Wie meine ist meine Meinung? Wie FB & Co mir den Blick für Andersdenkende vernebeln


Ganz ehrlich? Wir lieben Filter! Durch sie kommen wir in den Genuss von Kaffee. Oder Wasser ohne Kalk. Stuttgart ohne Feinstaub. Postfach ohne Spam. Sommerbräune ohne UV-Strahlung. Sie sorgen dafür, dass wir nur das bekommen was wir wollen, unerwünschtes wird aussortiert.

Den Mechanismus gibt’s übrigens auch im Gehirn, dort ist er ungeheuer wichtig! Wichtige Reize werden unter überflüssigen Impulsen im Gehirn herausgefiltert und ins Bewusstsein gebracht – insbesondere in dieser reizüberfluteten Welt würden wir ohne wohl kaum klarkommen.


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Davon haben auch die Sozialen Medien gelernt. Google, Facebook, YouTube und sonstige Internetriesen filtern uns munter durch das endlose Netz:

Sie wollen die Welt für ihre User noch besser, noch zugänglicher und interessanter gestalten, das Interneterlebnis personalisieren – und im Idealfall: Perfekt auf jeden von uns zuschneiden. Sie erleichtern uns das Leben durch das unromantische Wörtchen: Algorithmen.

(Was ist das, ein Algorithmus? „Ganz allgemein formuliert ist ein Algorithmus eine Reihe von Anweisungen, die Schritt für Schritt ausgeführt werden, um eine Aufgabe oder ein Problem zu lösen.“ – sagt Codingkids.de.)

Die Menschen, die Onlinemarketing machen, reden von Amplifizierungs-Algorithmen: Diese sorgen dafür, dass ich bei wetter.online mit Abendmode überhäuft werde, weil ich den Online-Handel nach Brautjungfernkleider durchstöbert hab. YouTube weiß scheinbar immer genau was ich gerade brauche, eine herzzereissende Ballade, die besten Pannen bei der Tagesschau oder ‚wie bügele ich faltenfrei in 100 Sekunden‘. Pinterest bezaubert mich mit tausend Ideen wie man ein Weinregal baut. Ganz locker neben Spagatübungen und Brownie-Rezepten, alles im Infinite Scroll (Es. Hört. Nie. Auf!). Facebook selektiert meinen Newsfeed für mich.

Es ist, als wenn ich in ein Restaurant käme, und das gesamte Buffet ist auf meinen einzigartigen Geschmack abgestimmt…

Wie nett von ihnen, und das ganze noch kostenlos! Zu schön, wenn es keinen Haken gäbe. In Wahrheit machen sie ganz schön viel Kohle mit unseren Daten. Wir sind also keine Kunden, sondern das Produkt.

Personalisierte Werbung ist eine Sache. Mir geht es hier aber vielmehr um die Nebenwirkungen dieser Algorithmen.

Mir werden nämlich nicht nur Produkte angezeigt, die mir entsprechen – sondern auch Meinungen.

Und Menschen, Gruppen und ganze Bewegungen hinter diesen Meinungen. Dass es die Gefahr gibt, im Netz radikalisiert zu werden, dürfte den meisten bekannt sein. Ich nehme mal an, damit können sich hier nur die wenigsten identifizieren. Aber könnte es sein, dass sich die meisten Menschen in ihrer eigenen Internetblase bewegen? Umgeben von ähnlichen politischen Meinungen, religiösen Ansichten oder Lebensstilen?

Der US-Amerikaner Eli Pariser erklärte schon vor zehn Jahren seine Theorie der Filterblase. Diese sei unsere persönliche Informationsblase, also alle News und Infos spezifisch für uns durchgefiltert und abgepasst. Laut Pariser bestimmen die sozialen Medien, was in diese Blase gelangt, nämlich das, was sie denken was wir sehen wollen. Und nicht unbedingt das was wir sehen sollten. Außerdem würden sie uns auch nicht verraten, welche Informationen gar nicht erst in die Blase gelangen.


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Nun ja. Die Theorie ist nach wie vor eine Theorie.
Aber wenn wir mal kurz herauszoomen, dann wird die Problematik umso deutlicher.

Eigentlich sollte das Internet dazu dienen, uns mehr zu vernetzen, ein globales Wohnzimmer schaffen.

Stattdessen besteht die Annahme, dass durch das Netz Phänomene auftreten, die genau das Gegenteil hervorrufen:

Spaltung.

Nur um das festzuhalten: Es gibt bislang keine wesentliche Studie, die behauptet, dass Amplifizierungs-Algorithmen die Demokratie oder den Zusammenhalt von Gruppen oder Ländern schädigen. Aber es gibt aber eine Reihe von Leuten, die davor warnen. Die allermeisten kommen direkt aus der Beratung und Entwicklung der Big Player am Social Media Himmel. Kurzum: Von Leuten, die teilweise von ihren eigenen Entwicklungen sprechen, und um deren Machtpotenzial wissen.

Polarisierung ist zum Beispiel so ein Thema:

Das ist eines der Dinge, die es zwar schon vor den Zeiten des World Wide Webs gab, aber dadurch absolut verstärkt wird! Das fängt schon mit dem scharfen, gesellschaftlichen Ton bei bestimmten Themen an. Und geht hin bis zu verbalen Attacken die ins Extreme gehen.

Sind wir nicht mehr bereit, lebendig und trotzdem respektvoll zu diskutieren?
Können wir Meinungen nicht mehr stehen lassen, sondern fühlen uns persönlich von ihnen angegriffen?

Ich spreche auch von den alltäglichen Begegnungen, online und offline, wo wir auf „Andersdenkende“ treffen. Auch wenn polarisierende Tendenzen in anderen Ländern schon viel extremer zu beobachten sind, können wir uns nicht zurücklehnen.

Habt ihr schonmal von dem Begriff „Echokammer“ gehört?

Er wurde von Kommunikationswissenschaftlern erfunden (ganz schön kreativ für Wissenschaftler!) und beschreibt, dass viele Menschen in den sozialen Medien dazu tendieren, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben.

Die Kehrseite des Networkings ist nämlich genau das:

Viele Menschen auf einem Fleck die gleicher oder ähnlicher Meinung sind, aber keinen Schimmer davon haben was „Andere“ so denken – also WIRKLICH denken, jenseits von Vorurteilen und Pauschalisierungen. Geschweige denn, was ihre Bedürfnisse sind.

Oder sie sehen keinen Bedarf darin, sich auszutauschen.

Das führt u.a. dazu, dass sich manche Minderheiten als repräsentativ für einen Großteil der Gesellschaft sehen.

Man bleibt unter sich, in der eigenen kuschligen Kammer, das Echo klingt wie Applaus.

Keine Gruppe ist davor gefeit, egal ob im linken oder rechten Spektrum, in Unternehmerkreisen oder der Gaming-Community.

In den unendlichen Weiten des Netz ist es unser Bedürfnis, Informationen zu sortieren und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, eben zu filtern. Aber muss das Sortieren, Abwägen und Entscheiden wirklich von Algorithmen gesteuert werden?

Können wir die Algorithmen so füttern, dass wir sie irgendwie steuern? In welche Form können wir die Dinge wieder selbst in die Hand nehmen und dafür sorgen, dass unser Newsfeed divers bleibt? Dem werden wir nachgehen in der nächsten Zeit. Problemlösungen entstehen ja mit dem Bewusstsein. Und mit dem Wissen, dass wir nicht genug wissen. Das ist ausreichend Input für einen gemeinsamen „Quest“ – zusammen mit Jugendlichen. Ganz im Sinne von Co-Learning…

Frage an euch: Wie sehr habt ihr zusammen mit den Kindern dieses Bewusstsein entwickelt? Was macht ihr konkret, um dem zu entgehen? Wie geht ihr mit dem Phänomen der Filterblasen um?

Eure,

Larissa

Larissa
About me

Studentin, Mentorin, Potenzialentfalterin. Lebt leicht. Liebt alles was mit Entwicklung zu tun hat: Schule, Menschen, Städte... und Blumen! Familienmensch. Hat große Träume für die Bildungslandschaft. Und ein überdurchschnittlich hohes Bedürfnis nach Schnörkeln.

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