Gehörlos im Straßenverkehr? Kein Problem!


Gehörlos im Straßenverkehr? Viele Menschen glauben noch immer, dass Gehörlose nicht Auto fahren können. „Das ist doch viel zu gefährlich, wenn sie die Feuerwehrsirenen oder die Hupe bei Gefahr nicht hören!“, meinen sie. Tatsächlich sind die Prozesse beim Autofahren aber zu 90 Prozent visueller Natur und stellen für Gehörlose daher kein Problem dar.

Sibel Örgen vom Verband für bürgernahe Verkehrspolitik e.V. war so lieb, für uns ein paar Fakten rund ums Autofahren mit Gehörlosigkeit zusammengetragen. Weitere Infos findet Ihr unter www.bussgeld-info.de/gehoerlos-autofahren.

1. Gehörlos vs. schwerhörig: Es gibt klare Abgrenzungen

„Hörst du schwer?“ Das wurdet ihr sicher auch schon einmal gefragt, als ihr mal nicht ganz so aufmerksam wart wie gewünscht. Für Menschen mit einer Hörschwäche macht es aber tatsächlich einen großen Unterschied, ob sie schwerhörig oder gehörlos sind.

Die menschlichen Stimmen bewegen sich in der Regel zwischen den Frequenzbereichen 125 und 250 Hz. Je höher die Zahl, desto höher klingt auch die Stimme. Das bedeutet, die 125 Hz entsprechen der Grundtonausprägung eines Mannes und die 250 Hz der einer Frau. Wer bei Geräuschen innerhalb dieser Frequenzen einen Hörverlust von mehr als 60 dB aufweist und in den restlichen Frequenzen mehr als 100 dB weniger hört, wird aus medizinischer Sicht als gehörlos bezeichnet. Zum Vergleich: Eine normale Gesprächslautstärke erreicht zwischen 40 und 60 dB, 100 dB erreichen zum Beispiel vorbeifahrende LKWs.

Wird – auf alle Frequenzen verteilt – ein durchschnittlicher Hörverlust zwischen 70 und 100 dB festgestellt, sprechen Mediziner dagegen von einer hochgradigen Schwerhörigkeit.

2. Gehörlosigkeit im Straßenverkehr kann ein Vorteil sein

Inzwischen weiß jeder, dass sich bei Personen mit einem eingeschränkten Sinnesorgan die übrigen Sinne deutlich verstärkt entwickeln. Jemand, der blind ist, nimmt die Geräusche um sich herum viel intensiver wahr und kann diese deutlich besser Richtungen und Ursachen zuordnen als andere.

Ähnlich verhält es sich bei gehörlosen Menschen. Sie sind sehr stark visuell orientiert und registrieren daher zum Beispiel auch Bewegungen, die sie nur im Augenwinkel sehen, deutlich. Aus diesem Grund nehmen Gehörlose ein sich näherndes Rettungsfahrzeug mit Blaulicht viel früher wahr als die anderen Autofahrer. Diese reagieren in der Regel erst, wenn sie die Sirene hören. Damit stellen sie ein viel größeres Hindernis im Straßenverkehr dar als die gehörlosen Verkehrsteilnehmer, die – wenn es der Verkehr zulässt – früher Platz machen können.

(Anmerkung Béa: Das könnt ihr Kindern erklären mit dem Blitz und dem Donner. Licht ist immer schneller, deswegen sehen wir bei Sturm auch zuerst den Blitz und erst etwas später kracht es)

Außerdem fühlen Gehörlose die Schwingungen von Gegenständen. Wie ihr sicher wisst, ist das auch der Grund, weshalb Gehörlose so gerne Musik „hören“ – sie spüren sie. Erinnert ihr euch an Gronemeyers „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist /Das ist alles, was sie hört“? Genau das.  Im Straßenverkehr werden Gehörlose daher auch vor dem Blick zur Seite wissen, dass Gefahr droht, weil sich zum Beispiel ein LKW nähert.

3. Einrichtungen für Gehörlose: Auch Fahrschulen sind dabei

Ihr habt schon von  Martina in „Mit den Händen reden“ erfahren, dass Gehörlose wahnsinnig gut organisiert sind. Es werden zum Beispiel eigene Kultur- und Sportvereine angeboten, in denen gehörlose Kinder oder deren Eltern auf Gleichgesinnte treffen können. Auch zum Autofahren-Lernen ist es wichtig, eine Fahrschule zu finden, die auf gehörlose Fahrschüler ausgerichtet ist. Unter Umständen müsst Ihr dafür in die nächstgrößere Stadt fahren, aber meist gibt es mehr Fahrschulen für Gehörlose, als Ihr denkt.

Bei der Wahl der Fahrschule ist es natürlich wichtig, dass die Fahrlehrer die Gebärdensprache einwandfrei beherrschen. Auch das Material für die theoretischen Übungen wird teilweise durch visuelles Zusatzmaterial erweitert, indem etwa mehr Erklärungen oder Videos in der Präsentation gezeigt werden. Für die Praxisstunden hinterm Steuer müssen die Fahrschulen für Gehörlose aber neben der Gebärdensprache noch alternative Kommunikationsmittel heranziehen, da die Fahrschüler nicht gefahrlos gleichzeitig auf die Straße, die anderen Verkehrsteilnehmer und die Handzeichen des Fahrlehrers achten können.

4. Ein ärztliches Attest ist Voraussetzung für den Führerschein

Leider kann nicht jeder, der gerne mit dem Auto fahren möchte, sich diesen Wunsch erfüllen. Das ist etwa der Fall, wenn mit der Gehörlosigkeit weitere Einschränkungen einhergehen – zum Beispiel eine zusätzliche schwerwiegende Sehstörung – bzw. wenn die Gehörlosigkeit die weiteren Einschränkungen verursacht. Oftmals sind das Gleichgewichtsstörungen oder auch Orientierungsschwierigkeiten.

Um die Fahreignung bei der Anmeldung in der Fahrschule nachweisen zu können, müssen Gehörlose daher erst mal mit einem Arzt sprechen. Nach einigen Tests erhalten sie schließlich ein Gutachten, mit dem ihnen die Fahrtauglichkeit bescheinigt wird – oder eben nicht. Schwerhörigen kann dabei unter Umständen auch eine Hörhilfe verschrieben werden, damit sie den Führerschein machen dürfen. Genau wie Brillenträger müssen sie diese Hörhilfe dann stets beim Autofahren mit sich führen und verwenden. Mit dem Kürzel 02 wird diese Pflicht auch im Führerschein vermerkt.

Ist jemand von euch gehörlos und möchte seine Erfahrungen mit uns teilen, vor allem zum Thema „Gehörlos im Straßenverkehr“?

Sagt Bescheid!

Und lieben Dank an Sibel für die Infos!

Wenn ihr die Welten der Gehörlosen besser verstehen wollt, kann ich euch die US-Amerikanische Serie „Switched at Birth“ (affiliate Link, also WERBUNG) total ans Herz legen (am besten in der Originalfassung) – sie ist wunderbar gespielt und sehr einfühlsam.

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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