Leben geht immer vorwärts. Und lässt dabei etwas zurück. Nicole Schenderlein übers Blattwenden, Hilfe für Hinterbliebene nach Suizid.


Nach eurem großen Interesse für den Beitrag über das Hinschauen nach Suizid, haben Nicole Schenderlein und ich überlegt, dass es sinnvoll wäre zu beschreiben, wie sich engagiert und wie jede(r) von uns bei diesem Engagement auch helfen kann. Denn gerade jetzt mit dem erweiterten Lockdown ist zu erwarten, dass Menschen womöglich solche kapitalen Entscheidungen treffen… und andere Menschen zurücklassen:


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Erste Hilfe für Suizidhinterbliebene im Lockdown – 2021 zum Blattwender werden?

Neu. Drei Buchstaben, die es in sich haben.
Auf jeden Fall jetzt, zum Jahreswechsel, mitten in einer Pandemie, mitten im Lockdown. Je nachdem, wie wir die Zeit mit Covid-19 bisher geschafft haben, haben wir Sehnsüchte. Viele von uns haben das starke Verlangen nach neu.
Oder zumindest anders.
Oder wünschen sich das Gegenteil: Alles so wie früher.

Doch das wird es nicht.
Leben geht immer vorwärts.
Und lässt dabei etwas zurück.

Wie beim Umblättern einer Buchseite. Wer wissen möchte, wie eine Geschichte weitergeht, muss die Seite verlassen und die nächste aufschlagen.
Und genau das erleben wir gerade.
Abschied und Neubeginn, Hand in Hand.

Für manche von uns ist das Blattwenden aber nicht nur spannend und leicht. Vielen schneidet die Seite in die Finger, für andere ist es ein riesiger Kraftaufwand, das Buch überhaupt aufzuschlagen:

Für Familien, die gerade einen Menschen durch Suizid verloren haben, zum Beispiel.

Ich durfte für Tollabea bereits einen Gastartikel darüber schreiben, wie das für mich und andere war und ist, einen geliebten Menschen durch Suizid zu verlieren. Ich habe euch als LeserInnen gebeten, euch diesem Thema zu stellen. Nicht die Augen zu verschließen, wenn Menschen durch Suizid Hinterbliebene werden.

Seit Herbst melden sich vermehrt Hinterbliebene bei mir. Nicht immer, aber häufig sind es Frauen, die ihren Partner verloren haben, so wie ich mit Kindern. Ich weiß nicht, was uns jetzt nach Weihnachten und dem Jahreswechsel erwartet. Gepaart mit einer Pandemie und einem erneuten Lockdown. Wie auch bei anderen Themen ist Covid-19 wie ein Brennglas, das Probleme in den Fokus rückt, die schon die ganze Zeit im Argen lagen.

Fakt ist: Suizid gehört zu den häufigsten Todesursachen.

An Suizid sterben jedes Jahr mehr Menschen als durch Verkehrsunfälle. Hinterbliebene gibt es also viele. Eure Kommentare nach meinem Gastartikel und Besuche auf meinem Blog untermauern das.

Wir sind viele. Und trotzdem sprachlos. Bis jetzt.

Wir brauchen dringend eine neue Sprache für diese besondere Art von Trauer. Einen natürlichen Umgang damit – denn nur so können wir unser Lebensblatt leichter wenden. Und unsere Geschichten wirklich neu gestalten.

Das habe ich mir bei meinem gemeinnützigen Projekt Blattwenden zur Aufgabe gemacht.

Zuerst habe ich nur in meinem Blog über meine Geschichte geschrieben, mittlerweile ist es ein kleines Onlinemagazin geworden.

Ich kann darüber aufklären und anderen dabei helfen, ihre Geschichten zu erzählen. Ich kann als Bildhauerin in Zukunft (hoffentlich) in meinem Atelier für und mit anderen Suizidhinterbliebenen Kunst erschaffen, um eine neue Sprache für diese besondere Art der Trauer zu finden. Aber ich kann nicht mehr in meinem alten Job als psychologische Beraterin tätig sein.

Dafür habe ich eine Kollegin an Bord geholt, die auf E-Mail-Coaching spezialisiert ist. Noch kurz vor Weihnachten haben wir einen Verein gegründet, der hoffentlich noch im ersten Quartal an den Start geht. Aus dem Projekt Blattwenden wird ein gemeinnütziger Verein, der Suizidhinterbliebenen in ihrer jeweiligen Situation zur Seite steht – egal, ob der Suizid gerade passiert ist oder zehn Jahre oder länger zurück liegt.


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Da die Sprachlosigkeit groß ist, brauchen wir oft viel Zeit, um uns dem Thema wieder zu nähern.

Eine Pandemie führt nicht nur dazu, dass es mehr Hinterbliebene durch Suizid gibt, sie holt auch alten Schmerz wieder hoch. Auch dafür wollen wir da sein: Mit Kreativität und Hoffnung und Offenheit.

Um für Suizidhinterbliebene verlässlich da sein zu können, brauchen aber auch wir Verlässlichkeit.

Da Hinterbliebene durch den Suizid meist auch in finanzielle Schwierigkeiten geraten, arbeiten wir gemeinnützig und auf Basis von Solidarität. Gerade jetzt, besonders jetzt. Wir brauchen deshalb andere, die in unsere Arbeit investieren. Hinterbliebene von Suizid, die das gut überlebt haben und andere unterstützen möchten. Oder dich, weil es dir gut geht und du etwas weitergeben möchtest. Oder Firmen, andere Vereine oder Kirchengemeinden, die sagen: Dieses Themas nehmen wir uns jetzt an! Weil es bisher kaum jemand anderes getan hat und wir die ersten sind, die sich das trauen!

Wenn ich mir vorstelle, dass mir das jetzt passiert, mitten im Winter, zu Jahresbeginn, mitten in einer Pandemie – dieses Grauen ist so schon kaum auszuhalten. Jetzt ganz alleine trauern und aufräumen zu müssen. Ohne Unterstützung von Freunden und Familie. Ich kann das nicht mit ansehen und nichts tun.

Deshalb habe ich einen Erste-Hilfe-Guide geschrieben für Hinterbliebene durch Suizid. Damit sie wenigstens etwas an der Hand haben. Darin gibt es auch Links zu anderen Texten von mir – etwa über das Trauern von Kindern und wie Freunde und Familie helfen können:

https://green-woman.de/wp-content/uploads/2020/11/Erste-Hilfe-in-Zeiten-des-Grauens-1.pdf

Meine Bitte an euch Tollabeas ist: Teilt diesen Artikel.

Damit er möglichst viele erreicht, die ihn jetzt dringend brauchen.

Und überlegt, ob ihr nicht Blattwender für andere werden möchtet. Je mehr regelmäßige Unterstützer Blattwenden bekommt, desto mehr können ich und mein kleines Team in Zukunft erreichen:

https://green-woman.de/spenden/

Meine Website sieht leider noch genauso aus – nach einem Projekt, gewachsen aus einem Blog. Normalerweise würde ich erst um Förderung bitten, wenn alles professioneller ist – aber was ist zurzeit schon „normal“?

Damit es ein Stück weit „normaler“ werden kann für Blattwenden und Trauernde nach Suizid, muss man sich auf den Weg machen und auch mal etwas publik machen, was noch nicht perfekt sitzt. Nach einem Suizid muss man schließlich auch einfach weiterleben und kann nicht darauf warten, dass alles plötzlich schick ist.

Denn wie gesagt: Das Wort „neu“ hat es in sich.

Es kann provozierend und nervig sein, anstrengend und schmerzhaft, aber auf hoffnungsvoll und funkelnd.
Und genau da wollen wir hin.
Vom Grauen zum Grünen.

Nicole Schenderlein ist Projektleiterin von Blattwenden, einem gemeinnützigen Angebot für Suizid-Hinterbliebene. Dazu gehören das Blog www.green-woman.de und in Zukunft Kreativzeiten und Onlinecoaching. Ihr findet sie auch bei Facebook www.facebook.de/LuetteLockesLandhuus und Instagram https://instagram.com/green_woman_art.

Wer Nicoles Arbeit unterstützen möchte, bekommt hier weitere Infos:
https://green-woman.de/spenden/

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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