Eene Mene Muh: Nicht normal bist du! … Oder doch?


Heute mal eine kleine Reflexion von mir zum Thema „normal“. Und ich meine jetzt nicht: Zurück zur Normalität! Ich schreibe von:

„Er / sie / das ist doch nicht normal. Das ist doch nicht normal, wie er / sie sich benimmt.“

Es gibt dieses „normal“ im statistischen Sinne. Wenn ich mir Schuhe in Größe 40 kaufen möchte und irgendwer ausgerechnet hat, wie der Durchschnitt so ist und Größe 40 auf dem Schuh steht. Passt mir der Schuh in jedem Fall? Nein! Bin ich dann nicht normal? Auch wieder: nein!


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Durchschnitt bedeutet eben nicht, dass alle da reinpassen. Selbst innerhalb der statistischen Norm gibt es Abstufungen.

Nun zu meinem Thema:

Normalität im Zusammenhang mit anderen Menschen: Es gibt Ähnlichkeiten und vieles ist doch anders, wir sind eben nicht alle gleich!

Woher kommt es dann, dass viele Menschen sich und ihr Verhalten als normal ansehen, während sie andere als „nicht normal“ bezeichnen? Ich schließe mich hier ein, mir ist das auch erst im Laufe der letzten Jahre – durch persönliche Veränderung – bewusst geworden. Und auch heute passiert es mir manchmal noch.

Was ich kenne, ist meine Normalität. Wie oft habe ich mein „für mich normal“ auf andere übertragen und sie damit in eine Schublade gesteckt?! In Schubladen stecken ist nichts anderes, als andere Menschen zu bewerten und zu beurteilen. Wie oft habe ich in meinem Leben gehört: „Das ist doch nicht normal, wie sensibel du bist.“ Wer entscheidet das?

Wie oft habe ich gesagt, wenn ich enttäuscht und hilflos war und mein Bedürfnis nach Respekt nicht erfüllt war: „Das ist doch nicht normal, wie du dich gerade verhältst.“ Ich habe jemanden verurteilt.
Normal ist das, was mir vertraut ist und womit ich mich wohlfühle. Das kann ich doch anderen Menschen nicht überstülpen und für allgemeingültig erklären.

„Warum schreibt die Frau das überhaupt?“, werden sich vielleicht einige jetzt fragen. Ich schreibe das, weil mir auffällt, wie sehr es Menschen voneinander trennt. Das Thema fiel mir nämlich heute Morgen ein, als ich einen Witz zur Pandemie gelesen habe und dachte: „Das ist doch nicht normal, dass jemand darüber jetzt Witze macht!“ Es fiel mir sofort auf. Ich kann in der Situation jetzt keine Witze machen. Manchen Menschen hilft Humor allerdings. Wenn sie darüber lachen, fühlen sie sich vielleicht erleichtert und für einen Moment weniger hilflos.

Normal ist also auch das, was Menschen für sich als Strategie nutzen, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen.

Meine Erkenntnis für mich:

Ich möchte andere Menschen nicht bewerten und beurteilen:
„Du bist doch nicht normal!“
„Was du tust, ist doch nicht normal!“
Und damit von meinen eigenen Vorstellungen und Erwartungen an das Verhalten anderer Menschen ausgehen.

Stattdessen kann ich sagen, was etwas in mir auslöst und wie ich mich damit fühle. Dabei bleibe ich bei mir. Ich muss nicht mit allem einverstanden sein. Das liegt bei mir und das geht auch ohne Beurteilungen.

Denn wie oft steckt(e) eigentlich die Unfähigkeit, meine Bedürfnisse auszudrücken hinter dieser Beurteilung „nicht normal“?

Ich beende die Reflexion mit einigen Beispielen:

„Das ist doch nicht normal, dass du jetzt einfach schweigst!“ – in einem Konfliktgespräch ausgesprochen aus Hilflosigkeit.
wird zu:
„Ich bin unruhig und traurig, wenn ich keine Antwort erhalte. Mir ist es wichtig, dass wir das klären.“


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„Das ist doch nicht normal, wie laut er / sie Musik hört.“
wird zu:
„Ich hätte jetzt gerne mehr Ruhe und bin genervt, wenn die Musik diese Lautstärke hat. Ich wünschte, sie wäre etwas leiser.“

„Das ist doch nicht normal, dass du jetzt erst nach Hause kommst und dich nicht gemeldet hast!“
wird zu:
„Ich war besorgt und ängstlich, weil ich mir um die Sicherheit dieses Menschen Sorgen mache. Und ich wünsche mir, dass er sich melden würde, um Bescheid zu sagen, dass er sich verspätet.“

„Das ist doch nicht normal, dass du über so was lachen kannst!“
wird zu:
„Ich bin gerade verärgert über diese Situation und kann selbst nicht lachen.“

Wie viele Konflikte beginnen eigentlich mit dem Satzanfang: Das ist doch nicht normal… Und wie oft könnten sie vermieden werden!

Mit der Bewertung „nicht normal“ hebe ich mich manchmal auch über andere Menschen, das trennt und verbindet nicht. Und mit der Bewertung „nicht normal“ gebe ich auch manchmal die Verantwortung ab. Statt zu schauen, was sich in mir abspielt, weise ich Menschen darauf hin, sie mögen sich bitte ändern. Und zwar nach meinen Vorstellungen.

Wenn ihr also das nächste Mal denkt: „Das ist doch nicht normal….“ fühlt gerne mal in euch rein und schaut, was sich da wirklich abspielt. Was fühlt ihr? Was braucht ihr?

Dieser Beitrag handelt nicht vom: „Aber das macht man eben so, das gehört sich so. Das ist normal.“
Genau davon möchte ich weg.
Denn wer „man“ sein soll, weiß ich bis heute nicht. Ich möchte hin zu mehr Reflexion und raus aus der Prägung!

mindfulsun

PS: Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr nach Lesen meines Beitrags Situationen noch mal reflektiert. Wann habt ihr gedacht: Er / sie / das ist doch nicht normal und wie sieht es jetzt aus, wenn ihr in euch rein fühlt? Was entdeckt ihr in euch?

mindfulsun
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