Das Kind entgegen der Empfehlung aufs Gymnasium boxen – Mein Rat: Tut es lieber nicht …


Nach der Schule ist vor der Schule, die Frage ist nur: Welche ist die richtige weiterführende Schule? Ich erkläre euch hier, warum ich euch stark davon abraten würde, das Kind entgegen der Empfehlung aufs Gymnasium zu boxen.

Als ich noch zur Schule ging, gab es in Berlin Gymnasiuen, Realschulen und Hauptschulen. Heute hat sich das System ein bisschen gewandelt, und ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Dennoch besteht die Unterscheidung zwischen Gymnasium und allem anderen.


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Ich hatte eine Realschulempfehlung.

Und es war echt hart. Da hatte ich so viel gelernt, und am Ende hatte es doch nicht ausgereicht. Meine Eltern waren super traurig. Da beide einen Migrationshintergrund haben und in vielen Lebensbereichen systematisch benachteiligt wurden, wollten sie ihren Kindern die bestmögliche Bildung zukommen lassen, damit ihnen später viele Türen offenstanden.

Ich hatte aber auch eine Gesamtschulempfehlung.

Und das fand ich plötzlich nicht mehr so schlimm. Schließlich wollte ich nur aufs Gymnasium, um später mein Abitur machen zu können. Auf der Gesamtschule war das aber auch möglich. Außerdem gefiel mir die Schule viel besser. Und das Beste war, dass eine gute Freundin von mir auch auf die Gesamtschule gehen würde.

Aber nein, meine Eltern wollten das nicht. Ich sollte um jeden Preis aufs Gymnasium gehen, und nachdem ich trotz Realschulempfehlung auf verschiedene Vorstellungsgespräche ging, kam ich schließlich auf ein Gymnasium.

Und es war die Hölle…

Also wirklich, die HÖLLE! Ich erinnere mich nicht mehr an Vieles, weil mein Unterbewusstsein eine Menge verdrängt hat. Aber ich weiß noch, dass der Unterricht unsagbar hart für mich war. Ich kam nie mit, alles ging mir zu schnell, und das Schlimmste waren die Noten. Ich hatte nicht nur mittelmäßige, sondern extrem schlechte, und das fast überall. In Deutsch und Englisch gab es ein System, dass die Beste, mittelste und schlechteste Note extra ausgeteilt wurde – meine war sehr oft die schlechteste. Und jeder wusste das. Dies hatte zur Folge, dass niemand mit mir zusammenarbeiten oder Vorträge halten wollte. Verständlich, denn ich hätte ihnen ja die Note versaut. Es war Mobbing auf die leiseste Weise. Niemand griff mich an, oder beleidigte mich, doch man schloss mich aus, und ich nahm es hin, weil ich dachte, dass ich es nicht anders verdiente.

Dies führte zur Folge, dass ich selbst beim Sport ausgeschlossen wurde, und als Letzte rankam – und das, obwohl ich recht gut in Sport war. Aber ich hatte den Stempel „schlechte Schülerin“ aufgedrückt bekommen, und wurde ihn nicht los.

War ich dumm?

Meine Vater liebte mich, und war auch nie böse, wenn ich schlechte Noten bekam. Warum? Weil er allen Ernstes dachte, ich wäre dumm. Und ja, ich gebe zu, dass ich gerade ein bisschen mit den Tränen kämpfe, während ich das schreibe. Dass ich nur schlechte Noten brachte, und sogar meine kleine Schwester meinen Schulstoff verstand, brachte ihn zu dem Entschluss, dass ich einfach nicht so ganz helle war. Das sagte er mir erst Jahre später (als ihm klar wurde, dass ich doch nicht so dumm war), aber es tat trotzdem echt weh.

Ich blieb sitzen.

Fast überall hatte ich eine vier, aber auch mehrere Fünfen, und das bedeutete, dass ich entweder die Schule wechseln oder die Klasse wiederholen musste.

Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie traurig ich war. Ich fühlte mich unfassbar dumm und kam tagelang nicht aus dem Bett. Außerdem war da die beißende Demütigung. Jede:r hatte es irgendwie durch die siebte Klasse geschafft, nur ich nicht. Ich war die Blöde, die es nicht hinbekam.

Ein Teil von mir wollte nie mehr zurück, der andere wollte seine Freund:innen nicht verlieren. Außerdem hatte ich mich an die Schule gewöhnt; ich wollte nicht schon wieder ganz von vorn beginnen müssen. Also entschied ich mich dazu, ein Jahr zu verlieren und die Siebte zu wiederholen.


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Das erste Jahr war gut. Ich mochte meine neue Klasse (die im Übrigen lange Zeit nicht wusste, dass ich wiederholte.).Außerdem war es „cool“, dass ich so viele Leute aus den älteren Jahrgängen kannte. Auch meine Noten wurden besser, da ich den Stoff ja schon kannte.

Aber in der achten Klasse ging die Hölle wieder los. Nun hatte ich keinen Vorteil mehr, und der Schulstoff erschlug mich wie eine Welle. Wieder kam ich nicht hinterher, wieder wurden meine Noten schlechter, und wieder wendeten sich die Leute von mir ab. Noch dazu kam, dass meine Großmutter in diesem Jahr verstarb, und ich ein paar Wochen lang völlig neben mir stand.

Und dann schaffte ich es wieder nicht.

Meine Noten reichten nicht aus, und da ich kein zweites Mal die Klasse wiederholen konnte, musste ich nun endgültig die Schule wechseln. Wenn ich vorher dachte, dass ich traurig und gedemütigt war, war das nichts im Vergleich zu diesem Schmerz. Es war einfach nur schrecklich. Ich wollte von wegrennen und nie anhalten.

Das Ende vom Lied:

Ich kam doch auf die Gesamtschule.

Und ab jetzt wird es postitiv, denn es war die beste Entscheidung überhaupt. Meine Noten wurden nicht nur besser, sondern richtig gut!! Fast alle Fächer wurden nach Schwerpunkt unterteilt. In den Naturfächern kam ich in die „einfacheren“ Kurse, und in Deutsch und Englisch in die „schwereren“.

Auch meine Mitschüler:innen mochte ich auf Anhieb viel mehr. Dort war alles viel durchmischter. Es gab nicht nur die elitären „Streber“, sondern alle möglichen Leute mit Gymnasial- Real- und Hauptschulempfehlung. Wer schlechtere Noten hatte, wurde nicht gleich ausgegrenzt.

Nach der Zehnten bekam ich eine Gymnasialempfehlung, und machte schließlich mein Abi.

Ich bin nicht „dumm“, ich lerne nur langsam.

Viele begreifen alles auf Anhieb, bei mir geht das nicht. Ich muss die Dinge etliche Male wiederholen, bis es sie in mein Gedächtnis einbrennen. Wenn ich genug Zeit habe, ist das kein Problem (in der Uni waren meine Noten immer sehr gut), aber auf dem Gymnasium ging mir einfach alles zu schnell.

Jeder Mensch ist anders und lernt anders. Nichts davon ist falsch, richtig, besser oder schlechter. Es ist einfach so.

Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte und die Wahl hätte, würde ich auf die Gesamtschule gehen?

Als Béa mich fragte, ob ich, wenn ich die Wahl gehabt hätte, gleich auf die Gesamtschule gegangen wäre, musste ich einen Augenblick lang überlegen. Die Zeit auf dem Gymnasium war regelrecht traumatisch, aber dort habe ich auch meine beste Freundin kennengelernt, und meinen besten Freund auf der Gesamtschule. Wäre ich direkt auf die Gesamtschule gegangen, dann wäre ich vermutlich auch nicht sitzen geblieben und hätte meine Liebsten nie kennengelernt. Und überhaupt: Heute bin ich glücklich. Ich mag, wie sich mein Leben entwickelt hat, und würde nichts davon missen wollen.

Ich kann diese Frage daher nicht eindeutig beantworten, was ich sagen kann, ist folgendes:

Boxt euer Kind nicht entgegen aller Empfehlungen aufs Gymnasium!

In meinem Fall haben nicht nur meine Noten, sondern auch mein Selbstwert darunter gelitten. Auch nach zwei Therapien sitzt der Grundgedanke dumm zu sein, noch immer ziemlich tief. Auch die Versagensängste sind groß. Wann immer ich in irgendwas scheitere, wird das sogenannte „Schema 7 – sitzen geblieben“ (wie meine Therapeutin und ich es nannten) aktiviert.

Tut eurem Kind den Gefallen, und erspart ihm das. Ich weiß, ihr wollt nur das Beste für euer Kind, aber vielleicht ist das Beste, das Kind ein Stück weit selbst entscheiden zu lassen.
Ich zumindest hätte anders entschieden.

Liebe Grüße
Mounia

P.S. von Béa: Wir wollen auch eure Geschichten rund um Schulentscheidungen! Mögt ihr uns erzählen, wie ihr solche Entscheidungen angegangen seid? Wir freuen uns über Gastbeiträge! 

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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2 Kommentare

JHu
Antworten 6. April 2022

Bei uns ist es umgekehrt unser Sohn hatte eine Gesamtschul Empfehlung. Wir sahen es anders haben ihn aber trotzdem auf einer Gesamtschule angemeldet, wie von der Grundschule empfohlen. Von Anfang an gab es Probleme, er langweilte sich schrieb schlechte Noten und kam nicht zurecht. Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Aber wir meldeten ihn auf einem Gymnasium an. Er blühte direkt nach dem Schulwechsel auf, die Noten sind auch sehr zu unserer und sehr wichtig zu seiner Zufriedenheit. Im Sommer kommt er ins Neunte Schuljahr, Ja, es war die Richtige Entscheidung. Aber in seiner Klasse sind auch ein paar Kinder die sich mehr quälen als zurecht zu kommen. Das tut mir für die Kinder sehr, sehr leid. Aber da war es auch so, die Empfehlung war eher Realschule oder Gesamtschule. Aber die Eltern wollten die Kinder auf dem Gymnasium haben. Ich hoffe es geht für die Kinder gut aus!

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