Ich wollte nie das Lieblingskind sein. Und mein Bruder nicht das „andere Kind“ – Gastbeitrag


Ihr Lieben, eine Tollabea Leserin hat sich an uns gewandt, um über das Thema „Lieblingskind“ der Eltern zu reden. In diesem Gastbeitrag erklärt sie euch von den Schattenseiten dieser Ehre und warum sie selbst niemals das Lieblingskind sein wollte…

Die meisten Eltern sagen, dass sie alle ihre Kinder gleich lieb haben. Meine Eltern machten meinem Bruder und mir beide deutlich, dass ich ihr Lieblingskind war.

Der Grund dafür war, dass mein Bruder ein sehr rebellisches Kind war und meinen Eltern viel Kummer bereitet hatte. Ich hingegen versuchte so unauffällig wie möglich zu sein, um meinen Eltern keinen zusätzlichen Stress zu bereiten. Dies hatte allerdings mehrere Folgen:

Ich hatte keine richtige Pubertät.

Während mein Bruder weiterhin das Problemkind war und meine Eltern alle ihre Energien auf ihn stützten, blieb mir oft nichts anderes übrig als still zu sein und zuzusehen. Sie sagten mir oft, dass sie es nicht ertragen hätten, wenn ich genauso gewesen wäre. Mit dieser unterschwelligen Aufforderung, nicht so zu werden wie mein Bruder, versuchte ich so brav wie möglich zu sein. Aber dadurch hatte ich keine richtige Pubertät. Es gab nie den Moment, in dem ich die Stimme gegen meine Eltern erhoben und auch rebellierte. Ich durfte es nicht, weil mein Bruder ja schon so war. Das Ungetüm.

Eigentlich wollte ich nie das Lieblingskind sein.

Ich wollte nicht bevorzugt werden. Ich wollte nicht Liebkosungen kriegen und wissen, dass mein Bruder sie aufgrund seines Verhaltens nicht bekam. Ich wollte nicht vor Freunden als Lieblingstochter vorgestellt werden und Privilegien wie Vertrauen und kleine Gesten „genießen“. Es mag wie ein „erste Welt Problem“ klingen, aber es war mir wirklich unangenehm, das Lieblingskind zu sein. Vor allem, weil ich wusste, dass mein Bruder darunter litt, obwohl er niemals den Hauch von Missgunst zeigte.

Für meinen Bruder war es nicht leicht, das „andere“ Kind zu sein.

Natürlich wusste mein Bruder, dass er alles andere als leicht war. Doch er machte es meinen Eltern nicht zum Vorwurf, er verstand es sogar. Er wusste, was für ein schwieriges Kind er war und bestrafte sich daher selbst mit dem Gedanken, dass er es nicht anders verdient hatte. Dabei war er bloß ein aufmüpfiger Teenager, der es seinerzeit nicht besser wusste. Er wurde zwar nie als das „andere“ Kind bezeichnet, aber auch nie als das Lieblingskind. Und was Eltern oft vergessen ist, dass Kinder so viel aufnehmen….

Das Lieblingskind zu sein bedeutet nicht mehr geliebt zu werden. Und doch empfanden wir so.

Mein Bruder ist der felsenfesten Überzeugung, dass ich nicht nur das Lieblingskind bin, sondern auch mehr geliebt werde. Ich hingegen dachte oft, dass sie ihn mehr lieben, weil sie sich mit Herzblut um ihn gekümmert hatten und ich bloß das Lieblingskind war, weil ich „pflegeleichter“ war. Doch, ob es nun stimmt oder nicht, das Gefühl, dass es bei uns Kindern hinterlassen hat, ist kein schönes. Ich bin sicher, dass kein Kind es mag, weniger geliebt zu werden oder zumindest das Gefühl zu haben.

Das Gefühl, Lieblingskind zu sein, kann auch unbewußt vermittelt werden.

Ich habe Studien gefunden, die belegen, dass viele Eltern ganz unbewusst ein Lieblingskind haben. Falls das ein automatischer Prozess ist, kann man ihn möglicherweise gar nicht verhindern. Was Eltern allerdings tun können, ist ihren Kindern niemals das Gefühl zu geben, dass sie ein Lieblingskind haben. Für mich als Lieblingskind war es kein schönes Gefühl und für meinen Bruder erst recht nicht.

Hand aufs Herz, liebe Eltern: Habt ihr ein Lieblingskind? Wenn ja, weiß das Kind es auch?

Liebe Grüße,

eine anonyme Mama

und Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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