Mein Vater ist in den Tod gesprungen und hat uns alle „mitgenommen“ – Gastbeitrag


Ihr Lieben, heute Abend haben wir auch mal keine unbeschwerte Kost für euch – aber eine Bitte nach Erfahrungen und Trost für eine Mutter, die den eigenen Vater verloren hat an Scham, Auswegslosigkeit und… ???… wer weiß.

Wenn ein Familienmitglied sich das Leben nimmt:

Achtung, es kann ein Trigger sein!!! Vorsichtshaber schreibe ich hier die Nummer der Telefonseelsorge0800/111 0 111 · 0800/111 0 222 · 116 123 – der Anruf ist kostenfrei.

Wer allerdings so ein Geschehen verarbeiten konnte, hilft mit einem respektvollen Teilen seiner Erfahrungen. Hier unser Gastbeitrag:

Ich springe in den Tod und nehme mit…
…meine Kinder, Partner, Eltern, Geschwister, Freunde.

Natürlich sollte jeder selbst über sein Leben entscheiden können, doch es sollte auch jedem bewusst sein, dass diese Entscheidung jeden beeinflusst, der einem nahe steht.

In diesem Sommer starb mein Vater. Er hat sich das Leben genommen. Ohne Vorwarnung. Ohne Hilferuf. Vermutlich auch ohne darüber nachzudenken was er damit anrichtet.

Er hat sich sein Leben genommen aus Scham, Enttäuschung und weil er sein ganzes Geld verloren hat. Zumindest stand das in seinem Brief. Er dachte, wenn er nicht mehr da ist, hört das alles auf.

Aber das alles hat er an uns weiter gegeben: Die Angst, Wut, Enttäuschung, Schmerz, seine Probleme…

Das Warum!!!

An einem Donnerstag brach die Feuerwehr die Tür zu seiner Wohnung auf und sie fanden ihn dort. Ich hatte einen Schlüssel zu seiner Wohnung, doch zum Glück war ich nicht Zuhause als mein Bruder sich entschied in die Wohnung kommen zu müssen. Dieses Bild hätte mich wahrscheinlich mein restliches Leben begleitet. War ihm das nicht bewusst? Dass mein Bruder und ich ihn finden hätten können?

Am Freitag hatten wir gleich den Termin beim Bestatter. Wir waren so unglaublich wütend und fassungslos. So und nun plant mal die Beerdigung von jemanden, der so starb. Wir hatten keinen Priester, keinen Trauerredner, keine Kirche, keine netten Worte, keine Anzeige in der Zeitung. Wir hatten auf der Beerdigung zwei Lieder die ihm gefallen hätten und nur die engste Familie.

Das war’s… Nein, das war es noch lange nicht:

Wir mussten mit der Kriminalpolizei sprechen und Anzeige erstatten, da er Opfer einer Betrugsmasche wurde. Hier hatte er sein ganzes Geld und noch mehr verloren. Wir mussten mit seinen Vermietern sprechen, bei denen er bereits Schulden hatte. Wir mussten uns seinen Problemen stellen. Wir mussten in seine Wohnung und seine Unterlagen durch sehen – dort wo es passiert ist.

Es gibt Momente da fühle ich mich, als würde mich das ganze nichts mehr angehen. Mein Körper schaltet dann auf Autopilot. Er schläft, er isst, er atmet… und dann gibt es Momente, da habe ich (im Auto – als ich durch Menschenleere Landschaft gefahren bin, allein) nur geschrien. Laut und so lange ich konnte. Die Wut, den Schmerz, musste ich irgendwie los lassen.

Ich frage mich oft wie es ihm gegangen ist… was er gedacht hat. Ob er Angst hatte. Warum er uns nicht vertraut hat.

Aber ich muss damit aufhören. Es hilft mir nicht zu verstehen, denn Antworten auf meine Fragen bekomme ich nicht.

Ich springe in den Tot und lasse alles los…. NEIN ich springe in den Tod und gebe den Schmerz weiter – an meine Kinder, Eltern, Partner, Geschwister, Freunde.

____

Hier endet der Bericht. Ich habe die Leserin gefragt, ob sie Betreuung erfahren hat. Sie schreibt: Ich stehe auf der Warteliste für einen Psychotherapeuten. Bis zu einem halben Jahr kann das allerdings dauern…

Hat jemand so etwas erlebt? Was hat geholfen? Was tun, wenn ein Familienmitglied sich das Leben genommen hat?

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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3 Kommentare

Nicole
Antworten 6. November 2019

Ich habe das erlebt. Vor drei Jahren hat sich mein Ehemann suizidiert und mich mit meiner damals dreijährigen Tochter zurückgelassen - und mit einem Haufen Schulden, von denen ich bis dahin nichts wusste.
Wie ich das erlebt habe und bis heute die Reste davon aufräume, beschreibe ich in meinem Blog www.green-woman.de Weil die Hoffnung nämlich wirklich zuletzt stirbt. Also nie. Dort kommen auch Gastautoren zu Wort, die Ähnliches erlebt haben, und es gibt verlinkte Artikel, in denen ich beschreibe, was mir geholfen hat und was nicht. Ich hoffe, dass Greenwoman eine Fundgrube für andere Suizid-Hinterbliebene ist und weiter wird - deshalb schaut gerne vorbei.
Suizid ist keine Randerscheinung. Sie ist die zweit häufigste Todesursache. Es gibt also viele teils traumatisierte Angehörige. Leider ist Suizid immer noch ein Tabuthema. Ich würde mich deshalb freuen, wenn Tollabea daran ein klein wenig ändert. Wenn ich euch dabei helfen kann, meldet euch gerne.
Direkte Unterstützung bietet auch Agus e.V. Der Verein hat mehrere Selbsthilfegruppen und ein Online-Forum, das mir besonders in der ersten Zeit sehr geholfen hat: www.agus-selbsthilfe.de/

    Béa Beste
    Antworten 6. November 2019

    liebe Nicole, das muss extrem hart gewesen sein und ist bestimmt immer noch schwer für dich. Danke dir, dass du hier zu Wort kommst! Das sind wertvolle Links / Tipps und herzlich willkommen. Und solltest du erzählen wollen, gern auch in Form eines Gastbeitrags. Wir helfen gern, Dinge zu enttabuisieren und all das, was zum Leben dazu gehört, zugänglich zu machen. Denn durch Kommunikation entsteht Erleichterung und Verarbeitung. Liebe Grüße, Béa ( Mail: bea (at) tollabox (punkt) de )

Petra Held
Antworten 6. November 2019

Vier Jahre lang habe ich Schuldgefühle mit mir rum getragen. Warum hatte ich nicht erkannt, dass meine Großmutter sich das Leben nehmen wollte. Warum bin ich nicht noch einmal zu ihr gegangen und habe es verhindert.
Bis ich erkannt habe, dass ICH sie nicht gehen lassen wollte. Dass SIE mit sich und dem Ende Ihrers Lebens im Reinen war, nur ich, ich ganz allein, sie noch behalten wollte.
Ich habe gelernt Abschied zu nehmen, und konnte sie gehen lassen. Und meine Schuldgefühl verschwand.

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