„Bei richtigen Erkrankungen ist es gefährlich, wenn man Spielmedikamente für wirksame Medizin hält“ – Interview mit Homöopathiekritiker Dr. Christian Lübbers


Dr. Christian Lübbers ist mir auf Twitter aufgefallen… eigentlich genau mit diesem Tweet zum Thema Homöopathie und Kinder:

Ich habe etwas recherchiert und rausgefunden, dass der HNO-Arzt sich stark in der Aufklärung über die Homöopathie engagiert – ehrenamtlich und medial. Er hat den Begriff Globukalypse geprägt, den er im Gastbeitrag in der Zeit erklärt.

Ich habe ihn interviewt. An dieser Stelle hätte ich eine Bitte: Ich weiß, dass bei diesem Thema die Emotionen hochkochen. Ich habe einen Spezialisten gefragt und Antworten erhalten. Es wäre für mich schön, wenn ihr euch alle besonnen damit auseinandersetzt – und wenn ihr anderer Meinung seid, dies in den Kommentaren respektvoll ausdrückt!

1. „Lübbers ist einer der prominentesten Kritiker der Homöopathie in Deutschland.“ – steht bei Wikipedia – fühlst du dich auch so? Was ist dein vielleicht bisher weniger bekannter medizinischer Hintergrund?

Als ich 2017 auf Twitter von einen Kind berichtet habe, das bei einer eitrigen Mittelohrentzündung Globuli in den Gehörgang bekommen hatte, war ich geschockt und musste meinem Ärger über diese esoterische Methode Luft machen.

Ich hätte nie zu hoffen gewagt, dass es gelingt, ein breites Bewusstsein für die leeren Versprechungen der Homöopathie zu schaffen. Ich führe die zunehmende Aufklärung auf die seriöse wissenschaftsbasierte Homöopathie-Kritik zurück, die ich und weitere Mitstreiter im Informationsnetzwerk Homöopathie betreiben. Dadurch, dass ich von Anfang an unter meinem Klarnamen die wissenschaftlichen Fakten geteilt und Position bezogen habe, bin ich natürlich exponierter als andere, die aus Angst vor Repressalien nur unter einem Pseudonym schreiben können. Natürlich bin ich den Homöopathen ein Dorn im Auge, aber ich habe gelernt, mit den ständigen Anfeindungen gut umzugehen.

Mein Alltag besteht zum Glück nicht nur aus Homöopathie-Kritik. In erster Linie bin ich Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und leite eine große Praxis südlich von München. Ich bin Gegner der Fließbandmedizin und fordere mehr Zeit und Aufmerksamkeit für Patienten. Für eine bessere Medizin setze ich mich auch im neuen Think Tank Twankenhaus ein. Wir sind eine bunt gemischte Gruppe aus Pflegekräften, Ärztinnen, Rettungssanitätern, Physiotherapeutinnen und weiteren medizinischen Berufsbildern, die sich für bessere Bedingungen für Patienten und Beschäftigte im Gesundheitswesen gleichermaßen einsetzen.

2. Jenseits von Eltern-Ideologien und Lobbys: Wie würdest du einer neugierigen Gruppe von Drittklässlern erklären, was Homöopathie ist?

Homöopathie ist der Versuch, Menschen zu helfen indem man ihnen vorspielt, ein echtes wirksames Medikament zu geben. Solange es sich um harmlose Wehwehchen handelt, ist das nicht schlimm, aber viele Menschen ärgern sich, warum man ihnen nicht gleich gesagt hat, dass sie eigentlich gar kein Medikament brauchen und stattdessen Geld für ein Scheinmedikament ausgeben mussten. Bei richtigen Erkrankungen bei denen man richtige Medikamente braucht, ist es sogar gefährlich, wenn man Spielmedikamente für wirksame Medizin hält. Daher ist es wichtig, dass Ärzte, Apotheker und Krankenkassen ehrlich zu ihren Patienten, Kunden und Versicherten sind.

3. In deinem Instagram Account steht: „von besserer #Medizin Träumer“ – wenn meine Leser auch träumen sollten, was sollte in ihren Träumen vorkommen? Oder besser gesagt, in unserer baldigen Realität?

Im Gesundheitswesen muss sich einiges ändern. Das Wohl der Patienten und der Beschäftigten muss wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt werden. Wirtschaftliche Interessen von Krankenkassen und Klinikkonzernen sind verantwortlich dafür, dass immer weniger Personal in immer kürzerer Zeit immer mehr Patienten versorgen muss. Der Traum besteht daher, dass allen Patienten eine hochqualitative Medizin mit ausreichend Zeit, Personal und Menschlichkeit zur Verfügung steht, überflüssige Bürokratie abgebaut und unmenschliche Arbeitsbedingungen beendet werden. Auch Krankenkassen, Verwaltungsapparate und die Digitalisierung unterstützen die Belange von Patienten und Leistungserbringern indem sie Lösungen suchen und nicht neue Probleme schaffen.

4. Was ist das Gesündeste, das Eltern für ihre Kinder tun können?

Impfen! Zumindest gilt das für unsere Breiten. In anderen Teilen der Erde müsste man davor noch Hygiene und den Zugang zu sauberem Trinkwasser nennen. Schutzimpfungen, die vor schweren oder gar tödlichen Erkrankungen bewahren, sind das größte medizinische Geschenk, das wir uns und unseren Kindern machen können.

5. Was habe ich nicht gefragt, was in einem Familienblog stehen sollte zum Thema Globuli & Co – und wie lautet die Antwort darauf?

Es ist mir ein großes Anliegen, dass heutzutage niemand mehr die nur über den Placeboeffekt wirkende Homöopathie mit wirksamer Naturheilkunde verwechselt. Kinder brauchen Aufmerksamkeit und Zuneigung, aber keine Globuli. Wer seine Kinder beim nächsten banalen Infekt „ganz natürlich behandeln“ will, steckt sie ins Bett, kocht ihnen einen Salbeitee und liest ihnen aus dem Lieblingsbuch vor. Wenn das nicht reicht, geht man zum Arzt, aber nicht zum Homöopathen.

Herzlichen Dank, lieber Christian, für deine Antworten. Der letzte Punkt war genau das, wodurch du mir auf Twitter aufgefallen bist!

Béa

Habt Ihr noch Fragen zum Thema? Ich kann sie sammeln und weitergeben…

Titelbild: Nora Cordova, Weilheim, Alle Rechte: www.hno-weilheim.de

 

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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