Wer nicht fragt bleibt dumm? Wenn ich mal keine Meinung habe…


Bundeskanzlerin müsste man sein. Also ohne den ganzen Stress natürlich. Dann hätte man Top-Berater und Beraterinnen an seiner Seite, die einen über alles aufklären! Überall die komplexen Vorgänge in Wirtschaft, Chemie, Technologie…

…und bekommt die Facts auf dem Silbertablett. Gut, dann muss man das Land halt noch irgendwie durch alles durchmanövrieren… trotzdem, diese ganze Recherche kann man sich schonmal sparen!

Um ehrlich zu sein, ich habe zu vielen Themen keine Meinung. Das liegt ganz einfach daran, dass mir keine persönlichen Berater und Beraterinnen gestellt werden. Also, ich mich nicht ausreichend informiert fühle, um eine Meinung zu haben. Die ich ja haben könnte. Wenn ich wollte. Also wenn es mir wichtig genug wäre.


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Das Problem dabei: Ich traue mich viel zu selten zu sagen, dass ich in manchen Dingen einfach (noch) kein Standing habe. Geht euch das manchmal auch so?

Immer wird nach meinungsstarken Führungspersonen gesucht, nach Menschen, bei denen man weiß, woran man ist, nach klaren Positionen, konsequentem Handeln, Menschen die Sicherheit ausstrahlen…

Und Menschen die keine Meinung haben?

Die haben keine Persönlichkeit. Sind langweilig. Eher Mitläufer. Ein Fähnchen im Wind. Vielleicht auch Egoisten, die ihre demokratischen Privilegien nicht wertschätzen. Auf jeden Fall schonmal keine interessanten Gesprächspartner.

Wirklich?

Ja, ich glaube, dass eine Gesellschaft starke und vielfältige Meinungen braucht! Die Demokratie lebt nun mal fundamental von der aktiven Auseinandersetzung und Diskussion.

Aber ich sehe definitiv auch, dass man erfüllt sterben kann ohne sich wesentlich mit der Außenpolitik beschäftigt zu haben.

Ich glaube das Thema ist komplexer, als Leute schlichtweg als Ignoranten zu beschimpfen.

Ich habe drei tolle Persönlichkeitsmerkmale gefunden, die vielleicht auch etwas damit zu tun haben könnten. Auch wenn wir diese Eigenschaften gerne belächeln, werden sie im Clifton Strengths Finder (einem weltweit anerkannten Stärkentest) als Stärken herausgestellt.

1. Harmoniestreben

Menschen, die stark nach Harmonie streben, suchen ständig die Übereinstimmung mit anderen. Sie betonen Gemeinsamkeiten und sehen im gegenseitigen Verständnis viel mehr Potenzial als in einem Konflikt.

2. Anpassungsfähigkeit

Anpassungsfähige Menschen leben oft im Hier und Jetzt. Sie sind in hohem Maße flexibel, und schwimmen gerne mit dem Strom. Die Unterschiedlichkeit der Menschen ist für sie keine Herausforderung, sondern sie kommen mit vielen gut klar.

3. Einfühlungsvermögen

Menschen mit einem hohen Einfühlungsvermögen können sich super gut in die Lage von anderen Menschen hineinversetzten. Sie schaffen es, die Dinge aus der anderen Perspektive zu betrachten.  Sie finden es wichtig, Menschen das Gefühl zu vermitteln sie zu verstehen.


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Alle diese drei Stärken haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind beziehungsorientiert.

Wenn ich Talkshows sehe, oder auch Debatten im Bundestag dann muss ich ehrlich sage: Ich wäre gern Markus Lanz!
Oder Frank Plasberg.
Oder Wolfgang Schäuble.

Es hat irgendwie was, parteilos zu sein, aber die verschiedenen Lager in die Debatte zu leiten. Heißt nicht, dass man als Moderator oder Moderatorin keine Meinung hat.

Trotzdem, wir brauchen auch Menschen, deren Stärke es ist, auf der Beziehungsebene zu agieren. Die das Miteinander in den Vordergrund stellen. Und nicht nur die eigene Meinung.

Meinungsbildung ist, wie ein Bild zu malen.

Am Anfang ist die Leinwand noch ganz weiß, weil ich noch gar nichts weiß. Die Informationen, die ich bekomme, sind wie unterschiedliche Farben auf meiner Palette. Aber jetzt komme ich als Maler oder Malerin ins Spiel: Ich male gern mit Pastellfarben, liebe diesen Fächerpinsel, verschiebe das Zentrum des Bildes gerne nach links unten… Auch wenn wir alle die gleichen Farben auf der Farbpalette haben, so trägt das Bild immer den Handschwung seines Malers.

Ein Bild zu malen braucht Zeit. Sich eine Meinung zu bilden ist ein Prozess.
Innehalten, Abwägen, Überlegen…

Wie bilde ich mir also eine Meinung?

Neben der Information, eben dem Input (und ich weiß das ist nochmal ein Thema für sich), spielen dabei drei zentrale Dinge eine Rolle für mich.

1. Was geschieht vor meiner Haustür?

Um von diesem allgegenwärtigen Meinungs-Overload durch die sozialen Medien nicht ständig überrollt zu werden, hilft es mir, ganz klein anzufangen – und zwar im „echten Leben“:

Ich sehe, dass dem Gemüsehändler an der Ecke gekündigt wird, weil da schicke Wohnungen entstehen sollen. Wer entscheidet eigentlich, wie die Stadt gestaltet wird?

Auf meinem Weg zur Arbeit fahre ich an einer Flüchtlingsunterkunft vorbei. Wie ist es wohl für die Menschen, dort zu leben?

Der Antifa-Aufkleber an der Ampel: Was ist überhaupt Faschismus? Woher kommt die antifaschistische Bewegung?

2. Meine Werte

Sie sind sozusagen mein Resonanzraum, indem die Informationen in Bewegung kommen: Wenn Gerechtigkeit eines meiner Top-Werte ist, dann ist es kaum aushaltbar, zu sehen wie Menschen auf der Flucht ertrinken. Da wird die objektive Information plötzlich persönlich.

3. Meine Leidenschaften

Sie sind mein Kompassgeber. Was berührt mich? Wo schlägt mein Herz höher? Was schreit nach Ungerechtigkeit? Wo will ich mich einbringen? Sie leiten mich zu Themen, in denen ich mich klar positionieren will. Für mich ist das alles was mit Schule zu tun hat. Da möchte ich informiert sein, die Hintergründe erforschen, aktuelle Entwicklungen beobachten, mich reinfuchsen, mitreden, mitmischen…!

Alles in allem würde ich sagen:
Ich darf auch mal keine Meinung haben. Andere auch.
Mir Zeit geben, abzuwägen und eine Meinung zu bilden.
Meinen Werten und Leidenschaften bewusst Raum geben.

Was sagt ihr dazu? Gibt es eigentlich Dinge, zu denen man eine Meinung haben „muss“? Wie schwer fällt es euch, auch mal zuzugeben dass ihr euch keine Meinung gebildet habt? Welche Chance seht ihr darin?

Larissa
About me

Studentin, Mentorin, Potenzialentfalterin. Lebt leicht. Liebt alles was mit Entwicklung zu tun hat: Schule, Menschen, Städte... und Blumen! Familienmensch. Hat große Träume für die Bildungslandschaft. Und ein überdurchschnittlich hohes Bedürfnis nach Schnörkeln.

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