Wenn die Zeit noch nicht abgelaufen ist, trotz Demenz – Wie meine Oma vom Leben geküsst wurde


Heute will ich euch von einem Wunder erzählen, einem echten! Es geht um meine Oma, und um mich und meine Familie.

Wenn die Zeit noch nicht abgelaufen ist, trotz Demenz – Wie meine Oma vom Leben geküsst wurde

Bevor meine Oma zu uns kam kannte ich sie als eine sehr adrette Frau, mit dicken Perlenketten und dieser großen goldenen Brille. Sie hatte es faustdick hinter den Ohren, und als wir klein waren, spielte sie mit uns immer Verstecken im ganzen Haus. Mein Opa und meine Oma haben lange Zeit einen Gasthof geführt: Ferien auf dem Bauernhof mit Trekkerfahrt, Hühnerstall und ein Karussell, das heute sicher keine Zulassung mehr bekommen hätte. Meistens kamen wir jede Woche Sonntag zum Abendbrot vorbei, und kamen dabei stets in den Genuss des norddeutschen Klassikers: Würstchen mit Kartoffelsalat.


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Das riesige Gästehaus mit all seinen versteckten Winkeln, die große Scheune, die Hasenschar die sich jede Woche gefühlt verdoppelte – ein Paradies für uns Kinder!

Für die Heimfahrt gab es immer Eier, Butter und einen Mars-Riegel auf den Weg.

Irgendwann wurden Oma und Opa schwächer, ich war noch relativ jung als Opa starb. Meine Tante zog zu meiner Oma, um sich um den Gästebetrieb zu kümmern und Oma zu versorgen. Oma wurde ein Pflegefall, bettlägerig, und sehr stark dement. Auch wenn wir dann schon größer waren, es war eben anders, wenn wir zu Besuch kamen.

Wir haben dann brav Guten Tag und Auf Wiedersehen gesagt, Fernsehen in ihrem Zimmer geguckt, aber sie kam mir seitdem eher fremd vor.

In einem Sommer passierte dann etwas ganz Tragisches:

Meine Tante, die meine Oma pflegte, hatte einen wirklich schrecklichen Verkehrsunfall, bei dem sie fast ums Leben gekommen ist. Ich habe noch ein Bild, dass ich gezeichnet habe, nach einem Besuch auf der Intensivstation. Alles voller Schläuche und Schrauben. Von einem auf den anderen Tag kam meine Oma zu uns. Der Arzt sagte, es ginge ihr so schlecht, dass sie vielleicht nur noch ein paar Tage lang mitmacht, höchstens ein paar Wochen. Sie konnte weder Essen noch Trinken, nicht sprechen und schon gar nicht – sich irgendwie bewegen.


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Was soll ich sagen? Wunder gibt es eben doch: Oma lebte noch ganze vier Jahre lang bei uns!
Sie blühte auf wie eine Kirschbaumknospe im Frühling.

Es war wirklich, als würde ihr nochmal ein neues Leben geschenkt werden. Zugegeben, wir waren daran nicht ganz unschuldig. Ich habe viele Geschwister und als wir noch alle Zuhause gelebt haben, war das Leben pur! Im Sommer ist der Garten und Pool Mittelpunkt von so ziemlich allem, es wird gequietscht, gekreischt, getobt, gesungen, geschaukelt, geschwommen um die Sonnenliege gerungen… Meine Eltern haben ein sehr offenes Haus, immer viel Besuch und viele Freunde da, immer jemand zum Streiche spielen, streiten oder Zeit vertreiben.

Wohl nicht die günstigen Umstände zum Sterben!

Meine Mum hat sich unglaublich in ihre Schwiegermutter investiert, über viele viele Jahre nicht nur ihren Körper gepflegt, sondern auch ihre Seele und ihren Geist.

Sie ist Ergotherapeutin und traut den Menschen mehr zu als die sich selbst. Wenn Oma ohne Zähne auf einer Brotkruste herumkaute, dann war klar: Das ist gut für die Durchblutung! Pürieren kommt gar nicht in Frage.
Sie hat Oma in so vieler Hinsicht gefordert, und dadurch fit gemacht.
Obwohl Oma vorher zwei Jahre nur liegen konnte, saß sie bei uns mehrere Stunden am Tag im Rolli.
Wir haben ihr fahrbares Bett in einen Aufzug verwandelt, sie lag natürlich drin.
Auf ihrem Rollstuhl Kunststücke gemacht, ihr komische Hüte aufgesetzt…

Hauptsache unkonventionell!

Irgendwann hat sie wieder angefangen zu sprechen! Alte Heimatlieder kamen zutage und sie haute wirklich die besten Sprüche aus dem Nichts raus. In der Zeit hatte ich ein kleines Aufnahmegerät, mit dem ich alle Geräusche der Welt einfangen wollte. Keiner konnte so gut Tiergeräusche nachmachen wie meine Oma – ich habe eine ganze Kassette voll mit ihrem Gebell, Gejaule und Gequietsche!

Für meine Oma war es damals noch nicht Zeit zu gehen. Sie hat zwar in ihrem Leben so viel gewuppt und gearbeitet…

Aber bei uns konnte sie einfach Mensch sein, da sein, Zeit haben, das Leben nochmal in anderen Farben sehen.

Sie war mittendrin, im turbulenten Familienalltag, hat ihren Enkeln beim Wachsen zugeschaut. Wenn ich so zurückschaue dann weiß ich, dass diese Zeit, ein ganz besonderes Geschenk an uns alle war. Ich konnte eine Beziehung zu Oma aufbauen, die von Nähe und Liebe geprägt war und vor Schabernack nur so triefte!

Ich sehe mich in ihr, vielmehr als geahnt hätte. Sie ist wirklich ein echter, anfaßbarer Teil meines Lebens geworden. Ich kann es nicht anders beschreiben, wenn ich sage, das ist ein Wunder.

Kennt ihr auch solche Wunder?

Eure

Larissa

Larissa
About me

Studentin, Mentorin, Potenzialentfalterin. Lebt leicht. Liebt alles was mit Entwicklung zu tun hat: Schule, Menschen, Städte... und Blumen! Familienmensch. Hat große Träume für die Bildungslandschaft. Und ein überdurchschnittlich hohes Bedürfnis nach Schnörkeln.

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2 Kommentare

Otto Krull
Antworten 25. Februar 2021

Danke Larissa für diesen Artikel!!! So toll geschrieben. Jetzt weis ich woher DU den Schabernack hast...
In Liebe
Dein Papa

Gaberle
Antworten 1. März 2021

Hey Larissa,
Du hast dein Herz geöffnet und öffnest damit andere Herzen. Auch meins. DANKE!
Es stimmt, es gibt so viel mehr als unseren Verstand und den normalen Wahnsinn und was wir Kommunikation nennen. Wir können auf so viel anderen Ebenen kommunizieren und uns verbinden und das ist eine Offenbarung.
Du bist das übrigens auch, eine Offenbarung!
Gaby

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