Wie unser Sternenkind Imogen zu uns kam und wieder ging – Gastbeitrag von Michaela Brü


Ihr lieben, ich habe hier eine sehr bewegende Geschichte eines Sternenkindes. Ich bin sicher, ich werdet ganz behutsam damit umgehen. Ich fühle mich geehrt, dass Michaela Brü sich entschieden hat, dies als Teil ihres Heilungsprozesses aufzuschreiben und bei uns im Blog erscheinen zu lassen.

Sogar mit einem Foto von ihrer kleinen Imogen… 

Da ich bereits Erfahrungen habe, wie manche Menschen auf ein solches Foto reagieren, ist das Foto erst im Blogbeitrag hier weiter unten und nicht als Titelbild. Somit auch an dieser Stelle eine Triggerwarnung: Es geht um ein Abschied von einem Kind, das bereits vor der geburt zu den Sternen geflogen ist – und dennoch noch von seiner Mama in den Armen gehalten werden konnte.


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Ab hier schreibt Michaela Brü:

Ich möchte euch auch jetzt von meiner Imogen erzählen.

Letztes Jahr, kurz vor dem neuen Jahr, habe ich erfahren das ich wieder schwanger bin.

Ich habe 2 Töchter im Alter von bald 10 und bald 12 und einen Sohn, der im Februar 5 geworden ist.  Dazu meine Sternen-Zwillinge die ich um die 10 ssw verloren habe. Und mein Kind, das ich 2010 aus völliger Überforderung abgetrieben habe was ich wirklich bis heute so sehr bereue.

Bei meiner Imogen nun war ich anfangs auch sehr überfordert und wusste nicht so recht ob ich das auch noch schaffe – geplant war sie nicht. Aber ich verliebte mich vom ersten Ultraschall an sofort in unser Würmchen.

Die Schwangerschaft war so schwierig von voller Stress und voller Schmerzen! Ich hatte so schlimmes Sodbrennen und soentzündete sich meine Speiseröhre immer wieder.

Mir war ständig übel…  Dazu Corona! Ich habe so viel Stress auf der Arbeit gehabt. Mein Chef wollte mich los werden, ich hab mich in der 25 SSW arbeitsunfähig schreiben lassen und seitdem habe ich kein Gehalt mehr erhalten – Stress pur!
Alles geht nun übern Anwalt).

Ab der 21 SSW merkte ich schon: Da stimmt etwas nicht.  Mein Blutdruck fing an, an öfters zu entgleisen. Ich bekam Medikamente dafür – niedrig dosiert. Da war meine Tochter schon leichter als eigentlich üblich – aber noch in der Norm.

In der 27 SSW wurde ich richtig krank: Norovirus.

Ab da wurde der Blutdruck immer schlimmer ich fing vorher schon an überall Wasser einzulagern. Ich rief beim Arzt an und erklärte, dass ich mich nicht gut fühlte und das mein Blutdruck schlimmer wird. Aber ich dürfte aufgrund von Corona und meiner Erkältung nicht zum Arzt und auch nicht in die Klinik – ich solle nur die Tabletten erhöhen und weiter mein Blutdruck messen.

In der 29+ 6 SSW war dann meine nächste Untersuchung.

Mein Bauch war gar nicht mehr gewachsen in denn letzten 2 Wochen und dabei hatte ich die 3 Schwangerschaften zuvor um die gleiche Zeit schon eine Riesenmurmel. Auch bewegte sich mein Kind weniger intensiv – ich konnte mich sogar auf denn Bauch legen ohne dass sie wie noch 3 Wochen zuvor wild herumturnte, wenn ich das versuchte.

Ich hatte an diesem Tag fast gefühlt schon 10 Kilo Wasser im ganzen Körper, so starken Eiweiß im Urin und immer wieder Blutdruck Entgleisungen.

Mein Kind wog da nur um die 1 Kilo und hatte fast keine Versorgung mehr durch die Plazenta.

Ich sollte in Ruhe ins nächste Krankenhaus mit Frühchen-Station fahren…  Das tat ich dann auch. Ich hatte keine Ahnung ab da an, was auf mich zu kam – ich wurde stationär aufgenommen und man machte gefühlte eine Millionen Untersuchungen mit uns.

Ich sollte nun noch mehr für denn Blutdruck nehmen, engmaschig Blutdruck gemessen bekommen, morgens und Abends zum CTG 24 Stunden Urin sammeln…

… und das war’s mit der Hoffnung, dass wir es schaffen könnten bis zur 32 besser 34 SSW!

Meint ihr, mir hätte einer gesagt, ich solle mich schonen nicht viel Laufen zur Ruhe kommen – dieses Krankenhaus war so laut permanent, hektisch, unkoordiniert, unpersönlich, purer Stress für mich.

Und dann kam der Mittwochabend. Meine Zimmernachbarin schnarchte wie verrückt seit zwei Tagen. Mein Herzrasen raubte mir zudem denn Schlaf. An diesem Mittwoch war ich um 20.30- bis 21.10 noch am CTG. Mein Mädchen wollte sich nicht so recht bewegen – aber sie war noch da. Danach ging ich aufs Zimmer war noch 2 Stunden wach weil ich wieder nicht einschlafen konnte.

Die Nacht war anstrengend komisch anstrengend irgendwie.
Ich merkte sie ab diesem Moment nicht mehr wieder.

Morgens kam die Ärztin und fragte nach Kindsbewegungen. Ich verneinte. Sie drückte auf dem Bauch herum. Nichts passierte.

Da hatte ich schon so viel Wasser im Körper, dass ich kaum noch meine Augen öffnen konnte.


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Ich sollte zum CTG in denn Kreißsaal. Da schickte man mich weg. Ich solle rüber zur Tagesabteilung… Aber da war ich auch nicht angemeldet. Dann nahm mich die Gynäkologin mit und schallte mein Bauch, weil ich immer noch nichts spürte von meinem Kind.

Dann kamen diese Worte die ich wohl nie wieder vergessen werde: „Da ist kein Herzschlag mehr.“
– ich schrie und weinte sofort.

Wir riefen meinen Mann an und ich wollte sofort noch für diesen Tag denn Kaiserschnitt.  Ich hatte schon 2 notwendige Kaiserschnitte zuvor und dürfte nicht anders gebären.

Im OP war ich so überfordert…  Die Spinalanästhesie wollte nicht richtig sitzen und wirken und ich musste in Vollnarkose. Zwei Stunden lang hat man mich operiert: Ich hatte solche Verwachsungen im Bauchraum und habe massiv Blut verloren zudem ist mir immer der Blutdruck unter der OP entgleist laut Arzt.

Plötzlich war ich im Aufwachraum auf und so überfordert.

Am nächsten Tag haben wir unser Baby zu uns bekommen und auch Samstag hatte ich meine Immy auch noch mal bei mir .

Ich habe ihr von so vielen Dingen erzählt, sie gekuschelt , geküsst, sie einfach nur bei mir gehabt und da wusste ich ich muss mich nun trennen – ich wollte sie nicht nochmal sehen obwohl ich bis Montag im Krankenhaus war.

Im inneren hätte ich sie am liebsten mit nach Hause genommen.

Sie ist so hübsch gewesen, sie sah so ganz perfekt auf wie ihre Schwestern was für eine Ähnlichkeit, ihre kleinen weichen Hände und Füße- sie sah einfach aus wie ein friedlich schlafendes kleines Baby.

Sie hatte schon ein paar dunkelblonde Haare und eine Nase wie ihr Papa und meine Lippen.

Aber wisst ihr wo ich wütend werde? Die betreuende Gynäkologin war Samstag nochmals bei mir im Zimmer. Sie meinte, wenn sie gewusst hätte, dass sie so unterversorgt sei, dass ich so viel Eiweiß im Urin gehabt habe, hätte sie anders gehandelt! Tja – aber genau aus diesen Dingen wurde ich eingeliefert!

Man vermutet. dass bei mir die schwere Schwangerschaftsvergiftung durch Stress ausgelöst wurde. Aber nichts kann man mir genau sagen , keiner weiß, wie es so schnell so etwas passieren konnte. Ich fühle mich betrogen um die Chance, meiner Tochter eine Überlebenschance  gegeben haben zu können, indem man sie einfach gleich geholt hätte.

Jetzt am Samstag ist ihre Beerdigung. Sie wird eingeäschert und an einem Sternenkinderbaum beerdigt – die Bestattung arbeitet völlig umsonst…  wir müssen nur die Einäscherung bezahlen.

Mein Kind starb genau 5 Tage vor meinem 35 Geburtstag.

Ich sagte ihr Tage davor im Krankenhaus immer wieder: „Wir zwei schaffen das, Imogen du wirst leben und geliebt werden und ich werde dich beschützen.“

Und jetzt sitze ich hier und habe versagt. Ich konnte mein Baby nicht beschützen und ich zerbreche daran – ich hatte 3 tolle Schwangerschaften zuvor bis zum Schluss bei meinem Sohn, wo ich so froh bin, dass er überlebt hatte. Er hatte vier mal die Nabelschnur um den Hals + einen Knoten in der Nabelschnur!

Ich fühle mich, als sei es die Strafe für all meine Fehler – ich vermisse mein Baby, meinen Bauch und dieses Gefühl wenn sie sich bewegt – nichts ist mehr da von ihr außer meine Erinnerungen.

Und jetzt sobald ich etwas von ihr sehe, was ich für sie gekauft habe, breche ich weinend zusammen.
Sobald ich draußen Babys sehe oder Kinderwagen oder Babybäuche breche ich innerlich zusammen.

Kurz darauf musste ich nun nochmal ins Krankenhaus Diagnose Herzbeutelentzündung, Wasser auf der Lunge, im Bauchraum und um die Gebärmutter sowie zwei Herzklappen die undicht sind und beobachtet werden müssen.

Der operierende Arzt aus dem Krankenhaus vom KS und die Kardiologie im anderen Krankenhaus haben mir nun geraten keine Kinder mehr zu bekommen.

Mir wurde alles auf einmal genommen: Mein Kjnd, meine Gesundheit und die Chance nochmal ein Kind zu bekommen.

Immy war nicht geplant aber sie wird so geliebt!

Jetzt muss ich mit all dem versuchen zu leben…  und ich weiß nicht wie das gehen soll.

Es gibt gute und schlechte Tage und heute ist ein schlechter – weil ich noch nichtmal weiß ob meine Ehe das alles überstehen wird.

Meine Imogen Elfi 10.06.21 – 10.06.21

Eure Michaela

P.S. von Béa: Ich glaube, wir können alle still und andächtig lesen und vielleicht einfach mit einem ❤️ bei Michaela und Imogen sein? Bitte seid lieb und behutsam, ja?

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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4 Kommentare

Michaela
Antworten 7. Juli 2021

Danke Bea das du uns so einen Raum als Erinnerung gibst.
Ich hätte nicht gedacht das es mich gleichzeitig stolz und traurig macht meine Geschichte mit euch allen zu teilen.
Mein Rat an alle Menschen die einen Verlust verkraften müssen: jeder darf auf die Art trauern die ihm am besten tut. Ob so wie ich öffentlich oder im engen Kreis oder nur für sich selbst.
Und mein anderer Tipp an euch: nehmt jede Hilfe in Anspruch die man in Anspruch nehmen kann - denn sie kann helfen.

jacqueline
Antworten 7. Juli 2021

Ich sitze grad hier und mir laufen einfach nur die Tränen...es wäre falsch zu sagen : ich kann es nachempfinden...denn das kann ich nicht.
ich wünschte , ich könnte dir etwas von deinem Schmerz nehmen....Ich wünsche dir Kraft ,Gesundheit,die Liebe und das Verständnis deiner Familie und ich wünsche mir , das du jeden Abend deinen kleinen Stern am Himmel sehen kannst.
Fühl dich ganz fest gedrückt

Anne
Antworten 8. Juli 2021

♥️ So eine starke Frau

Irmgard Arnold
Antworten 17. Juli 2021

Ich umarme dich ganz fest.Habe selbst 2Sternenkinder,allerdings schon 35Jahre her.Bei mir gabst noch keine Hilfe und ich hab sehr lange gebraucht.Ich vermisse sie immer noch,doch ich weiß sie an einem guten Ort.Bitte, schau gut nach dir und deiner Familie

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