So ein kleines Baby, so viele Kabel und Monitore drumherum! – Textauszug aus dem „Drei Frühchen Buch“ von Daniela Oltersdorf


Ihr Lieben, ich habe für euch einen Textauszug aus dem „Drei Frühchen Buch“ von Daniela Oltersdorf, dreifach Mama und Gynäkologin. Ihr wisst ja, ich bin ja selbst ein Frühchen… deswegen fiebere ich bei solchen Büchern sehr mit:

5.) Kapitel
Auf der Intensivstation

Die Intensivstation ist nicht frei zugänglich wie andere Stationen. Man musste klingeln und sich anmelden, um herein gelassen zu werden. Die Schwester fuhr mich bis in das Zimmer vom Kleinen. Er lag im ersten Zimmer links und sein Inkubator befand sich ganz rechts. Ich stand auf und ging zu ihm. So ein kleines Baby, so viele Kabel und Monitore drumherum! So zart und zerbrechlich. Ich schaute ihn ganz genau an, versuchte Ähnlichkeiten mit seinen Brüdern zu finden, eine Verbindung, ein Erkennen… und dann sah ich seine Füßchen: Genau wie seine Brüder! Genau die gleichen Füße! Die Zehen mit der großen Lücke zwischen dem ersten und zweiten Zeh. Wie meine Mama und ich. Erblich.

Das Ohranhängsel und das an der Wange sah ich auch. Das an der Wange verfärbte sich bereits bläulich, ein Zeichen dafür, dass es wohl absterben würde.

Dann betrat die zuständige Kinderärztin den Raum, um mich über den Stand der Dinge zu informieren: „Das Ohranhängsel und jenes an der Wange haben Sie ja bereits gesehen.

Das kann ein Zeichen eines genetischen Fehlers sein.

Dann kommt noch hinzu, dass er so eine große Lücke zwischen den Zehen hat. Eine Sandalenfurche, ein Zeichen eines Down-Syndroms! Und die Fingerchen sind auch irgendwie lang”.

Was??? Was sollte das?

Ich dachte, sie kommt jetzt zu mir und sagt: „Hey, Glückwunsch, er hat es geschafft! Hat die Plazentalösung und den langen Blasensprung überlebt. Er ist zwar an Kabeln und Schläuchen, aber ist noch bei uns”.

So etwas in der Art. Und diese Füße, die haben wir alle! Daran habe ich ihn als meinen Sohn erkannt und mich darüber gefreut! Damals beim Großen kam ich nämlich in sein Zimmer und er kam mir fremd vor. Ich habe ihn nicht erkannt. Das hat mich erschreckt, denn man hätte mir auch ein anderes Kind hinlegen können.

Und so sagte ich ihr nur, dass das „unsere Füße” sind, und ich in der Schwangerschaft den Bluttest auf die häufigsten chromosomalen Fehlbildungen gemacht hatte.

Klar, wollten sie nichts übersehen, aber gleich so mit der Tür ins Haus zu fallen?!

Eine der Intensiv-Schwestern nahm mich kurz darauf beiseite und sagte nur: „Lassen sie den Kleinen mal entknautschen. Dann sieht alles anders aus”. Sie fand, der Kleine mache es gut. Er ließe sich beatmen, hatte keine Abfälle gemacht und man würde die Hochfrequent-Beatmung auf eine normale Beatmung umstellen. Die ersten Untersuchungen verliefen zufriedenstellend. Der Ultraschall vom Gehirn zeigte weder Auffälligkeiten noch Blutungen, auch Herz und Lunge waren soweit in Ordnung.


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Allerdings hatte er bereits im Operationssaal eine Bluttransfusion erhalten, da wie beide durch die Plazentalösung so viel Blut verloren hatten. Glücklicherweise bekamen die Kinderärzte meine Vermutung mit der vorzeitigen Plazentalösung mit und waren direkt mit Blutkonserven in den OP gekommen. Ansonsten bekam er die üblichen Medikamente eines Frühchens: Eisen, Jodid, Coffein, Vitamin D, Vitamin K, Kortison, Antibiotika und Schmerzmittel. Die Schmerzmittel erhielt aufgrund der Fehlstellung seines Beines.

Sobald man das rechte Beinchen berührte, weinte er vor Schmerzen. Das zu sehen, war so schrecklich für mich.

Ich konnte ja nichts daran ändern, ihn nur durch die Scheibe trösten oder mit meiner Hand streicheln. Er tat mir so, so leid. Auch der Rest seiner Gliedmaßen mussten ihm weh getan haben. Sie hatten alle eine leichte Kontraktur, d.h. sie waren etwas steif durch den mangelnden Platz in meinem Bauch. Daher mussten sie in den folgenden Wochen durch Physiotherapie gedehnt und gestreckt werden. Das funktionierte erstaunlich gut. Bis auf seine schlimme Hüfte konnte Arme und das linke Bein bald gut beweglich. Auch sein rechtes Bein wurde mit der Zeit etwas mobiler, nur saß es eben immer noch an der falschen Stelle und konnte noch nicht mittels Spreizhose behandelt werden. Dafür war er schlichtweg zu klein!!

Ich blieb eine Stunde da und ließ mich danach wieder auf Station fahren. Es war nämlich ziemlich anstrengend, im Rollstuhl vorne rüber gebeugt in den Inkubator zu schauen. Die Naht schmerzte durch diese Haltung noch mehr als sonst und ich musste mich kurz ausstrecken. Die Liegestühle zum Känguruhen sind da deutlich bequemer, aber soweit waren wir noch lange nicht. Um die Bindung zu fördern, bekommen die Eltern ihre Kleinen meist früh nach der Geburt zum Känguruhen raus, aber dazu müssen sie soweit stabil sein und die Situation auf Station muss es zulassen. Die Schwestern können ein beatmetes Kind nicht herausgeben, wenn der Bär steppt und noch weitere Zugänge aus dem Kreißsaal zu erwarten sind. Mir war das absolut klar, und ich wollte ja für mein Kind die optimale Betreuung. Leider sind manche Eltern echt indolent und machen Theater, wenn das Känguruhen nicht klappt oder verschoben werden muss.

Als ob man uns absichtlich von unseren Kindern fernhalten möchte!

____

So weit der Ausschnitt von Danielas

„Drei Frühchen Buch“

für heute.

Wer auch im Bann des Buches ist, kann es hier kaufen oder natürlich beim Buchhändler seiner Wahl bestellen.

Liebe Grüße,

Béa


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Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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1 Kommentare

Evy
Antworten 3. Juli 2020

Das Thema ist gerade auch mehr als präsent. Ab der 11. Woche begann es aus der Plazenta zu bluten. Erst nur ganz leicht. Ab der 14. Woche waren die Blutungen jedoch so stark, dass ich stationär aufgenommen werden musste. Es lief teilweise die Beine runter. Leider hatte an einem Tag eine sehr unsensible Ärztin Dienst. Sie schallte mein Baby und erklärte was von nicht vorhandenen Magen und Nieren. Es hätte sich außerdem ein Hämatom gebildet, die Plazenta würde sich lösen und ich muss doch überlegen, ob ich die Schwangerschaft nicht abbrechen möchte. Ganz nebenbei sagte sie was von zwei Zysten im Gehirn, ohne weitere Erklärung. Ein anderer Oberarzt war dann der Meinung mir zu erklären, dass ich mit etwas Glück zur 28. Woche komme. Nun hatte ich das Glück, dass eine Oberärztin wahnsinnig einfühlsam und einfach grandios war und zum Glück ab da an nur noch an meiner Seite war. Am Ende hatte sich das massive Hämatom (1.5l Blutvolumen) so gebildet, dass es die Plazenta nicht beeinflusst hat und mein Baby trotzdem weiter wuchs. Wir sind jetzt in der 23. Woche, ohne Plazentalösung und mit einer konstant akzeptablen Blutung. Mit Magen und Nieren und auch die Zysten gehen zurück. Aber die Angst einer Frühgeburt ist die ganze Zeit präsent. Wobei der Zwerg mehr als bewiesen hat, dass er leben möchte und sich weiter völlig unauffällig und altersentsprechend entwickelt.

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