Damit muss man rechnen – Gastbeitrag über Dyskalkulie von Anett Tinea


Wir wünschen uns alle, dass unsere Kinder schöne und im Bestfall glückliche Schuljahre verbringen. Dass sie viele Freunde haben, das Lernen ihnen Spaß macht und es ihnen leicht fällt.

Doch Wünsche gehen nicht immer in Erfüllung. Ich habe zwei wundervolle Zwillingstöchter, die mittlerweile schon 10 Jahre alt sind und in die 3. Klasse gehen (puh, was rast die Zeit…). Ihr Start war schwierig, durch die Kita-Zeit zogen sich Integrationsmaßnahmen, Förderung und verschiedenen Logo-, Physio- und Ergotherapien.


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Nun kamen meine Kinder in die Schule.

Eine Tochter schlägt sich echt gut und macht mir wenig Sorgen. Doch die andere Tochter, meine kleine Träumerin, hat ganz schön zu kämpfen. Besonders Mathe ist unheimlich schwer für sie. Mir war die ganze Zeit klar, dass sie sehr langsam voran kommt. Dass wir Geduld brauchen und mein Kind einfach viel mehr Zeit als die meisten anderen ihrer Schulkameraden benötigt.

Doch das Homeschooling hat mir die Augen geöffnet.

Es war noch zig Mal schlimmer, als ich vermutet habe. Selbst die einfachsten Aufgaben brachten sie zum Schwitzen. Obwohl ich wirklich geduldig war, endeten die Schulaufgaben oft mit Tränen der Verzweiflung.

Da war sicher, so geht es nicht weiter. Wir versuchten einige Zeit, selbst viel mit ihr zu üben. Der Berg an Mathematik-Lernhilfen ist unser stummer Zeuge. Das Kind quälte sich und wollte es doch so sehr können.

Daher sprachen wir die Klassenlehrerin an und ich äußerte meinen Verdacht auf Dyskalkulie.

Sie bestätigte mir, dass ihre große Herausforderung mit dem Fach auch in der Schule auffällt, doch dass wir als Eltern weitere Untersuchungen anleiern müssten.

Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Ich hatte keine Ahnung, wie man das angehen soll. Eine Beratung bei einem Nachhilfeverein zeigte, dass es sinnvoll ist, zuerst eine Dyskalkulie auszuschließen.

Schnell hatten wir einen Termin bei einer Einrichtung für integrative Lerntherapien (Danke, Google).

Nach einem Test stand fest, unser Kind kann gar nicht in dem Tempo ihrer Freunde lernen. Es hat Dyskalkulie laut der Meinung der Sonderpädagogin.

Ab diesem Zeitpunkt schlossen wir einen Vertrag und unser Kind bekommt seit dem die Unterstützung, die es braucht.

Kurz darauf haben wir mit viel Unterlagengedöns und einem ellenlangen Fragebogen einen Termin in einer Kinderpsychiatrie bekommen, um die Diagnose von einem Kinderpsycholog*in bestätigen zu lassen.


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Der Termin steht nun bald an.

Und auch wenn es an sich falsch klingt, so wünsche ich mir für unsere Tochter, dass wir es schwarz auf weiß bekommen. Denn dann wird es auch im Schulalltag berücksichtigt.

Da gibt es den Paragraphen 35a Sozialgesetzbuch, der ihr die nächsten Schuljahre wesentlich angenehmer gestalten kann, als es jetzt der Fall wäre.

Warum ich euch das erzähle? Weil es sicher noch mehr Kinder da draußen gibt, die kämpfen und kämpfen und dennoch keinen Schritt vorankommen.

Weil das eigene Bauchgefühl ganz schön schlau sein kann und weil vielleicht auch anderen Eltern gar nicht wissen, wo sie anfangen sollen. So wie ich es nicht wusste. Und weil es keine Schande ist, wenn das eigene Kind Schwächen hat.

Die nächsten Jahre werden sicher hart, was das Thema angeht. Da mache ich mir keine Illusionen.

Doch ich habe einen Wunsch: Ich wünsche mir, dass meine freche, schusselige und wundervolle Tochter noch schöne und glückliche Schuljahre hat. Auch mit Dyskalkulie.

Eure Anett Tinea

P.S. Von Béa: Herzlichen Dank liebe Anett für den Beitrag, für die Klarheit und auch für den Wunsch für deine Tochter – und für alle anderen Kinder, die ganz bestimmt ganz viele Stärken und Potenziale haben, auch wenn mal ein „Fach“ nicht funktioniert…
Sie wollen und können lernen.
Sie wollen und können sich einbringen.
Und sie brauchen Wertschätzung und Integration.

Denn sie sind wunderbar, so wie sie sind!

Habt ihr auch eine Geschichte, die ihr erzählen wollt? Wir freuen uns über eure Beiträge!

Übrigens, was die Herzen immer noch bewegt, ist der Gastbeitrag über Träumer-Kinder:

Passen Träumer-Kinder ins Schulsystem?

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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2 Kommentare

Kathrin
Antworten 21. März 2022

Hallo liebe Bea, liebe Anett,
vielen Dank für diesen tollen Beitrag. Auch ich kann Geschichten zu diesem Thema erzählen.
Lasst euch nicht einreden das man bei Mathe nichts machen kann, das ist halt rechnen, das muss man können.
Sowas und viele andere Dinge haben wir zu hören bekommen.
Leider werden solche Tests (trotz Bestätigung der Psychologin) bei uns nur anerkannt wenn die Schule es für richtig hält.
Nur weil mein Mann und ich immer und immer wieder sämtlichen Lehrern aufs Dach gestiegen sind, haben wir nach 3 langen Jahren endlich den Förderausgleich bekommen.
Nun kommt sie in die 5. Klasse. Zur Zeig bekommt sie 2 Stunden die Woche Förderunterricht. Das tut ihr so gut und endlich hat mein Kind Erfolgserlebnisse.
#KämpfenfürdieTochter

Lieben Gruß Kathrin

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