„Ich hatte Angst, dass ich meine Familie hassen würde, weil mir keiner geholfen hat“ – Gastbeitrag über Traumatherapie nach Missbrauch in der Kindheit


Ihr Lieben, starten wir mit einer Triggerwarung: Sexueller Missbrauch Minderjähriger in der Familie.

Hier hat uns eine anonyme Leserin Ihre Geschichte erzählt, und dafür bin ich ihr dankbar. Denn es ist so wichtig, Kindern zuzuhören und sie zu beschützen, auch wenn ein Geschehen unglaublich erscheint…


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Ich bin 39 Jahre alt. In diesem Jahr habe ich erfahren, dass ich eine posttraumatische Belastungsstörung habe. Seit 30 Jahren.

Ja, der Verdacht stand schon früher im Raum. Es gab Hinweise, Symptome. Das Aufblitzen von Erinnerungen, immer wieder Mal.

Aber ich dachte nie daran, dass hinter diesen Erinnerungen noch mehr stecken könnte. Diese Wunde, die ich da in mir spürte, noch viel tiefer war, als ich dachte. Als diese Erinnerungen zum ersten Mal kamen, war das, was passiert ist, schon gut 10 Jahre her. Die Erinnerung erschreckend, aber nur eine Andeutung von dem, was wirklich war, nur ein Hauch. Es verstörte mich trotzdem und ich versuchte darüber zu reden. Meine damalige Therapeutin wiegelte das aber ab, in dem sie sagte ich solle mich um das hier und jetzt kümmern und nicht um die Vergangenheit. Meine Mutter meinte, es wäre gewiss nichts Schlimmes passiert, „er“ wäre mir vielleicht zu nahe gekommen, aber vermutlich war das nichts böse Gemeintes.

Und damit richtete ich mich ein. Es ist nichts Schlimmes passiert. Er hat es nicht böse gemeint. Und ich habe nicht das Recht, da böses drüber zu denken, geschweige denn darüber zu sprechen. Vermutlich bilde ich es mir eh nur ein.

Ich dachte also lange, ich könnte damit leben. Ja, da war mal was passiert. Aber vor sooo langer Zeit. Und ehrlich, so schlimm kann’s ja nicht gewesen sein. Sonst wäre es doch früher schon irgendwem aufgefallen. Sonst hätte mir doch jemand geholfen. Bestimmt.

Also, warum noch mal den Versuch machen? Warum nicht weiter damit leben, das „Geheimnis“ irgendwann mit ins Grab nehmen?

Aber dann kamen die Tsunamis. Erinnerungen, Gefühle, die mich überrollten wie Flutwellen.

Es wurde immer schlimmer. Und dann kam der Punkt, an dem ich so einfach nicht weiter leben konnte. Ich konnte es nicht mehr steuern. Ein falscher Geruch und ich brach in Panik aus, die ich mir selber nicht erklären konnte, Übelkeit bis zum Würgen, Erbrechen. Eine falsche Berührung und ich reagierte wie ein gejagtes Tier, panisch, ängstlich. Selbst bei vertrauten Personen.

Es waren immer nur „halbe“ Erinnerungen, die da kamen. Die Gefühle aus der Vergangenheit, aber selten die passende Situation dazu. Es war beängstigend, verwirrend. Es ging mir richtig schlecht. Also musste ich irgendwann etwas tun. Das, wovor ich die größte Angst hatte. Mich meiner Vergangenheit stellen. Ich wollte das nicht. Ich hatte Angst davor, diese Gefühle in mir zu verstehen, Angst davor, dass die Erinnerungen klarer werden.

Meine größte Angst war, dass ich meine Familie danach hasse, weil ich herausfinden könnte, dass mir niemand geholfen hat.

Wenn man sich schon mit „halben“ Erinnerungen so schlecht fühlt, wie soll man mit den ganzen leben können? Aber so, wie es jetzt war, wollte ich auch nicht mehr leben. Also machte ich doch diesen Schritt, der mir so schwerfiel.

Traumatherapie. Stationär, weit weg von meinen Kindern. Der Anfang war nicht schwer, er war die Hölle.

Ich fühlte mich wie die letzte Rabenmutter auf der einen, wie ein verlassenes Kind auf der anderen Seite.
Aber immerhin hatte ich den Mut dazu, die Kraft zum Aufbruch.

Die Geschichte IST schlimm. Nichts, womit man leben kann. Nichts, was „nicht so wild“ ist. Nichts, wofür ich mich schämen musste, obwohl ich das immer noch tue, manchmal.

Ich hatte Sex mit meinem Stiefbruder. Keine gewaltvolle Vergewaltigung, keine Drohungen oder körperlichen Verletzungen. Ich war neun Jahre alt und hatte Sex mit einem Jungen, der 6 Jahre älter als ich war. Den ich geliebt habe. Der in einer bestimmten Zeit in meinem Leben der wichtigste Mensch in meinem Leben war.

Als ich 6 Jahre alt war, ging meine Welt kaputt.

Meine Eltern ließen sich scheiden und ich litt sehr darunter. Mein Vater zog aus, während ich auf einer Ferienfahrt war, mein jetziger Stiefvater zog ein, und alles verwirrte mich total. Aber niemand konnte oder wollte mich trösten, mir etwas erklären, mir irgendwie über diese Zeit hinweg helfen. Die Wochenenden bei meinem Vater wurden dann aber ganz toll. Ich hatte mein eigenes Zimmer, mein Vater unternahm so viel mit mir und wir verbrachten auch Zuhause Zeit miteinander.

Wie im Märchen kam dann eine böse Stiefmutter in mein Leben. Sie war nicht wirklich böse. Nur anders.

Und mein Vater wurde anders, als er mit ihr zusammen kam. Er erzählte es mir in unserem letzten Urlaub zu zweit. Wir fuhren immer an die Nordsee, mit dem Zelt. In diesem Jahr hatte er weniger Zeit für mich, weil er täglich seitenlange Liebesbriefe schrieb. Ich musste ihr auch schreiben, obwohl ich sie nur vage kannte, sie war mit meiner Mutter im Kegelclub oder so ähnlich. Ich musste auch mit ihr telefonieren. Obwohl ich telefonieren gehasst habe, als Kind. Nicht mal mit meiner Mutter telefonierte ich gerne, in diesen Urlauben und musste auch nie. Es fühlte sich seltsam an, alles.

Zum Glück war meine beste Freundin im selben Ort im Urlaub mit ihren Eltern. Ihre Eltern waren die besten Freunde von meiner Mutter. Natürlich erzählte ich von der neuen Liebe meines Vaters. Ich musste einfach darüber sprechen.

Aus vielen Gründen, die ich damals nicht verstand und nicht verstehen konnte, war das ein Fehler.

Mein Vater schrie mich lange an, als er davon erfuhr. In aller Öffentlichkeit. Ich fühlte mich klein und elend. Zum Schluss sagte er, sollte er noch mal eine Familie gründen und ein weiteres Kind bekommen, würde er mir das gar nicht erzählen. Ich würde dann nicht mehr dazu gehören. Weil ich ein Geheimnis nicht für mich behalten hatte, von dem ich nicht wusste, dass es eines ist.

Das war der Anfang vom Ende. Es gab keine Wochenenden mehr, an denen ich mit meinem Vater alleine war. Die neue Freundin war immer da.

Mein Vater war plötzlich viel strenger. Ich musste meinen Teller leer essen, auch wenn es etwas gab, das ich absolut nicht mochte. Ich durfte Dinge nicht mehr, die vorher kein Problem waren. Er beschäftigte sich nur noch wenig mit mir. Ich war halt da, aber wir bastelten nicht mehr zusammen oder unternahmen irgendwas. Nein, sie war keine böse Hexe, sie verwandelte mich nicht in ein Reh und setzte mich nicht im Wald aus. Aber für mich fühlte es sich manchmal ähnlich an. Besonders, wenn mein Vater wollte, dass ich sie umarme und nett zu ihr bin. Vor dem Fernseher nicht nur mit ihm kuschele, sondern auch mit ihr.


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Der Sohn der bösen Stiefmutter fing mich auf. Er war der große Bruder, den ich mir wünschte.

So was wie ein Licht im Dunkeln. Er verbrachte Zeit mit mir, half mir beim Lego bauen, tröstete mich, wenn ich traurig war, brachte mich zum Lachen. Ohne ihn wäre alles noch viel schlimmer gewesen. Ich liebte ihn wirklich. Und weil er so wichtig für mich war, ließ ich ihn Dinge tun, die ich eigentlich nicht mochte. Ließ mich, wenn wir tobten und er mich kitzelte, an Stellen anfassen, die mir unangenehm waren. Er zeigte mir, wie ich mich selber zum Orgasmus bringen konnte und ich tat es für ihn, obwohl ich nicht verstand, was da mit mir passierte. Ich fasste ihn an, wenn er das forderte und sagte auch nichts, wenn das, was er tat, mir weh tat. Er war mein Bruder. Er wollte mir nicht wehtun. Nicht absichtlich, das glaubte ich fest. Und ich wollte ihn nicht verletzen, indem ich sagte, dass er mir weh tut. Außerdem wollte ich ihn auf gar keinen Fall verlieren. Er war der einzige Grund, warum ich überhaupt noch zu meinem Vater ging. Einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben.

Heute weiß ich, seine Mutter und mein Vater haben etwas geahnt. Und entschieden, dass ich Schuld daran bin.

So fühlte es sich zumindest an für mich. Wir durften nicht mehr zusammen in einem Zimmer schlafen. Er durfte bei unseren Eltern im Bett liegen, ich blieb alleine im Zimmer. In unserem letzten Urlaub schlief ich trotz Angst ganz alleine in einem Zelt, während er, der Ältere, mit in ihrem Zelt schlief. Die Freundin meines Vaters führte ein seltsames Gespräch mit mir über Regelblutungen und Verhütung. Ich war 11 oder 12 Jahre alt und fand es das, was die Kids heute „cringe“ nennen. Tagsüber wurde ich mehr oder weniger bewacht und von meinem Stiefbruder ferngehalten.

Meine Therapeutin sagte, dass das leider nicht selten ist. Und tief in der Vergangenheit verwurzelt. Mädchen und Frauen werden als große Verführerinnen betrachtet, die Männer als Opfer.

So wie junge Frauen, die unehelich schwanger wurden, in Heime kamen und „gefallene Mädchen“ wurden, während die werdenden Väter unbehelligt davonkamen. Und tatsächlich dachte ich bis zur Therapie, dass ich schuld bin, leider geht es so vielen von uns so.

Ich bin vor und mit ihm zum Orgasmus gekommen. Mir hat es gefallen. Und gewehrt habe ich mich schließlich auch nicht. Er hat mich nicht vergewaltigt. Mich nicht mit Gewalt zu irgendwas gezwungen.

Ich habe diese Schuldgefühle jahrelang mit mir herumgeschleppt. 30 Jahre lang.

Die Erinnerungen kamen nur tropfenweise, aber Gefühle und Verhaltensweise waren immer von den Erlebnissen geprägt. Ich habe erst in diesem Jahr verstanden, wie sehr mich das geprägt hat, wie sehr die PTBS mich in meinem Leben eingeschränkt hat.

Das war ein ganz wichtiger Bestandteil meiner Therapie. Zu lernen, was es überhaupt bedeutet, eine PTBS zu haben. Eine Therapeutin hat uns in einer kleinen Gruppe alles Wichtige dazu erklärt. Die Vorgänge, die im Gehirn stattfinden, die Veränderungen, die daraus resultieren. Wir haben über Intrusionen und Backflash gesprochen und den Umgang damit. Es war eine wertvolle und wichtige Zeit. Ich habe gelernt, dass vieles von dem, was in meinem Leben falsch läuft, nicht falsch läuft, weil ich dumm bin oder eine Versagerin, sondern an der Erkrankung.

Und: Wir haben alle gelernt, dass wir nicht alleine sind. 6 Frauen in einer Gruppe, von Anfang zwanzig bis Ende 40, 6 verschiedene Geschichten.

Alle auf unterschiedliche Arten schlimm. Gemeinsam haben wir der Vergangenheit den Kampf angesagt. Viele von uns haben in der Gruppe zum ersten Mal über ihr Trauma oder Details dazu gesprochen. Und es hat uns befreit.

Wir haben gemeinsam eine Schuldübung gemacht, die unglaublich anstrengend war, aber befreiend.

Alleine zu sagen, warum ich schuld an dem Missbrauch durch meinen Stiefbruder bin, war eine unglaubliche Kraftanstrengung. Zu sagen, warum ich nicht schuld bin, noch mehr. Der Rest der Gruppe hat gespiegelt. Unterstützt. Ergänzt. Hinterher fühlte ich mich erschöpft, wie nach einem Marathon. Aber auch befreit.

In den Einzeltherapien besprachen wir die Vergangenheit gründlicher. Vorher schrieb ich meine Erinnerungen auf.

In Traumaexpositionen stellte ich mich ihnen. Ich stellte mir eine bestimmte Situation vor. Erzählte mir geschlossenen Augen davon. In der Gegenwartsform, als würde es gerade jetzt passieren.

Es passierte wieder, in meinem Kopf. Dann trat mein jetziges Ich dazu, bekam die Gelegenheit, einzugreifen. Den Bruder zur Rede zu stellen. Die Kleine, mein kleines Ich, zu beschützen, aus der Situation zu holen, sie zu trösten. Es fühlte sich am Anfang so seltsam an, wie es sich wahrscheinlich anhört. Die Beschreibung dieser Methode klang für mich schon komisch, irgendwie sehr esoterisch. Heilung durch Imagination.

Hä??

Ich ließ mich trotzdem darauf ein und war erstaunt. Wie intensiv das Ganze war. Wie klar die Erinnerungen während dieser Sitzungen. Und wie gut es sich anfühlte, das kleine Mädchen auf meiner „inneren Bühne“ zu trösten.

In der letzten Traumaexposition packte mich die Wut. Auf meinen Stiefbruder, auf seine Mutter, meinen Vater. Ich war zum ersten Mal nicht nur verletzt und traurig, sondern richtig wütend. Ich bekam es selbst gar nicht so richtig mit, aber in der Audioaufnahme, die von der Sitzung gemacht wurde, hörte ich mich in der Nachbesprechung vor Wut schnauben. Es war befreiend.

Danach konnte ich zum ersten Mal über das, was passiert ist, sprechen, ohne in Tränen auszubrechen. Es war das erste Mal, dass ich mich wirklich und bewusst an (schlimme) Details erinnerte, aber es riss mir nicht mehr den Boden unter den Füßen weg.

Mein Gehirn hat begonnen, das Erlebte neu zu sortieren und einzuordnen. Dahin, wo es hingehört. In die Vergangenheit.

Ich bin noch sehr am Anfang dieses Prozesses. Es ist ein weiter Weg. Ich werde ihn weitergehen. Bald beginnt der zweite Teil meiner stationären Therapie und auch danach werde ich weiter in Behandlung bleiben müssen. Aber die ersten Schritte sind gemacht. Ich kann das, was geschehen ist nicht ungeschehen machen, aber ich kann lernen, so damit zu leben, dass es nur noch ein Teil meiner Geschichte ist. Ich werde mich nicht mehr davon bestimmen lassen.

____

Vielen herzlichen Dank, liebe mutige Frau, dass du das alles mit uns hier teilst. <3

Ich bitte euch alle um respektvolle Kommentare. Und wenn ihr Frage zu der Therapie habt, ich gebe das auch weiter.

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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