Warum Achtsamkeit für mich keine verlogene Gefühls-Unterdrückung ist


Auf die Achtsamkeits-Anregungen unserer Gastkolumnistin mindfulsun erhalten wir sehr viele dankbare Reaktionen. Viele nehmen sie als Anlass zur Reflexion und einer besseren Kommunikation mit ihrem Umfeld, insbesondere mit ihren Kindern. Und auch solche Kommentare haben wir gelesen: „Es nervt mittlerweile, dieses immer gut und korrekt sein müssen. Nur keine echten, wirklichen Emotionen zeigen. Dieses ganze Getue ist so verlogen….“. 

Daher gibt es genau zu dieser Fragestellung jetzt einige achtsame Gedanken von mindfulsun:

Zu einigen meiner Artikel zum Thema Achtsamkeit kommen Kommentare und Bedenken:
Ist das nicht Gefühle verdrängen und heile Welt spielen?!

Mit diesem Mythos möchte ich heute aufräumen. In der Achtsamkeit geht es für mich nicht darum, Gefühle zu verdrängen. Ganz im Gegenteil! Es geht darum, meine Emotionen zu erkennen und die Botschaften dahinter.

Alle Emotionen anzunehmen und damit umgehen zu lernen – nicht vor ihnen fliehen, sie nicht bekämpfen.

Auch wenn die einzelnen Artikel vielleicht manchmal so klingen mögen, als wäre ich mit einer Tasse Yogi Tee auf die Welt gekommen, sitze den ganzen Tag meditierend und fröhlich vor mich hin pfeifend im Schneidersitz, bin immer ausgeglichen und glücklich – oder anschaulich ausgedrückt:

Mir scheint die Sonne aus dem Po? Nein, so ist es nicht.

Eigentlich ist es bei mir sogar noch anders, ich gehe damit ja offen um: Ich habe eine Posttraumatische Belastungsstörung. Kurz PTBS. Worüber ich hier schreibe, sind Dinge, die ich vor der PTBS gelernt habe und versuchte umzusetzen. Und auch heute – mit dem Trauma – sind sie sehr hilfreich für mich.

Was sind negative Gefühle?

Schon in der Kindheit wurde mir beigebracht, was positive und negative Gefühle sind. Ich denke, die Liste ist für viele Menschen ähnlich. Negativ besetzt waren vor allem: traurig sein, Wut, Frust, Ärger, Enttäuschung, Trauer, Angst. Das sind Gefühle, die sich nicht so schön anfühlen und auch ich wollte die natürlich nicht haben.

Immer angeleitet durch mein Umfeld / Eltern:
„Ach, du musst doch jetzt nicht traurig sein.“
„Indianer kennen keinen Schmerz!“
„Reiß dich doch mal zusammen und höre auf zu weinen!“

Die Liste mit diesen Sätzen ist lang. Und auch wenn sie vielleicht nur so daher gesagt waren, sie sind prägend. Dabei wäre es für mich so wichtig gewesen, damit umgehen zu lernen! Stattdessen:

Verdrängung und oft ein Gefühl der Scham. Es ist nicht richtig, dass ich mich jetzt so fühle!

Heute weiß ich: All diese Gefühle sind menschlich und gehören zum Leben und Achtsamkeit dazu!

Wie das Bild es hier zeigt: Wellenartig, diese Gefühle kommen und gehen.

Auch wenn es mir manchmal ewig erscheint. Und das ist auch ein wichtiger Punkt: Ich habe früher nie bewusst darauf geachtet, wann denn so ein Gefühl zu Ende war. Ich habe es teilweise weiter mit Gedanken angefeuert und nicht mal gemerkt, dass es eigentlich nicht mehr da war.

Heute akzeptiere ich alle diese Gefühle und nehme sie auch an. Sie sind Teil meines Lebens, manchmal stecken dahinter sehr wichtige Botschaften: Du musst etwas verändern! So kann es nicht bleiben!

Hier hat mir Meditation sehr geholfen, hinter die Gefühle zu schauen. Was bedeuten sie für mich? Wo kommen sie her? Was brauche ich jetzt?

Verdrängen hatte sich früher kurzfristig gut angefühlt und langfristig kamen diese Gefühle doch immer wieder, manchmal stärker als zuvor. Sie zu erkennen, damit umgehen zu lernen und auch Dinge zu verändern, hat vieles positiv in meinem Leben beeinflusst.

Und ich gebe das auch an meine Kinder weiter. Ein „Ach, das ist doch kein Grund, traurig zu sein.“ werden meine Kinder bestimmt nicht (mehr) von mir hören.

Ich ermutige meine Jungs, alle Gefühle zuzulassen. Wir sprechen darüber und ich helfe ihnen dabei, damit umgehen zu lernen. Und auch wenn einer meiner Söhne jetzt schon ein junger Erwachsener ist, wir lernen alle gemeinsam. Es hilft auch meinen Jungs sehr, reflektierter mit ihren Emotionen umzugehen.

Alle Gefühle gehören zum Leben dazu! Sie sind menschlich!

Ganz wichtig ist mir dabei: Egal was du fühlst – wie du danach handelst, ist wichtig!

Und hier möchte ich kurz auf das Gefühl Ärger/Wut eingehen:

Ich nannte es früher: „Ich bin eben impulsiv!“

Ich war wütend oder verärgert und oft ließ ich diesem Gefühl ganz unreflektiert freien Lauf. Das hat sich kurzfristig sicher gut angefühlt und fast noch in der Sekunde kam die Erkenntnis: Ich habe den Schaden noch viel größer gemacht.

Der buddhistische Mönch Thich Nath Hanh drückt es ganz wunderbar aus:

“If your house is on fire, the most urgent thing to do is to go back and try to put out the fire,
not to run after the person you believe to be the arsonist….“

Übersetzt:
„Wenn dein Haus brennt ist es am wichtigsten das Feuer zu löschen
und nicht der Person hinterherzulaufen, von der du glaubst, sie hat es angezündet.“

Was bedeutet das für mich? Nicht sofort im ersten Impuls reagieren.

Ich atme bewusst, lasse der Wut Raum und dann schaue ich hinter die Wut. Was ich da finde? Oft genug finde ich da Enttäuschung, Schmerz und Hilflosigkeit. Ich möchte gehört werden und verstanden. Ich fühle mich verletzt. In „blinder Wut“ sofort zu reagieren, hat viel kaputt gemacht. Ich habe gelernt meine Enttäuschung und meinen Ärger zu hinterfragen. Und dann erst gehe ich in ein Gespräch, wo es noch notwendig ist. Die Enttäuschung lag oft bei mir, in meiner Erwartung. Und ich habe auch gelernt, meinen Schmerz auszudrücken, ohne die andere Person anzugreifen.

Achtsamkeit hilft mir Abstand zu schaffen – den Abstand zwischen den Gefühlen und meiner Reaktion.

Das war jetzt mein kleiner Exkurs zum Thema: Achtsamkeit und Gefühle zulassen.

Wie oft erlebe ich heute, wo ich viel reflektierter mit meiner Gefühlswelt umgehe: Diese Gefühle nicht mehr zu bewerten, einfach nur zu beobachten hilft mir sehr. Die alten Sätze aus meiner Kindheit sitzen nun auch nicht mehr so fest. Und es fühlt sich sehr befreiend an.

mindfulsun

P.S. von Béa: Ich lerne selbst, auch als feurige Südländerin, von mindfulsun. Ich kann diese Gedanken annehmen, ohne mein Temperament zu verlieren. Es hilft mir, denn ich fühle, warum Achtsamkeit keine verlogene Gefühlsunterdrückung ist!

Vielleicht könnt ihr auch damit etwas anfangen?

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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