar nicht so einfach. Ich unterdrücke nichts. Die Tränendrüse ist nur selten mein Ventil… Bereits in der Kindheit stand fest, dass ich die etwas Kaltschnäuzigere von uns beiden war. Nicht gefühlskalt, ganz und gar nicht. Einfach etwas cooler drauf.

Auf jeden Fall bei Dingen, die sich mit Basis-Mathematik erklären, wie zum Beispiel Zufälle: Dass es von 70.000 Leuten, die zum Burning Man gehen, und 365 Todestagen einer gewissen Anzahl von möglichen Verstorbenen im Freundeskreis oder der Familie eine Menge geben wird, die diesen „Zufall“ auch haben. Völlig innerhalb der statistischen Wahrscheinlichkeit.

Aber zum Tempel wollte ich. Auf jeden Fall.

Am Todestag meiner Mutter… ähm sagen wir, an dem Tag, an dem ich dachte, dass es der 28. August sei (ich habe das etwas verschusselt, aber wer mich kennt, weiß, dass ich Termine manchmal verschussele)… also an dem einen wichtigen Tag oder vielleicht ein Tag davor oder danach machte ich allein einen ausgedehnten Playa-Ausflug. Und da, in weiter Ferne, im Wüsten-Nichts, war THE TEMPLE.

Ich stellte mein Fahrrad ab. Ich spürte gleich, fast augenblicklich beim Betreten des Areals rund um den Tempel, dass die Stimmung sehr bedrückt war. Es war ein wundervoll sonniger Tag, mit wenigen vom Wind aufgewirbelten Staubwolken in der Luft, einem knallblauen Himmel… strahlend… und dennoch fühlte es sich an, als sei eine schwere Wolke inmitten des Tempels.

Verlust. Trauer. Verzweiflung. Flehen. Weinen.

Zu der Palette der Emotionen, die diese provisorische Stadt aus Zelten und Wohnwagen mitten in der Wüste hervorbringt, gehörte wohl auch das Schwere, der Verlust, das Hinterblieben-Sein.

Ganz viele Menschen waren dort, und viele schluchzten, kauerten am Boden und versuchten Verlustgefühle zu überwinden. Andere wiederum gingen eher still und andächtig, oft in sich gekehrt. Viele schrieben Zettel, brachten Fotos an die Holzlatten an, aus dem der Tempel gemacht ist, oder schrieben direkt auf das Holz. Alle „Wände“ waren voll mit Nachrichten an die Verstorbenen oder Andenken an sie… Darauf zu sehen waren ältere Leute, junge Menschen, Kinder, sogar Katzen und Hunde.

Ich merkte, wie ich gleichermaßen mitschwang und aber auch weit weg von diesen ganz intensiven Gefühlen war.

Ihr kennt ja meine Geschichte: Mein Vater starb als ich 12 war, meine Mutter drei Jahre später. Ich habe schon mal über den Abschiedsbrief meiner Mutter gebloggt, und wie er mit Mut macht, stets und ständig. Der Tod ist Teil meiner Geschichte, aber ich habe Frieden damit. Dafür hat mir das Leben das so was von wieder gut gemacht – mit einem wunderbaren Kind und einem Traummann an meiner Seite. Und genau als ich diese Gedanken hatte, entdeckte ich etwas höher an einer Holzlatte ein Zettel:

„Mom and Dad, thank you for everything.
I will be fine.
Love forever.“

Und dabei merkte ich: Das ist mein Platz. Das sind auch meine Gedanken. Das ist meine Haltung.

Ich nahm einen Stift und schrieb, auf Rumänisch, auch etwas Ähnliches. Ich dankte für die enorme Portion an Liebe und Vertrauen, die ich in meiner ganzen Kindheit erlebt habe… mit der ich „vollgepumpt“ wurde. Auch ich sagte meinen Eltern in meiner Botschaft, dass ich „fine“ bin.

Und dann fügte ich hinzu:

„Ich bin frei.“

Ich merkte, genau dort, mitten in der Wüste in Nevada, dass ich genau eines der wichtigsten Werte meiner Eltern lebe, die ihnen nicht ganz zuteil wurden im armen unfreien Land, in dem wir damals waren. Ich darf reisen, andere Länder erleben, ein selbstbestimmtes Leben führen. Ich darf meine Ansichten ungestraft aussprechen. Ich darf den Menschen helfen, denen ich helfen möchte. Ich merkte, wie eine unglaubliche Welle von tiefer Dankbarkeit erfüllte.

Ich richtete den Blick nach oben und sah die Sonnenstrahlen zwischen den Holzlatten des Tempels.

Und ich fühlte, wie sich die dunkle Gefühlswolke für mich auflöste und ich mich nur noch leicht und sonnig und heiter fühlte.

Vielleicht habe ich genau den einen Platz und genau den einen Zettel nicht zufällig entdeckt?

Liebe Grüße,

Béa

Was für Werte gebt ihr eigentlich euren Kindern? Was haben euch eure Eltern gegeben? Ich freue mich, wenn ihr ein Kommentar hinterlasst!

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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3 Kommentare

Mama 2.0
Antworten 1. Oktober 2017

Diese Geschichte rührt mich zu Tränen, liebe Béa. Deine Eltern haben einen ganz wundervollen Menschen aus dir gemacht. Danke, Béa-Mama & Béa-Papa!

Lisa
Antworten 26. April 2018

Ich musste weinen

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