Vertrauen statt Angst – was Kinder für die Welt von morgen brauchen! Ein Gespräch mit Julia Hartmann von GuteKinderstube


Müssen wir Kinder großziehen, die später „funktionieren“? Die Regeln befolgen und den Status Quo der Gesellschaft fortsetzen? Müssen sie jetzt in der Schule und der Erziehung eine gewisse Härte erfahren, damit sie später nicht unvorbereitet sind? Ich hatte letzte Woche einen Anlass zu einem spannenden Gespräch mit Julia Hartman, die Familienberaterin ist und den Blog GuteKinderstube betreibt.

Béa: Liebe Julia, nach dem Gespräch mit Nora Imlau zum Thema Konsequenzen und Drohungen hast du beim Facebook-Post viel mitgelesen und kommentiert. Und dann getweetet: 

Das kann doch kein Erziehungsziel sein, oder?

Julia:  Ich kann schon verstehen, dass Eltern sich für ihre Kinder eine gute Zukunft wünschen. Ihre Kinder sollen in der Gesellschaft gut zurechtkommen, erfolgreich sein. Das mögen einige Eltern als Erziehungsziel sehen. Vielleicht stehen auch Werte wie Gehorsam, Disziplin und Anpassungsfähigkeit dahinter, die den Eltern wichtig sind.  Ich selbst möchte selbstverständlich auch Werte, die mir wichtig sind, weitergeben, daher kann ich das in einem gewissen Rahmen nachvollziehen.

Ich frage mich nur, warum genau diese Werte wichtiger sind als eine wirklich liebevolle Beziehung, die sich auch durch ein liebevolles Miteinander ausdrückt. Ist das diesen Eltern bewusst? Oder haben sie nur nie in Frage gestellt, was “schon immer so war” und was sie selbst erlebt haben? Fakt ist, diese Eltern lieben ihre Kinder nicht weniger als ich meine. Doch der Umgang ist an manchen Stellen von Härte, Strafen und Abgrenzung und sogar teilweise gewaltsamem Verhalten geprägt und das wird als unumgänglich angesehen…

Béa: Kannst du das alles aus so einer Äußerung ablesen? Oder erlebst du solche Eltern unmittelbar? Ich frage mich, ob da in solchen Online-Diskussionen ganz schnell die Fronten eskalieren, weil mit wenig Worten ganz Positionen geklärt werden.

Gibt es wirklich “diese Eltern”?  

Julia: Tatsächlich empfinde ich die Einteilung in “diese Eltern” oder zum Beispiel “die Bedürfnisorientierten” als ganz schwierig. Die Krux ist, dass es schlicht eine Realität ist, dass unsere Gesellschaft Menschen einteilt und wenn man anders ist als die Norm, wird man ein Stück weit ausgeschlossen. Vielleicht kommt es auch deshalb so oft zu recht dogmatischen Gruppen, weil diese ausgeschlossenen Menschen sich ihre Gruppe suchen, die sich dann sehr stark abgrenzt, um sich wieder als Gemeinschaft zu fühlen? Ich selbst beobachte und versuche, möglichst wenig zu werten.  Nur fällt mir sprachlich auch keine echte Alternative ein, wenn ich über diese Themen reden möchte. Im direkten Kontakt ist es einfacher, da kann ich die Menschen vor mir ganz unabhängig und in ihrer Individualität sehen.

Also: “Diese” Eltern gibt es wahrscheinlich nie, denn jede Familie ist ganz unterschiedlich.

Es gibt aber schon deutliche Richtungen und da bewegt sich in meinen Augen gerade einiges. Bestimmt ist das in meiner Filterbubble online stärker zu sehen, weil da sowohl privat als auch beruflich mein Interessensfeld liegt. Meinen Blog gibt es seit dreieinhalb Jahren und auch wenn ich wenig schreibe, bin ich seitdem täglich im Social Media unterwegs und beobachte, diskutiere, entwickle mich weiter. Meine Beobachtungen beziehen sich also auf die immer wiederkehrenden Begegnungen mit dem Satz:

“Das muss man so machen als Eltern, man muss das durchziehen, denn die Welt ist eben so und in Schule und Job sollen die Kinder zurecht kommen.”

Online begegnet mir das oft. Ich erlebe allerdings genau die gleichen Themen im “echten Leben”, in meinem Umfeld, in meiner Familie, bei Freunden und Bekannten und in meinen Beratungen. Und natürlich bei mir selbst, denn ich habe mich ja auch entwickelt…

Béa: Das ist ja spannend. Was ist deine Entwicklung?

Julia:  Ich bin sehr “erzogen” aufgewachsen…

…in der frühen Kindheit auch mit körperlichen Strafen, später mit den Klassikern wie Hausarrest, Fernsehverbot usw. Zum Glück war ich trotzdem mit meiner Mutter gut im Austausch und mit zunehmendem Alter wurde mir mehr Respekt entgegengebracht und es ging demokratischer zu, d.h. ich konnte mit guten Argumenten auch “gewinnen”.

Als ich vor 13 Jahren Nanny von Zwillingen wurde, war ich noch voll überzeugt: So, wie ich es erlebt habe, war es genau richtig! Kinder brauchen Grenzen und Regeln, sie müssen gehorchen, Eltern müssen immer konsequent sein etc..

Körperliche Strafen waren tabu, aber es gab klare Regeln, Ansagen und in meinem Herzen auch eine gewisse Härte und Kälte, weil “das ja so sein muss”. Denn, wenn ich mit dem Kind mitfühle, mich reinversetze, dann KANN ich gar nicht so hart sein, wenn es weint und verzweifelt ist. Wenn mein Verstand überzeugt ist, im Sinne des Kindes und zu seinem Besten zu handeln, dann strenge ich mich richtig an, “das durchzuziehen” und nicht zu fühlen.

Und dann bekam ich ein sehr sensibles Kind, das vom ersten Tag seine Bedürfnisse mitteilte und ich war nur noch Gefühl.

Danke Hormoncocktail, kann ich da nur sagen.

Ich konnte einfach nicht mehr so handeln, wie ich es gelernt hatte und suchte nach Alternativen. Ich bin also selbst diesen Weg gegangen und wahrscheinlich berührt mich das auch deshalb so stark.

Béa: Wie finden wir als Gesellschaft zusammen zu einer besseren Werteorientierung? Kennst du Fälle, in denen ein Umdenken stattgefunden hat?

Gesellschaftlich gesehen hoffe ich auf verschiedene Dinge: Da sind die vielen Blogs und Bücher von tollen Frauen, die erklären, wie sich unsere Kinder entwickeln, welches Verhalten altersgerecht ist, wie sich das Gehirn spezialisiert und formt und was das für uns im Umgang miteinander als Familie bedeutet. Sie geben Tipps für Handlungsalternativen und öffnen gleichzeitig den Raum, in dem sie immer wieder betonen, wie wichtig es ist, dass jede Familie ihren Weg findet. Es gibt immer mehr Menschen wie mich, die pädagogisch oder beratend arbeiten und sich weiterbilden, damit sie Familien unterstützen können.

Darüber hinaus entsteht ein gewisser Druck auf die Gesellschaft, weil sich die Arbeitswelt rasant entwickelt und mit ihr die Anforderungen an unsere Kinder.

In Zukunft wird es höchstwahrscheinlich viel weniger um Gehorsam und Obrigkeitshörigkeit und weit mehr um Kreativität, Eigeninitiative, intrinsische Motivation und Kommunikationsfähigkeit gehen.

Béa: Da bin nicht nur ich voll bei dir, sondern alle Arbeitsexperten prognostizieren, dass in Zukunft genau die von dir zitierten Fähigkeiten die übergeordnete Rolle spielen werden. Aber auch als Schulgründerin habe ich das immer wieder erlebt, dass ein Ausbruch aus dem bestehenden System sehr schwierig ist: Alle würden ja wollen, aber die Lehrer und Schulpolitker sagen, dass die Eltern Sicherheit wollen… und die Eltern würden es ja auch am liebsten anders haben, aber so lang die Zeugnisse und das Aussieben nach Noten noch da sind, ist es das was die Zukunft des Kindes bestimmt. Konntest du bislang Eltern direkt zum Thema übertriebene Leistungsorientierung coachen?

Julia: Ja, diese Dynamik beobachte ich auch. Dabei sehe ich vor allem die Menschen in der Verantwortung, die Schule und Bildung zu ihrem Beruf gemacht haben. Sie sollten dafür verantwortlich sein, den Umbruch zu erzwingen und dafür brennen, Schule sinnvoll zu gestalten. Stattdessen werden halbherzig Noten an Grundschulen abgeschafft, die dann wieder aus Angst vor “Kuschelpädagogik” (so ein furchtbares Wort!) eingeführt werden.

In meiner Beratung hatte ich bisher nur das Thema Hausaufgaben. Das ploppt auch in meiner Online-Filterbubble immer wieder auf. So viele Familien leiden, die Atmosphäre zuhause ist vergiftet.

Und da sage ich ganz klar: Gebt die Verantwortung an die Schule zurück und stärkt euer Kind, mit den Konsequenzen klarzukommen.

Die Lehrer sollten mit den Kindern gemeinsam Wege finden statt zu erwarten, dass die Eltern der verlängerte Arm der Schule sind. Schon alleine deshalb, weil es eben auch Eltern gibt, die das nicht können und Kinder die damit systematisch benachteiligt sind. Aber das ist ja wieder im System gedacht.

Die Diskussionen bewegen sich einfach immer wieder im bestehenden System statt die erlangten Erkenntnisse umzusetzen. Und dann gibt es Eltern, die sehr viel Kraft, Energie und Geld investieren und freie Schulen gründen, sie mitgestalten oder einfach ihren Kindern einen ganz anderen Lernort bieten, indem sie sich bestehenden Schulen anschließen. Da gibt es ganz unterschiedliche Konzepte und nicht alles davon kann ich auf den ersten Blick nachvollziehen.

Was mir aber an allen gefällt, ist der Mut der Erwachsenen, in die Kinder und ihre Kompetenzen zu vertrauen. Und genau das ist in meinen Beratungen immer der Grundton auf dem wir die Melodie der jeweiligen Familie komponieren:

Vertrauen statt Angst.

Béa: Vielen Dank, liebe Julia, für diese wunderbaren Antworten und dieses spannende Gespräch!

Und ihr? Welche Art von „diesen Eltern“ seid ihr eigentlich? Wisst ihr, was Kinder für die Welt von morgen brauchen? 

Liebe Grüße von Julia und Béa

Titelbild: Photo by Robert Collins on Unsplash

 

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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3 Kommentare

Stefanie
Antworten 16. Dezember 2017

Der Artikel spricht mir so aus der Seele, vielen Dank dafür liebe Bea und Julia. Ich habe eine ähnliche Entwicklung durchgemacht wie Julia, denn als mein eigenes Kind zur Welt kam habe ich nach und nach gemerkt, dass ich mit dem, wie man laut meiner Umwelt eben mit Kindern umzugehen hat, nicht zurechtkam. Ich hab auf mein Bauchgefühl gehört und auf mein Kind und einfach so gemacht, wie es sich für mich richtig anfühlte. Später habe ich gelernt, dass man das wohl Attachment Parenting oder bedürfnisorientiert nennt. Jetzt stehen wir vor der Einschulung nächstes Jahr und ich kann mir meinen Sohn nicht in dem starren System der staatlichen Frontalbeschulung vorstellen. Ich empfinde es als gleichmachend, so als ob das höchste Ziel angepasste, gehorsame Arbeiter sind. Das kann nicht die Zukunft unseres Arbeitsmarktes sein. In diesem Sinne sprecht ihr mir aus der Seele. Wir werden an eine freie Schule gehen die nach Montessori arbeitet und ich hoffe einfach inständig dass es die richtige Entscheidung für unser Kind ist. Unser Umfeld meint das nicht, aber keiner von ihnen kennt etwas anderes als das wie es immer war. Unsere Ansichten und Strukturen in Bildung und Erziehung sind z.T. so veraltet, dass ich mir wirklich mehr Mut zum Über-/ und Umdenken bei allen wünschen würde. Es kann doch nicht sein dass wir überall modernste Forschung anwenden, nur da nicht.
Liebe Grüße Stef

Sunny
Antworten 26. August 2018

Ich habe ab der Mitte nicht mehr weiter gelesen! Ich finde es schon vom lesen anstrengend....sorry.Ich habe 2 Teenager die ich groß ziehe und 2 kleine 4 und 1 Jahr alt. Wir machen alles nach Gefühl....und selbst der Zwerg merkt an der Gefühlslage ob gut oder schlecht.(dazu muss ich sagen, die beiden kleinen kamen als wenige Tage alte Säuglinge zu uns)

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