Vom Loslassen und Vertrauen: Mein Kind ist mit 15 Jahren für ganze 6 Monate auf den Weltmeeren unterwegs


Drei Wochen ist es nun her, seit mein Großer sein Abenteuer begann. Auf einem Segelschiff folgt er den Spuren von Christoph Kolumbus und reist mit dem Ocean College über den Atlantik. Sechs Monate wird die Pelican of London, ein 45 Meter langes Segelschulschiff, sein zu Hause sein.

Eine Alternative zum Auslandsaufenthalt? Was für eine!

Sechs Monate lang sind 31 andere Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz, eine Crew aus England und eine Handvoll Lehrerinnen und Lehrer seine Familie. Es ist das größte Abenteuer, das wir bisher zusammen als Familien erleben, denn auch wenn er die Reise ohne uns macht, sind wir gedanklich doch immer dabei.

Ich sitze hier auf meinem Sofa und überlege, was mein Großer denn jetzt wohl gerade macht.

Klettert er auf irgendwelchen Masten rum, kocht er Essen, schrubbt er das Deck oder zockt er mit den anderen Kids eine Runde Karten? Zweimal konnten wir in den letzten zwei Wochen miteinander telefonieren, denn wenn das Schiff anlegt, bekommen die Jugendlichen für eine Stunde ihre Telefone, um ihre Familien anzurufen. Danach herrscht wieder Funkstille, zumindest was den direkten Austausch miteinander angeht.

Schiff ahoi. Die Abfahrt aus Bordeaux ist der Beginn der großen Reise.

Weit weg und doch voll dabei.

Per Reiseblog, Kapitäns-Logbuch, Instagram und Facebook kann man als Außenstehender die Position des Schiffes verfolgen und bekommt tatsächlich einen guten Einblick in den Bordalltag. Trotzdem war diese Nicht-Erreichbarkeit des eigenen Kindes für mich erstmal gewöhnungsbedürftig. Ich kann tatsächlich ganz gut loslassen, weil ich weiß, dass der Große sich sicher fühlt, ziemlich gut in sich ruht und überhaupt ein sozialer Junge ist, der gut mit anderen klarkommt. Trotzdem ist es doch ein ziemlicher Schritt in Richtung Abnabelung, wenn man sich mit 15 Jahren auf solch ein Abenteuer einlässt.

Erste Einweisung der Jugendlichen an Bord der Pelican of London.

Da ich selbst mit 16 von zu Hause auszog, um im 300 km entfernten Hamburg mein Abitur zu machen und dann mit 18 sogar für mehrere Jahre nach London ging und eine großartige Zeit hatte, war für mich immer klar, dass ich meine Kinder ebenfalls loslassen würde, um Erfahrungen in neuen Umgebungen zu sammeln. Sich auf diese Herausforderungen einzulassen, hat mein Selbstbewusstsein unheimlich gestärkt und mir einige der schönsten Erinnerungen in meinem Leben beschert.

Die guten Vorsätze treffen auf die Realität. Ergebnis: Magengrummeln.

Neben meinem guten Vorsatz, das eigene Kind loszulassen, gab es dann in der Praxis aber doch das ein oder andere Magengrummeln, als es so weit war. Ist das Kind erstmal auf dem Atlantik, gibt es so schnell kein Zurück. Im Falle von Heimweh oder Sehnsucht gibt es kein Telefon und überhaupt, ist ab dem Moment des Loslassens absolutes Vertrauen angesagt. Man gibt sein Kind in fremde Hände, vertrauend darauf, dass alles gut geht.

Am schlimmsten waren die ersten Tage, nachdem das Schiff abgelegt hatte und die Biskaya überquerte, eine Bucht des atlantischen Ozeans, die für schlechtes Wetter, extremen Seegang und schwere Stürme bekannt ist. Via Instagram und Logbuch wurde klar, dass die Mehrheit der Jugendlichen und sogar ein Teil der Crew an starker Seekrankheit litten.

Nicht zu wissen, wie es dem eigenen Kind geht, ist eine echte Herausforderung.

Irgendwann musste sogar ein Zwischenstopp eingelegt werden, wie ich dem Logbuch des Kapitäns online entnehmen konnte, damit sich die Mägen beruhigen und alle zu Kräften kommen konnten. Dass gerade der Anfang der Reise schwierig und herausfordernd sein würde, hatten die Organisatoren der Reise stets deutlich gesagt. Ich zitiere aus dem Vorstellungsgespräch des Großen mit dem Projektteam: „80% der Leute an Bord werden am Anfang seekrank sein und die restlichen 20% schrubben das Deck! Es ist definitiv keine Urlaubsfahrt!“ So war es dann auch. Und obwohl für mich der normale Alltag weiterging, lauerte im Hinterkopf immer wieder die Frage, wie es dem Großen wohl geht.

Logbuch des Kapitäns der Pelican of London

Dieser scheint mit einem stabilen Magen ausgestattet zu sein und rief dann vom ersten offiziellen Ankerplatz in Vigo, Spanien, total glücklich an und berichtete, wie toll alles wäre. Er fände die Wellen tatsächlich ziemlich cool, weil es ein bisschen wie Achterbahn fahren wäre. Mein mütterlicher Instinkt riet ihm, diese Freude nicht mit seinen seekranken Mitfahrern zu teilen, da sie ihn sonst möglicherweise Kielholen. Tatsächlich geht es mir seit diesem Anruf aber ebenfalls ziemlich gut, denn das Loslassen ist so viel einfacher, wenn man weiß, dass das Kind Spaß hat und sich wohl fühlt.

Facebook-Post vom Ocean College: „Neben all der Dinge, die wir auf unserer Reise lernen, neben all den Orten, die wir uns anschauen und all der Aufregung: eines der schönsten Erlebnisse sind immer wieder die atemberaubenden Sonnenuntergänge, die uns daran erinnern, dass wir die Schönheit des Lebens in den einfachen Dingen finden können und wie beeindruckend der einfache Fakt ist, dass jeden Abend die Sonne untergeht und und jeden Morgen ein neues Strahlen schenkt.“

Keine Zeit für Heimweh – und auch wenn es ein bissel zwickt, ist das genau richtig so.

Wir grooven uns also gerade ein, mein Großer und ich und lernen den Abstand wertzuschätzen. Es fühlt sich noch immer komisch an, dass sein Zimmer leer ist und er in wenigen Wochen seinen 16. Geburtstag ohne uns feiern wird. Als wir telefonierten, fragte ich, ob er Heimweh hätte und etwas entschuldigend sagte er, dass tatsächlich niemand auf dem Schiff wirklich Heimweh hat, weil alles so aufregend und spannend wäre. Ich erinnerte mich an meinen Abschied von zu Hause und daran, dass ich mich teilweise tagelang nicht meldete, weil ich einfach so viel zu entdecken hatte und alles so neu war. Rückblickend tun mir meine Eltern echt leid, denn im Gegensatz zu meinem Sohn, war ich nicht in einem festen Projekt unterwegs, sondern in einer ausländischen Großstadt, in der ich einfach mein eigenes Ding machte. Jetzt allerdings helfen mir genau diese Erinnerungen an meine Gefühle damals, um mich einfach nur unsagbar für den Großen zu freuen und nicht traurig zu sein, dass das Loslassen für ihn so einfach war. Überhaupt, hat man nicht genau dann sein Ziel als Eltern erreicht, wenn sich die eigenen Kinder sicher genug fühlen, um allein die Welt zu entdecken?

Delfine begleiten das Schiff regelmäßig. Hier eine Aufnahme, die mein Großer gemacht hat.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Wir werden an diesem Abenteuer wachsen. Beide individuell und als Familie.

Ich werde weiter berichten. Schiff ahoi und liebe Grüße!

Wer von euch kann sich ein solches Abenteuer für sein Kind vorstellen? Wäre das für euch eine Alternative zum Auslandsaufenthalt?

Stefanie

Zur Transparenz: Dieser Beitrag ist keine Auftragsarbeit. Ich möchte einfach gern über dieses Abenteuer, unsere Erfahrungen als Familie und die Gefühle, die mich als Mutter dabei begleiten, berichten.

Stefanie Kaste
About me

Stefanie lacht, lebt und liebt in Berlin zusammen mit ihrem Lieblingsmann, ihrem Teenager und ihrem kleinen Tornado. Als Familie erkunden sie die Welt, suchen nach dem Ende des Regenbogens und sind immer für neue Abenteuer zu haben. Stefanies Herzensthemen sind die (digitale) Bildung und Nachhaltigkeit, denn beides sind Kernthemen, um die Zukunft unserer Kinder positiv zu gestalten.

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