„Freunde verstehen nicht, warum ich meinen Stiefsohn nicht herauswerfe“ – bedingungsloser Familienzusammenhalt und soziale Isolation – Gastbeitrag


Wir haben einen sehr bewegenden Gastbeitrag einer Leserin bekommen über bedingungsloser Familienzusammenhalt und soziale Isolation:

Liebe Béa,

schon so oft habe ich von dir anonym gepostete Briefe von euren Followern gelesen und bin jedes Mal wieder von der Community beeindruckt, wie toll darauf reagiert wird in andere Leser in einer sehr respektvollen Art und Weise Feedback geben und bestimmt schon oft den Verfassern damit geholfen haben.

Seit Jahren geht es bei mir selbst immer wieder stark bergauf und ab und so ratlos wie jetzt waren mein Mann und ich noch nie.

Das ist unsere Situation: Seit fast 10 Jahren bin ich mit meinem jetzigen Ehemann zusammen. Und genauso lange geht es nun in einem ständigen Bergauf und ab als Patchwork family zu. Ich habe einen 16 jährigen Stiefsohn der seit einigen Jahren auch bei uns lebt. Zu seiner Mutter möchte er mittlerweile keinen Kontakt mehr haben.

Schwierig war es mit ihm immer schon. Auch als er noch sehr klein war und bei seiner Mutter gelebt hat.

Schwieriger als normal je nachdem wie man selbst „normal“ definiert… Wir haben nun gemeinsam auch zwei Kinder bekommen. Das Verhältnis sowohl im engsten Familienkreis als auch in der erweiterten Patchwork Family war seit jeher sehr gut. Für viele sogar unverständlich gut – weil wir sogar schon oft Urlaube gemeinsam verbracht haben und auch regelmäßig Geburtstage und Weihnachten von allen gemeinsam gefeiert werden. Und dennoch… da gibt es etwas, trotz großem Zusammenhalt, was wahrscheinlich sehr schief gelaufen ist.

S. kam früh auf die schiefe Bahn und von frühen Problemen wie: Verweigert Schule, macht keine Hausübung, gliedert sich sozial nicht ein und schaltet seit jeher auf stur und macht nur sein eigenes Ding… bis hin zu heute… wo wir uns wiederfinden in einer Situation, die eher an eine Netflix Serie erinnert an der Kriminalität und Drogen an der Tagesordnung stehen.

Eigentlich habe ich diesen Brief gerade einer meiner besten Freundinnen geschrieben… nachdem ich immer weniger mit meinen Freundinnen oder überhaupt irgendjemanden zu tun habe.

Es war der verzweifelte Versuch ansatzweise zu beschreiben was bei uns los ist und was in mir vorgeht. Ich bin zu feige, ihn an sie abzuschicken, weil ich fürchte, dass ich auf kein Verständnis stoße. Aber ich dachte vielleicht finde ich ja ein offenes Ohr in der Tollabea Community und ich kann mit einigen Lesern meine Gedanken teilen und vielleicht ist sogar der ein oder andere Tipp dabei…

Hallo liebe E.,

wir haben uns schon solang nicht mehr gehört und ich wollt mich unbedingt mal wieder bei dir melden!

So oft bin ich kurz davor dich anzurufen, dir mal wieder eine WhatsApp zu schicken und dann, dann tu ich’s wieder nicht. Weil ich Angst davor habe, mit dir oder auch anderen Gespräche zu führen, die über small talk hinausführen. Denn das würde momentan für mich bedeuten, dass das Gespräch so endet, dass mein Gegenüber überhaupt nicht versteht, was bei mir grad los ist. Warum wir so bescheuert sind und bei allem was mit S. los ist überhaupt noch irgendwie mitspielen und ihm aktuell auch noch ein Dach über dem Kopf bieten.

Es war so viel die letzten Wochen und Monate los. Ja, jetzt wo wir die letzten Wochen so ehrlich und so viel mit S. gesprochen haben, wie die letzten Jahre nicht. Jetzt wissen wir, dass die letzten Jahre sogar noch mehr los war als wir ohnehin schon dachten bzw. von dem wir wussten: Nicht nur Drogenkonsum, sondern auch Drogendealen. Er ist in schlechten Kreisen abgerutscht.

Es geht mir bzw. uns mittlerweile echt nicht mehr gut. Und auch wenn alles noch so schwierig ist und die Situation kaum zu ertragen ist, so können und wollen wir momentan S. auch einfach nicht im Stich lassen.

Vor einigen Wochen waren wir an einem Punkt, wo er sich alles andere als akzeptabel verhalten hat. Nachdem er von sich aus gegangen ist und einige Wochen woanders gewohnt hat – was er seit Jahren wollte –  hat er erkannt, dass woanders ist es doch nicht so toll wie er immer dachte. Nun stand er wieder vor einiger Zeit vor der Tür und hat drum gebeten wieder einziehen zu dürfen.

Eigentlich hatten wir uns geschworen, er bekommt Hilfe von uns – aber er kann nicht wieder bei uns einziehen!

Denn zu oft hat er unser Vertrauen missbraucht, so oft hat er schon versprochen sich zu bessern, so oft wurden wir angelogen und unsere Naivität und Gutgläubigkeit, unsere Hoffnung, ausgenutzt. Zu groß ist die Gefahr, dass wir selbst daran zu Grunde gehen und der Rest der Familie leidet –  auch die zwei Kleinen. Und jetzt – jetzt ist er doch wieder da.

Da sind wir nun bei dem Grund, warum ich mich momentan weder bei dir noch bei irgendwem anderen der mir jemals sehr nahe gestanden hat melden möchte.

Ich kenne mittlerweile die Reaktionen und weiß, dass ich bzw. wir kein Verständnis bekommen. Dass sich alle Leute nur fragen, wie blöd man sein kann. Mein – unser Sozialleben geht total den Bach runter, weil ich mich mit niemanden, der mir was bedeutet, mehr treffen möchte. Zu sehr belasten mich die Fragen danach, was mit S ist.

Es gibt ja diesen Spruch, man kann jemanden nur helfen, der sich helfen lassen möchte.

Für jeden, der noch nie ernsthaft in so einer Situation steckte, hört sich das logisch an und ist ein abgedroschener Spruch. Es tut so weh, wenn man am eigenen Leib spürt, was es heißt. Was es heißt wenn man auch endlich – nach jahrelangem Kampf, selbst begriffen hat das es wirklich so ist. Dass man ihm nicht helfen kann wenn er es nicht zulässt. Es tut noch mehr weh von ihm zu hören, er möchte das alles nicht mehr. Er möchte nicht mehr dealen, er möchte nicht mehr Drogen konsumieren, er möchte ein Ziel vor Augen haben und er möchte einen Sinn in seinem Leben sehen und finden.

Das hört sich nach ganz viel Scheiße die man durchgemacht hat echt toll an und gibt einem ein gutes Gefühl – es ist für jemanden in unserer Situation ein Zeichen, dass er es besser machen möchte und wiedermal ein klitzekleiner Strohhalm an dem man sich festhält. Ein Strohhalm, nachdem man schon so oft gesucht hat, ihn gefunden hat und man schon etliche Male verloren hat.

Ja er möchte… und irgendwie auch nicht.

Denn nein – er nimmt keine Hilfe von außen an. Sagt und glaubt es sicher auch selbst: Er kann sich nur selbst helfen! Fremde können ihm nicht helfen! Er will es ändern, glaubt es allein zu können und will es – aber nein – er nimmt keine andere Hilfe an-was tut man ?? Was mach ich???

Soll ich ihn rauswerfen, weil er nicht „mitmacht“ und keine Psychotherapie beginnt!?

Wir wissen, ihn vor die Tür zu setzen – das wäre momentan das letzte Fünkchen für ihn wo er sich gewiss wäre: Diese Welt hat für mich nichts Gutes. Ich weiß nicht wo mein Platz ist, ich weiß nicht wo ich hingehöre. Und jetzt… jetzt lässt mich auch noch mein letzter Anker meine Familie im Stich.

Nein, das können und wollen wir nicht!  Aber genauso wenig können wir eigentlich weiter machen wie bisher.
Irgendwann haben wir keine Kraft mehr.

Und ja, wir haben schon so oft um Hilfe gebeten. Von Behörden und Sozialstellen fühlen wir uns im Stich gelassen.

Nicht, dass sie uns gar nicht helfen würden oder geholfen hätten – aber wenn jemand wie S. sich nicht helfen lassen will, dann können sie auch nichts tun. In unserem Fall ist es auch sicher nicht gerade positiv wenn man sieht: Das ist eine Familie, die hält zusammen! Da ist das soziale Umfeld in Ordnung! Nicht ein Mal haben wir schon gehört, dass wir das bestimmt hinbekommen weil wir so eine tolle intakte Familie sind und der Zusammenhalt so stark ist! Dann wird uns berichtet von den noch viel schlimmeren Fällen wo Gewalt oder Sucht von Eltern hinzukommt.

Wenn einen die Behörden sehen: Mein Mann und ich beide studiert, gute Jobs, sind von uns auch dahinter, dass wir S. helfen möchten. Wir zählen offenbar zu jenen wo sich jeder denkt: ja, da gibts noch viel schlimmere Fälle die bekommen das auch so hin…

Am Ende unserer Termine egal wo wir sind, schenkt man uns ein Lächeln und zum Abschied einen Händedruck bei dem einem versichert wird: wir bekommen das hin! Ja, danke… Wenn ich nur wüsste wie!

Ich will meine Freunde und auch Familie nicht verlieren. Ich will nicht das wir irgendwann ganz isoliert sind.

Wir haben so viel versucht, und haben auch so viele Fragen:  Hat es jemand geschafft, eine solche Situation zu überwinden, als Familie? Wie schaffen das andere, die ebenfalls in einem Umfeld leben, wo alle wohl behütet sind und kein Verständnis für Drogen oder Kriminalität da ist dennoch Familie und Freunde nicht zu verlieren und gesellige Abende miteinander zu verbringen?

Eine recht verzweifelte Mutter

P.S. Von Béa: Wir freuen uns über respektvolle Kommentare und vor allem eigene Erfahrungen: Ihr Lieben, wer hat ähnliches durchgemacht und was halt geholfen? Wer kennt bedingungsloser Familienzusammenhalt und soziale Isolation? 

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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7 Kommentare

Chris
Antworten 21. November 2018

hallo, der Brief berührt mich sehr und hätte einiges dazu zu sagen.
kann man irgendwie Kontakt aufnehmen?

    Béa Beste
    Antworten 22. November 2018

    Hallo Chris, ich kann gern eine Mail weiterleiten! Schreibe bitte an bea (at) tollabox (punkt) de

Bertrand
Antworten 22. November 2018

Liebe, verzweifelte Mutter,
ich bewundere Euch! Unsere Gesellschaft ist gern mit restriktiven, schnellen Meinungen parat. Diese Oberflächlichkeit ist eigentliches Desinteresse - vielleicht auch, weil niemand eine Lösung hat und damit in der Tiefe nicht behelligt werden will. Freunde müssen Eure Position mittragen. Allerdings solltet Ihr unbedingt konsequent auf Euren Jungen zugehen und keine eigene Co-Störung entwickeln.

Ihr jedenfalls zeigt Liebe, und sollte es immer schlimmer werden ... das scheint S. einziger, sehnsüchtiger Anker zu sein. Vertraut Eurer Liebe und lasst Euch nicht beirren, ganz egal, welcher Weg am Ende gegangen wird. Ihr seid seine Burg !!!

Er hat sich jetzt entschieden, diesen Hintergrund zu benötigen. Das Zurückkommen ist ein erstes Hilfe-Annehmen. Das dürft Ihr gern so betrachten. Hier wird er wenigstens in seinem Leid akzeptiert. Es eskaliert nicht.

In meiner Verwandtschaft habe ich ein analoges Drama mit Horror-Ausgang erleben müssen. Das Hilfe-Verweigern und die Selbstsabotage bei unaufhörlichem Leid hat alle aufgerieben über Jahre.

Ihr müsst täglich intensiv mit ihm reden. Vertrauen gewinnen und dürft ihn nicht unter Zugzwang setzen. Er darf so sein wie er ist, denn er hat Gründe dafür.

Wir alle "funktionieren" in Mustern. Dieser Auslöser führt zu dieser Reaktion, jener zu einer anderen. Wir wissen bei unseren Partnern von vornherein, wie sie reagieren und lieben sie für ihre Marotten ... Das ist in einer psychischen Störung nicht anders. Da laufen mindestens zwei schlechte "Musterkluster" zusammen. Das erste ist der Grund, wieso jemand abrutscht. Da befeuern und bestätigen sich aversive Konditionierungen zu einer Abwärtsspirale. Das zweite entsteht, wenn kein einst probates Mittel mehr hilft, dem Leid zu ent kommen (Drogen sind da bloß eine Fluchtform, die kurz lindert bzw. Vergessen macht. Immerhin ein vorgeblich taugliches Mittel.).

Die Verzweiflung ist so groß wegen des zweiten Klusters, denn da bestätigt sich Ausweglosigkeit. Es wird jede Sekunde bis zur Erschöpfung gekämpft, bis man kollabiert. Kurze Erholung, nächster Kampf. Dieser Kampf ist nicht zu gewinnen. Wer kämpft, MUSS verlieren, weil der Fokus nie verschwindet. Angst, Verzweiflung bleiben Thema. Selbst, wenn man weiß, dass anderen geholfen werden konnte, schließt die eigene Erfahrung das aus. Euer S . hat vermutlich feste Gewissheit, dass ihm nicht zu helfen sei. Glaube ist stärker als Wissen ...

Es hilft ihm vielleicht, zu verstehen, dass Muster in ihm ablaufen. Er hat Zeit genug, diese zu suchen und zu verstehen, WIE sie laufen.

(Auch wichtig zu wissen, dass Gedanken Gefühle auslösen und doofe Gedanken durch gute SOFORT ersetzt werden können, die sich dann auch besser anfühlen. Gefühle lösen auch Gedanken aus. So entstehen Ab- und eben auch Aufwärtsspiralen. Der Gedanke geht immer voraus und ist ein guter Angriffspunkt.)

Beide Kluster bilden seinen permanenten Hintergrund und lenken sein Verhalten. Er kann sich nurnoch fatalistisch mit Selbstlügen und Euch-Täuschen ergeben in die immer wieder ablaufenden Prozesse. Es tut ihm jedes mal unendlich weh, weil er weiß, dass er scheitern wird und weil er Euch anlügen MUSS, damit Ihr ihn aus dem Streß der Konfrontation entlasst. Und jedes Mal verliert er mehr Selbstachtung und wächst sein Hass auf sich selbst und das Gefühl, er habe Eure Zuneigung nicht mehr verdient ... alles wird schlimmer. Er trotzt, blockt ... Es ist wichtig, dass Ihr ihm zu verstehen gebt, dass Ihr das wisst und ihn endlos liebt, Ihr sein Dilemma VOLL versteht. Er braucht so große Geborgenheit, dass er sich Euch anvertrauen will, weil er sich an der Auseinandersetzung mit sich und Euch freut, weil es plötzlich vielleicht doch Perspektive gibt ...

Humor hilft auch: ... bist ja schon bekloppt!

Beim zweiten Kluster geht es um das Annehmen-, Akzeptieren- , Loslassen-Lernen. Beim Ersten um das Erkennen, wie das kommen konnte und wie schädlich das ist. Drittes hat auch sein Verhalten Initialmuster, weshalb er wieder loszieht und abstürzt. Diese gilt es so schnell wie möglich zu unterbinden. Die müssen erkannt, benannt, aufgeschrieben werden als DIE Feinde isoliert fokussiert werden, dass Euer S. tatsächlich MERKT, wenn es losgeht, WO er in der Abwärtsspirale gerade ist, damit er sich ermächtigen kann gegen dieses Handeln. Ihr könnt ihn damit gerne aufziehen, solange, bis er selber drüber lacht. Jedenfalls ist so ein Initialmoment ein guter Schlüssel.

Er muss einfach spüren, wie wichtig er Euch ist. Und Ihr dürft ihm gern deutlich machen, dass Ihr nicht locker lassen werdet, bis er endlich der ist der er sein könnte und der er vielleicht nie werden konnte bisher. ABSOLUTES VERTRAUEN, egal wie oft er bis dahin wieder scheitert. Das wird passieren. Das ist kein Prozess, der schnell geht. Es ist wichtig, dasd Ihr ihn dann WIEDER auffangt. Dadurch wächst Vertrauen. Ihr lasst Euch da auf etwas ein, aber er ist es wert.

Kann sein, dass er dann doch eine Therapie machen will ... es gibt kein Programm. Der Weg, sorry die Plattitüde, entsteht beim Gehen.

Toitoitoi!

    Béa Beste
    Antworten 22. November 2018

    Danke, lieber Bertrand, für die Ausführliche Antwort und die Gedanken! <3 Béa

Jule Wild
Antworten 28. November 2018

Toller Artikel. Ich bin gerührt von so viel Offenheit. Wir haben in der Familie ein ähnliches Problem. Ich kann dir keine Tipps geben aber ich bedanke mich bei dir für den Bericht weil ich mich nun nicht so alleine fühle .
Viele liebe Grüße und ich hoffe einfach eure Geduld zahlt sich aus. Ich wünsche es euch und natürlich auch eurem Sohn, aus dieser Abwärtsspirale wieder rauszukommen und neuen Mut zu fassen.

Jule

Sabine
Antworten 5. Mai 2019

Ich bin selbst so eine Jugendliche gewesen.
Früh jedes Wochenende Alkohol, zu jung mit zu vielen verschiedenen Deogen in Berührung gekommen und mit 17 Heroinabhängig.
Meine Eltern haben mich immer wieder rausgeschmissen, teilweise bin ich auch einfach abgehauen und habe nichts von mir hören lassen. Einer meiner Elternteile hat mich immer wieder aufgenommen, wenn ich total am Boden war wusste ich, wo ich hin kann.
Diverse Entgiftungen und Rückfälle folgten, irgendwie habe ich es in halbwegs guten Zeiten geschafft meine Schule doch noch auf die Reihe zu bekommen, habe ein FSJ gemacht und mich um eine Ausbildung gekümmert. Bis mein damaliger Freund an einer Überdosis verstarb. Ich bin abgestürzt, alles war egal. Bis ich selbst im Krankenhaus lag und mein Bruder mich bat etwas zu ändern und eigentlich konnte und wollte ich so nicht mehr weiter machen.
Bin dann mit viel Angst und Sorge auf Therapie gegangen, dort ungeplant schwanger geworden und seit dem Clean. Mittlerweile über 8Jahre.

Meine Eltern hat es zerrissen, sie wollten mir helfen, wussten aber nicht wie, da ich kaum Hilfe angenommen habe.
Geholfen hat mir, mich zumindest auf die Drogenberatung einzulassen. Die haben nicht verlangt, dass ich Clean werde, waren aber da, wenn ich jemanden zum reden der wirklich Hilfe gebraucht habe. Sie haben mich nicht verurteilt, nichts verlangt das unmöglich gewesen wäre und vor allem wusste ich, dass es sie emotional nicht belastet, im Gegensatz zu meiner Familie. Deswegen konnte ich dort offen sein.
Vielleicht wäre das eine Option, oder Kontakt zu anderen (ehemaligen) Betroffenen herstellen, für Eltern und den Jungen.
Für Eltern gibt es Selbsthilfegruppen, das hat meiner Mutter damals geholfen.

Ich wünsche euch viel Kraft und Geduld. Und dem Jungen ebenfalls viel Kraft und Mut sich Hilfe zu holen.

    Béa Beste
    Antworten 5. Mai 2019

    Liebe Sabine, vielen herzlichen Dank, dass du hier diese Einblicke geschrieben hast. Ich finde sie sehr wertvoll! Liebe Grüße, Béa

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