Kopftuch, Bikini, Krawatte! Ein Gespräch über Klamotten, Freiheit & Feminismus mit Nina


Neulich hat das Thema „Barbie mit Kopftuch“ die Runde gemacht – und ich habe Kopf und Kragen bei Twitter riskiert, indem ich den Tweet und Beitrag einer gewissen Dame geteilt habe, die recht rechtspopulistische Schlagzeilen macht. Darauf hin entwickelte sich ein Gespräch mit Nina, alias Frau Papa, das ihr hier nachlesen könnt:

Béa: Liebe Nina,  wir wäre fast aneinander geraten, als ich ein Twitter-Experiment gemacht habe. Ich habe eine sehr kritische… eigentlich islamophobe Meinung zum Thema Kopftuchbarbie weiter geteilt und du hättest mich fast geblockt.

Ich finde es aber wichtig über solche Themen zu reden. Das tun wir jetzt!  

Barbie mit Kopftuch im Kinderzimmer!

“Endlich” – wie Teresa Bücker findet? “Verwerflich” wie die eine Dame, für die wir keine weitere Publicity machen wollen? Ähm, Moment mal. Barbie!!! Eigentlich fand ich diese Puppe immer eine ästhetische Entgleisung… selbst als Kind. Und du?

Nina: Ja, ich war echt erschrocken, als ich sah, wen du da retweetet hast und ich habe dir auch deutlich gesagt, was ich davon halte. Ich denke, das haben wir soweit geklärt.

Tja, Barbie sorgt immer wieder für Gesprächsstoff. Ich kann mich erinnern, wie laut über ihre Figur und Proportionen geschimpft wurde. Ich erinnere mich, dass vor einigen Jahren der Unterleib der Puppe verändert wurde – seitdem hat sie einen Slip an. Aber mein Bezug zu Barbie war…. Ich war etwa 25 als mir meine erste Barbie kaufte und für mich war es echt befreiend. Ich hatte als Kind keine und irgendwann erfüllte ich mir diesen Kindheitstraum.

Was mich erstaunt ist, dass die gerade bei Feminist*innen so umstrittene Puppe wegen eines Kleidungsstückes auf einmal als Symbol für Toleranz ankommt. Ich tue mich damit ein wenig schwer…

Béa: Da geht es ums Kopftuch. Ich finde Kleidungsstücke, die nur ein Geschlecht tragen soll, schon problematisch. Gerade mit dem Hintergrund, dass es “schützend” sein soll – vor anderen Menschen, sprich Männern. Geht’s noch? Ist das nicht beleidigend für die Kerle, eigentlich? Als könnten sie sich nicht im Griff haben, wenn sie Haare sehen… So kam doch das Kopftuch zustande, nicht?

Nina: Die Intention hinter der Verhüllung von Frauen ist, sie vor Belästigung und Übergriffen zu schützen. Also eigentlich ’ne grundsätzlich gute Idee. Aber wäre es nicht besser, die Ursache zu finden, warum Frauen überhaupt geschützt werden müssen?

Warum hat man seit Jahrhunderten lieber den Frauen Kleidungsvorschriften gemacht, statt das Verhalten der Männer zu ändern?

Irgendwie ist das Kopftuch ein Symbol für sexuelle Diskriminierung von Frauen durch Männer geworden. Aber das ist keine neue Erfindung. Es ist gerade mal hundert Jahre her, dass Frauen anfingen Hosen zu tragen. Und gerade in letzter Zeit höre ich immer wieder “wir brauchen keinen Feminismus mehr” obwohl wir von Gleichstellung noch weit entfernt sind.

Aber zurück zum Kopftuch. Das ist ja bei weitem nicht das einzige Kleidungsstück, das “Geschlechter trennt”… 

Béa: Natürlich nicht! Was ist mit dem Bikini? Ganz ehrlich, mir sind die Länder am liebsten, an denen FKK ganz unkompliziert ist… oder wenigstens topless am Strand OK ist. Das ist Freiheit!

Übrigens, für mich ist es auch Freiheit, auch am FKK-Strand im Bikini rumlaufen zu dürfen. Ich mache das aus zwei Gründen: Ich HASSE Sand in meinen empfindlichsten Hautfalten! Deswegen trage ich einen Bikini-Slip – kein Tanga, der bringt ja nix. Und dann finde ich, dass wenn ich braun bin, aber meine „Boobs“ noch weiß, sehen sie gleich größer aus. Also trage ich den Bikini für die optische Täuschung… Und deswegen mag ist es am liebsten, wenn nichts muss, aber alles sein darf. Übrigens auch Ganzkörperverhüllung wie in Australien – nicht wegen gesellschaftlichen Konventionen, sondern als Schutz vor Krebs…

Nina: Bikinis und Badeanzüge sind ein gutes Beispiel. Frauen müssen ihre Brüste verhüllen. Männer dürfen ihren Oberkörper nackt zeigen. Das Nippelverbot ist ja nicht nur in Schwimmbädern sehr aktuell. Aber warum haben Männer solche Vorschriften nicht? Warum ist männliche nackte Haut okay? Gelten für Männer wirklich so andere Regeln?

Béa: Für Männer kommt das subtiler, auf anderen Ebenen. Nackte Haut ist da in der Tat unproblematischer…  Aber!!!

Weisst du, wie viele Männer mir erzählt haben, dass sie sich im Business-Bereich ohne Krawatte nackt fühlen?

Jap. Genau das Ding, von dem Dr. Hirschhausen sagt, es sähe so aus, als würde es die Blutzufuhr zum Gehirn unterdrücken…

Nina: Irgendwie haben die Männer vor hundert Jahren etwas verpasst. Während Frauen sich die Freiheit erkämpft haben, Hosen zu tragen (und vieles mehr) blieben die Herren bei ihren gestärkten Kragen, weißen Hemden und förmlichen Regeln.

Es ist doch immer noch so, dass kaum ein Mann einen Rock oder ein Kleid trägt. Und wenn, dann wird er mit Sicherheit gefragt, was er drunter trägt. Eine Frage, die kaum jemand einer Frau stellt.

Béa: Haha! Das ist doch auf den Mythos Schottenröcke zurück zu führen, oder? Das macht neugierig. Oder nicht? Ist da eine andere Idee dahinter?

Nina:  Das hat sicher mit diesem Mythos zu tun. Aber berechtigt das dazu, einen Mann in Rock zu fragen, ob er unten rum nackt ist? Ich fand das immer sehr unangenehm, immerhin habe ich zwei Seiten der Genderrollen erlebt…

Béa: Oh ja, stimmt, du kennst ja beide Seiten. Ich fürchte, dass ich als neugieriger Mensch auch manchmal taktlos oder übergriffig bin, weil ich einfach eher kindisch drauf los frage.

Nina: Aber betrachten wir noch einmal das Kopftuch bzw. die Barbie. Du sagtest schon, dass Kinder sicher schon früher den Puppen Kopftücher gebastelt haben. Hattest du denn eine Barbie?

Béa: Ja, ich habe mal Barbies geschenkt bekommen, oder ein billiges Nachahmprodukt, ich war halt in Rumänien … Ich war nie so puppenaffin. Mein Freund Dan (Sohn von Chirurgen) und ich haben OP damit gespielt. Die haben nicht lange überlebt. Ich fand sie schlechter als andere Puppen, weil sie so dürr waren und man konnte sie so schlecht verarzten und verbinden. Das war unser Spiel.

Kinder werden ganz unabhängig von dem, was Hersteller beabsichtigen, ihr Spielzeug so malträtieren, wie es ihnen in den Kram passt. Wenn ein Kopftuch begehrenswert ist, weil die Mutter und die ältere Schwester das tragen, dann bekommt selbst der Kochlöffel einen Kopftuch, pardon, eine Serviette. Und zack! … schon stecken sie in dem drin, was man “halt so macht”. Und später, wenn sie aufgewachsen sind, entscheidet nur der Bildungsstand der Familie ob sie dem ganzen Brauch kritisch oder nicht kritisch gegenüber stehen.

Insofern glaube ich, dass der Verkauf einer Barbie mit Kopftuch nur den Umsatzzahlen von Mattel in den islamischen Ländern hilft – aber weder Frauen noch Mädchen dort in Punkto Fortschritt und Feminismus. 

Muss ich an dieser Stelle eine Klassikerin zitieren, die mal geschrieben hat, dass kein Spielzeug der Welt eine sexuelle Orientierung oder das Empfinden eines eigenen Geschlechtes beeinflusst?

Nina: … und Nagellack ist egal, auf wessen Fingernagel er landet…

Ich glaube, dass diese Barbie für Erwachsene viel mehr Symbolwert hat, als für die Kinder.  

Das führt zu lauten Äußerungen von Befürwortern und Gegnern. Und in dieser Diskussion ist oft zu viel Wut. Wut, die sich immer wieder gegen islamische Frauen richtet. Das ist nicht das, was eine Puppe bewirken sollte.

Béa: Nein. Aber wenn die Diskussion ein wenig Reflexion auf allen Fronten bewirkt, mehr Menschenverstand statt Befolgung von Regeln, Konventionen und Religionsvorgaben… dann hat sich das schon gelohnt! Danke, liebe Nina! 

Und, was meint ihr zu dem Thema? Wir sind gespannt auf die Weiterführung des Gesprächs!

Liebe Grüße,

Béa und Nina

P.S. Ich musste nachträglich noch diese Tweetfolge einbetten – weil sie mir aus der Seele spricht:

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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4 Kommentare

Frau Rumpelwicht
Antworten 18. November 2017

Moin moin,
interessante Diskussion, die Ihr da angezettelt habt.

Ich finde es nicht schlecht, wenn es auch eine Barbie mit Kopftuch gibt. Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft, in der es eben Frauen und Mädchen gibt, die Kopftücher tragen. Ob sie es derzeit alle freiwillig aus eigener Entscheidung tun oder nicht, ist - denke ich - eine andere Sache. Ich bin der Meinung, dass der Prozess, sich frei für oder gegen das Kopftuch zu entscheiden einfach noch einige Zeit brauchen wird. Ich meine, vor noch nicht allzu langer Zeit brauchten deutsche Frauen die Erlaubnis ihrer Ehemänner wenn sie arbeiten oder gar Auto fahren wollten! Und auch unser Prozess der Emanzipation ist längst noch nicht abgeschlossen.

Ich hoffe, dass sich im Laufe der Zeit die Gesellschaft so weit entwickelt, dass ein Kopftuch nicht mehr automatisch mit Unterdrückung und Zwang asoziiert wird, sondern es einfach ein Kleidungsstück wird, das man entweder trägt oder nicht und man sich nicht rechtfertigen muss warum man es trägt.

Daher finde ich, solange es auf der Welt Menschen gibt, die Kopftücher tragen, sollte es auch eine Barbie mit Kopftuch geben.

Und mal ehrlich: die krass bunten Kopftücher und Saris mancher Frauen finde ich total schick.

Liebe Grüße

Frau Rumpelwicht

im-chaos-daheim.de
Antworten 19. November 2017

Ich empfehle gerne an der Stelle, mal "barbie he-man" zu googlen und auf Bilder zu gehen. Über "Barbie" und ihr Aussehen wird seit Jahr(zehnten) diskutiert. Über "He-Man" habe ich noch keine Diskussion gehört. Dabei ist "He-Man" auch extremst stereotypisch.

Moss the TeXie
Antworten 22. November 2017

Ach, diese Debatte …
Ich bin größtenteils in Kulmbach im eher protestantischen Oberfranken aufgewachsen. Mittwoch und Samstag war (und ist) da Markt, und der Marktplatz war ein Meer bunter Kopftücher; zumindest kurz vor meiner Auswanderung vor knapp 20 Jahren war das immer noch so.
Überhaupt, im ländlichen Raum trug frau da Kopftuch, z. B. bei der Garten- oder Feldarbeit.
Das Wort „Islamismus“ kannten wir damals nicht, von religiösem Fanatismus las ich gerade mal in „Dune“.
Nur mal so zur Einordnung, warum mir die aktuelle Diskussion um eine u. U. ausgesprochen praktische Kopfbedeckung zimlich seltsam erscheint.

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