Von Menschlichkeit und vom nicht Wegschauen


Heute gebe ich einfach nur weiter an unsere Kolumnistin mindfulsun. Bin selbst berührt und nachdenklich – und vielleicht wirkt das ähnlich auf euch…

Der Artikel über Suizid und das Hinschauen hat mich so berührt, ich möchte heute meine Gedanken und Gefühle zum Thema „Menschlichkeit“ mit euch teilen. Und auch „Wegschauen“ wird eine Rolle spielen.

Wenn ich von Menschlichkeit schreibe, ist das ein übergeordneter bedeutungsvoller Wert für mich. Menschlichkeit sind für mich Mitgefühl, Toleranz, Respekt, Liebe, Wärme, Nachsicht, Hilfsbereitschaft und ja auch: nicht wegschauen! Und einiges mehr.

Menschlichkeit bedeutet für mich auch, die Würde eines Menschen anzuerkennen und danach zu handeln. Und Menschlichkeit schließt für mich auch Tiere und die Natur generell mit ein. Das wird ein separater Artikel, denn das ist auch ein Hauptgrund dafür, dass ich vegan lebe.

Ich schreibe hier von mir und von meinen Werten. Ich sage nicht, meine Sicht ist richtig und alle sollten danach leben. Deswegen wird dieser Artikel, wie fast alle von mir, in ICH Form verfasst.

Menschlichkeit und Würde – Beispiel Obdachlosigkeit

Wenn ich auf der Straße einen Menschen sehe der mir die Hand entgegenstreckt, um etwas bittet, dann gebe ich – wenn ich kann.

Und manchmal habe ich weggeschaut. Mir war es unangenehm, nicht helfen zu können. Also bin ich weiter gegangen. Das tue ich heute nicht mehr.

Kennt ihr diesen Satz: „Ich kann nicht allen helfen“?
Ja, ich kann nicht in jedem Fall etwas Materielles geben.

UND ich kann helfen, dass sich dieser Mensch nicht entwürdigt / entmenschlicht fühlt. Ich kann ihm zeigen: Ich sehe dich. Und das Mindeste was ich tun kann ist hinschauen, den Menschen ansehen. Wenn mir jemand eine Obdachlosenzeitung verkaufen möchte und ich möchte sie nicht, aus verschiedenen Gründen: Ich kann zumindest ein „Nein, danke.“ Formulieren. Hinschauen, nicht wegsehen! Augenkontakt, Menschen anlächeln. Wer jetzt an dieser Stelle denkt: „Aber das ist ja keine Hilfe, davon kann sich ja niemand etwas kaufen.“ Vielleicht könnt ihr es euch nicht vorstellen: Wahrgenommen zu werden, kann auch Hilfe sein und viel wert. Oft genug enden für Menschen, die auf der Straße leben müssen die Menschlichkeit und die Würde. Sie werden nicht mehr wahrgenommen. Und ja, ich kenne das durch mein Trauma: Mich nicht mehr als Mensch fühlen, keine Menschenwürde mehr zu haben.

Natürlich gebe ich, wo ich kann. Das ist in diesem Artikel nicht Schwerpunkt.
Hier ist ein Artikel zum Umgang mit obdachlosen Menschen und auch zum Thema: „Ich gebe kein Geld, sie kaufen davon Alkohol“!

Passend dazu ein wichtiger Punkt für mich: Bewertungen!

Manchmal habe ich gedacht, dass sich Menschen ja selbst in verschiedene Lagen und Situationen gebracht haben. Kennt ihr diese Gedanken? „Selbst Schuld / Wer sich in die Situation bringt, sollte auch alleine wieder rauskommen / Eigene Verantwortung!“

Was sind das für Glaubenssätze? Wo kommen sie her? Ich habe sie für mich abgelegt.

Ich habe meistens trotzdem geholfen, andere tun es aus diesen Glaubenssätzen heraus vielleicht nicht.


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Wichtig ist für mich: Ein Mensch ist in Not. Wie er dahin gekommen ist, was er selbst getan hat, spielt keine Rolle. Das Haus brennt und es muss gelöscht werden!

Wer bin ich zu bewerten, warum das Haus brennt? Generell übe ich mich darin, nicht mehr zu bewerten. Menschlichkeit ist für mich auch, den Menschen als Ganzes wahrzunehmen, nicht nur die Momentaufnahme.

Würde ich Menschen helfen, die mir geschadet haben? Ja.

Auch ignorieren, wenn mich jemand direkt um Hilfe bittet, empfinde ich als unmenschlich und respektlos. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich den Menschen mag. Ich kann „Nein“ sagen oder „Jetzt nicht.“

Wegschauen, ignorieren – das geht für mich überhaupt nicht. Jeder Mensch ist es wert, wahrgenommen zu werden. Und es ist für mich auch eine Frage des Respekts, Teil der Menschlichkeit, jemanden dann nicht komplett zu ignorieren.

„Bitte hilf mir!“ ist wohl einer der am schwersten auszusprechenden Sätze. In dem Moment mache ich mich verletzlich. Dann auf Ignoranz und Schweigen zu treffen, tut sehr weh. Das Mindeste ist für mich: „Ich sehe dich in deinem Schmerz und deiner Not, auch wenn ich dir nicht helfen kann.“

Menschlichkeit ist für mich auch das Bewusstsein: Wir sind alle miteinander verbunden! Es geht um mehr, als nett und freundlich zueinander zu sein. Menschlich zu handeln, hat auch einen Effekt: Wie durch einen Stein, der ins Wasser geworfen wird entstehen Wellen. Menschlichkeit wird weitergetragen und öffnet Herzen.

Was mir wichtig ist, auch menschlich mit mir selbst umzugehen. Selbstfürsorge, mich auch wahrnehmen und mir selbst Mitgefühl entgegenbringen. Das habe ich erst in der Therapie gelernt. Allerdings kann der Grat zwischen Selbstfürsorge und Egoismus schmal sein. Da habe ich einige Fehler gemacht. Und hier darüber geschrieben:

Ist das noch Selbstfürsorge oder schon Egoismus und Vermeidung?

Selbstlos heißt für mich nicht, mich selbst vergessen. Sondern mein Ego hinter mir lassen und mich als Teil von etwas zu begreifen. Ich kann viel beitragen. Ein Wort, ein Lächeln, ein Satz können manchmal nicht nur den Tag eines Menschen retten, sondern vielleicht auch sein Leben. Auf jeden Fall können sie Wärme bringen, in das Leben des anderen Menschen und auch in meins. Und das ist viel wert. Mitgefühl und Freundlichkeit können eine heilende Wirkung haben. Denn fast alle Menschen tragen innere Kämpfe aus, haben tiefe Narben, die niemand sieht. Menschlichkeit, Mitgefühl, nicht wegschauen – können dann Balsam sein.

“A kind gesture can reach a wound that only compassion can heal.”
Steve Maraboli

Menschlichkeit – und damit auch das nicht Wegschauen – ist eine bewusste Entscheidung. Die Augen öffnen, mehr Mitgefühl entwickeln, das hängt von jedem von uns selbst ab. Die Saat ist schon da, wir können sie gedeihen lassen und pflegen. Auch bei unseren Kindern.

Anderen Menschen und Lebewesen mit Menschlichkeit zu begegnen, hinterlässt Spuren. Im Herzen und vielleicht auch im Leben anderer und auch in meinem eigenen Leben.

Nicht Wegschauen ist ein wichtiger Teil davon. Bei Themen, die mich unangenehm berühren und ich deswegen wegschaue, reflektiere ich. Das sind Lernthemen für mich, die ich bearbeite. Daran wachse ich.

Was ich mir wünsche? Dass Menschen in sich selbst schauen und reflektieren. Menschlichkeit kann so viel bewegen!

Heute habe ich keine Fragen für euch, vielleicht habt ihr selbst welche, an euch.

Eure mindfulsun


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Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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