Die menschliche Seite der Sexualität gehört für mich auch zur Aufklärung


Ich habe lange überlegt, wie ich dieses Thema angehe. Ich meine: Hier im Blog angehe, nicht mit meinen Jungs. Denn wir haben hier zu Hause darüber gesprochen.

Aufklärung und Sexualität: Dazu gibt es viele Bücher und Artikel.
Auch in der Schule ist es ein Thema.

Geschlechtskrankheiten, Safer Sex, Verhütung. Das Thema wird viel angerissen.
Was mir fehlt: Die menschliche Komponente. Wie gehe ich mit den Menschen um, die ich date und mit denen ich Sex habe?
Denn Sexualität ist ja nicht nur Geschlechtsteile ineinanderstecken.


ANZEIGE


Bevor ich jetzt loslege: Ich verurteile nicht! Ich möchte den menschlichen Aspekt beleuchten – und zwar von verschiedenen Seiten. So wie ich es in allen Artikeln versuche.

Dieser Artikel wird auch kein Leitfaden für solche Gespräche. Ich möchte den Impuls setzen, dass vielleicht der eine oder andere mit seinen Teenagern auch mal darüber spricht. Jetzt könnte der Einwand kommen: „Aber, das ist doch normal!“. Wenn es denn so „normal“ wäre: Warum gibt es dann solche Phänomene wie „Ghosting“?

Für alle, denen Ghosting kein Begriff ist. Wikipedia sagt das hier dazu:

„Unter dem Begriff Ghosting (engl. „Geisterbild“, „Vergeisterung“) versteht man in einer zwischenmenschlichen Beziehung (Partnerschaft oder Freundschaft) einen vollständigen Kontakt- und Kommunikationsabbruch ohne Ankündigung. Obwohl vorher etwa Dates stattgefunden haben oder eine Beziehung bestand, laufen plötzlich jegliche Kontaktversuche ins Leere.[1]“

Sie werden nicht ausbleiben, die Schmerzen, wenn irgendwas endet. Alles endet im Leben und eigentlich wissen wir das.

Worüber ich heute schreibe, ist: Unnötiges Leid vermeiden.

Und hier gehört für mich eine ordentliche Portion Respekt dazu. Die Welt hat sich verändert und Menschen lernen sich nun mal auch im Internet kennen. Smartphones gehören ja auch bei vielen zum Leben dazu. Auch unsere Teenager bewegen sich in dieser Online- und Technikwelt. (Und mit: Die Welt hat sich verändert, meine ich: Ich bin 48 Jahre alt und ich kenne noch Zeiten, da gab es kein Internet und keine Smartphones.)

Ich schreibe auch nicht ausdrücklich über Dating Apps wie Tinder. Für mich ist Tinder wie ein Markt: Menschen wie Objekte wegwischen. Ist nicht meins. Hier sind die Geschmäcker verschieden.

Ich schreibe davon:
Wenn sich Menschen begegnen, dann mit einem „Hallo“.
Am Ende, wenn sie auseinandergehen, wünsche ich mir ein: „Lebewohl“.

Und dann das dazwischen: Die Zeit, die wir mit anderen Menschen verbringen und eben auch vielleicht Sex haben. Die Grundlage jeglicher zwischenmenschlicher Beziehung ist für mich Respekt. Die Bedürfnisse des anderen Menschen sind ebenso wichtig wie meine eigenen. Und zwar, ohne dass ich etwas aus Pflicht, Scham, Schuld oder Angst tue. Ich erfülle mir meine Bedürfnisse nicht auf Kosten von anderen Menschen. Das ist meine Verantwortung! Darüber habe ich auf meinem eigenen Blog schon geschrieben.

Zurück zum Ghosting:

Was also nun, wenn ich jemanden kennenlerne und ich möchte, aus welchen Gründen auch immer keinen Kontakt mehr? Oder es knallt zwischenmenschlich? Mobile Endgeräte und Internet machen es möglich: Blockieren auf allen Kanälen. Und zwar ohne Worte. Ich könnte jetzt schreiben: Es ist so schön bequem und diese Menschen sind furchtbar. Das tue ich nicht. Vielleicht scheuen diese Menschen Auseinandersetzungen, haben nicht gelernt, damit umzugehen. Vielleicht ist ihnen Klarheit unangenehm. Zu sagen: „Ich möchte keinen Kontakt mehr mit dir. Ich habe jemanden anders kennengelernt. Es passt einfach nicht.“ kann unangenehm für manche Menschen sein. Denn es wird ja Reaktionen geben. Und die sind manchmal schwer auszuhalten.

Respekt hat für mich viel mit Klarheit zu tun. Klarheit ist Respekt!


ANZEIGE


Und auch wenn es die Technik einfach macht: Ein respektvoller und menschlicher Umgang miteinander ist mir wichtig.

Hier spielt für mich eben auch mit rein, wie wir in Familien mit Konflikten umgehen. Werden Themen vermieden? Wie gehen wir damit um, wenn Emotionen hochkochen? Wie respektvoll behandeln sich Menschen in Konflikten? Das prägt fürs Leben.

Auch ich konnte das nicht wirklich. Ich habe das für mich gelernt.

Ein anderer wichtiger Aspekt für mich ist: Menschen machen sich verletzlich, öffnen sich, wenn sie sich begegnen. Und mit dieser Verletzlichkeit gehe ich respektvoll um.

Nicht, weil ich mich für den anderen verantwortlich fühle! Sondern, weil ich verantwortlich bin für das, was ich sage und tue. Oder eben (im Fall des Ghosting) auch verantwortlich dafür bin, was ich nicht sage und tue. Und in dem Bewusstsein: Das hat Auswirkungen auf andere Menschen. Wenn ich also keinen Kontakt mehr mit jemandem möchte, sage ich das. Ja, der andere Mensch wird sich womöglich verletzt fühlen und traurig sein. Doch begegne ich ihm mit Respekt und verschwinde nicht einfach von der Bildfläche.

Dieses Verschwinden kann massive psychische Auswirkungen bei anderen Menschen haben: Zweifel, Unsicherheiten, tiefer Kummer, Ängste. Denn hier werden Grundbedürfnisse berührt: Sicherheit, Respekt und Verbindung. Meine Söhne würden jetzt sagen: „Das fickt den Kopf!“

Ich kann und möchte niemanden zwingen, mit mir in Kontakt zu treten.
Und ich achte und respektiere hier auch die Bedürfnisse des anderen Menschen: Er möchte keinen Kontakt mehr.

Wenn ich also auf der anderen Seite vom Ghosting bin, die Selbstzweifel kommen, kann ich mir klarmachen: Wie sich ein anderer Mensch verhält, liegt bei ihm. Nicht bei mir! Und hier sind für mich Freunde und Familie wichtig, die ein offenes Ohr haben und zuhören. Wenn ich das brauche. Die Palette der Emotionen: Verwirrung, Trauer, Ärger – die wird kommen. Und irgendwann hoffentlich kommt: Akzeptanz.

Hier ist es also auch wichtig, mit starken Emotionen umgehen zu können.

Ich habe gelernt, mich mit dem Schweigen anderer Menschen mit Empathie zu verbinden. Schweigen ist ja auch Kommunikation. Und wenn es jemandem vielleicht schwerfällt, eigene Emotionen auszuhalten, es ihm womöglich unangenehm ist, den Kontakt abzubrechen: Wie soll er denn die Emotionen aushalten können, die dann als Reaktion auf den Kontaktabbruch kommen?

(Anmerkung: Verschwunden von der Bildfläche sind Menschen auch schon vor dem Internet und den Smartphones. Diese Art der Kommunikation und die Technik machen es allerdings viel einfacher. Durch das Internet finden sich Menschen ja auch auf größere Entfernungen. Das spielt hier für mich auch mit rein.)

Der andere Punkt: Casual Sex – lockerer Sex / Gelegenheitssex / Sex ohne Verbindlichkeiten

Hier gibt es viele Möglichkeiten: One Night Stands, Sex mit Freunden, Sex mit Fremden und das mehr als einmal etc.

Ja, vielleicht werden unsere Kinder das erleben und wollen. Es gibt eben mehr als feste Paarbeziehungen. Vielleicht möchte das jemand nicht oder er möchte sich sexuell ausprobieren.

Auch hier: Klarheit und gemeinsame Absprachen!

Wenn ich weiß, was ich mir wünsche und mit einem Menschen vorstellen kann: Sage ich das und lasse es nicht unausgesprochen. Womöglich aus Angst, der andere lässt sich dann nicht darauf ein. Auch hier lassen sich Verletzungen und unnötiges Leid vermeiden. Die Gefühle und Bedürfnisse beider Menschen sind wichtig. Wenn die auf einem Blatt sind: Perfekt!
Auch bei Casual Sex steht Respekt ganz oben und das menschlich miteinander umgehen. Unverbindlicher Sex bedeutet für mich nicht: ohne Menschlichkeit. Ich bin doch nicht nur in einer Beziehung oder wenn ich verliebt bin rücksichtsvoll und respektvoll.

Einvernehmlicher Sex ist etwas Wundervolles! Auch bei „unverbindlichem“ Sex achte ich die Grenzen des anderen Menschen und darauf, dass die Bedürfnisse beider zählen.

Ein respektvoller, menschlicher Umgang gehört für mich auch zur Sexualität. Menschen nicht für Sexualität benutzen, sondern sie mit ihnen gemeinsam genießen.

mindfulsun

PS: Ich habe nicht alles angerissen. Darüber bin ich mir bewusst. Das Thema hat so viele Facetten!

mindfulsun
About me

Mensch, Mama zweier Jungs, die versucht ihre Werte zu leben und die innere Balance zu halten. Ich schreibe über Achtsamkeit, vegane Ernährung, Nachhaltigkeit und verbindende Kommunikation von Herzen. Was ich mir wünsche? Einander mit mehr Mitgefühl und Empathie zu begegnen, überall auf der Welt.

DAS KÖNNTE DIR AUCH GEFALLEN

Helfen ohne Gegenleistung? Ab wann wird Selbstlosigkeit zum Problem?
06. Oct 2022
Immer noch mit Barbies spielen? Warum steht uns die Scham ständig im Weg?
22. Jun 2022
Lasst uns Schluss machen mit Bildungs-Shaming – überall, nicht nur in der Schule!
03. Feb 2022
Corona und Freundschaften – Brücken bauen
25. Jan 2022
Menschlichkeit, einer meiner wichtigsten Werte – eine Reflexion zum Jahresende
29. Dec 2021
Kein Test trotz Symptome? Warum die Scham um Corona uns im Weg stehen kann, das Richtige zu tun
12. Nov 2021
Mein Teenager flucht und beleidigt mich. Was tun?
02. Oct 2021
Mama, weißt du, was Ghosting ist? – Gastbeitrag
30. Aug 2021
„Gute Aufklärung ist immer auch Gewaltprävention“ – Interview mit Jorinde Wiese
04. Aug 2021

DAS KÖNNTE DICH AUCH INTERESSIEREN

Werbung

1 Kommentare

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit einem Stern (*) markiert.