„Es gibt Sachen, die schlimmer sind als ein paar Ohrfeigen.“ – Gastbeitrag


Hier hat eine Mutter anonym ihre Geschichte erzählt, um zu sensibilisieren. Vorab allerdings eine Triggerwarnung. Es geht um Misshandlung, und nicht nur seelisch… Hier sind ihre Zeilen an uns:

Hallo Béa,

du hast unter dem Gastbeitrag der Optimistin nach ähnlichen Erfahrungen gefragt… und ich glaube, die kann ich liefern. Ihre Geschichte hat mich sehr berührt. Bei mir war manches so ähnlich, aber doch irgendwie anders.

Ich bin geschlagen worden.

Nicht sehr oft und nicht zur Bestrafung, meine Mutter schlug nur im Affekt zu. Wenn sie sehr, sehr sauer auf mich war. Ich war ein ruhiges Kind, aber wie jedes Kind hatte ich es drauf meine Mutter zur Weißglut zu bringen. Dann setzte es mal eine Ohrfeige oder so.
Das war nicht schön, aber als richtig schlimm habe ich es auch nie empfunden. Und heute würde ich nicht sagen, dass mich das irgendwie geprägt oder verändert hat. Das waren andere Dinge.

Es gibt Sachen, die schlimmer sind als ein paar Ohrfeigen.

Nicht ernst genommen werden, zum Beispiel. Manchmal, wenn ich traurig war, etwa wegen einem Streit mit einer Freundin oder so, lachte meine Mutter mich aus. Weil es ja nichts schlimmes war. Nichts Wichtiges. Weil ich mich „eh nur“ anstelle.

Als ich sechs war trennten sich meine Eltern, es war ein großes Chaos. Die Trennung wurde mir so am Rande mitgeteilt, ich wurde in die Ferien geschickt und als ich wieder kam war mein Vater aus und der neue Freund meiner Mutter eingezogen. Meine Traurigkeit durfte ich nicht zeigen. Meine Mutter reagierte auf so etwas nur wütend. Aber das lernt man schnell als Kind. Man lernt, Ärger zu vermeiden. Man lernt aber auch dass die eigenen Gefühle etwas schlechtes sind, dass man sie eigentlich nicht haben darf oder dass sie falsch sind. Ich frass viel in mich rein.

War ich sichtbar krank, war es etwas anderes… Da wurde ich umsorgt und verwöhnt. Aber alles „Unsichtbare“ wurde mir ab gesprochen.

Es wurde schlimmer als mein Vater sich neu verliebte. Vorher hatten wir tolle Papa-Wochenenden. Von jetzt auf gleich gab es diese Frau und ihren Sohn. Ich erzählte zuhause davon, weil ich drüber sprechen musste, weil es mich belastete. Alles anders, schon wieder.

Zum ersten mal in meinem Leben wurde ich auch von meinem Papa angeschrien. Ich hätte es nicht erzählen dürfen, weil die neue Frau noch verheiratet war.

Er schrie, ich hätte sein Vertrauen missbraucht und wenn er wirklich noch mal eine Familie gründen würde, würde er mir das gar nicht erzählen und ich wüsste dann nie, dass ich Geschwister habe. Ich war 8 Jahre alt und wünschte mir damals sehr ein Geschwisterkind. Und der Gedanke war absolut unerträglich. Es schwang ja auch mit, dass er dann eine neue Familie hat und mich nicht mehr holt.


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So kam es nicht. Es blieb bei der neuen Freundin und ihrem Sohn, ich sollte sie lieb haben, auf Knopfdruck am besten Mama zu ihr sagen. Ihr Sohn war jetzt mein Bruder. Ihn mochte ich tatsächlich. Aber dass er immer mit mir in einem Bett schlafen wollte, mochte ich nicht. Durfte ich aber nicht sagen. War ja süß, die beiden Kleinen. Wie die immer kuscheln. Der Große Bruder und die kleine Schwester. Wie niedlich.

Und heute frage ich mich manchmal, ob das allen deren ernst gewesen ist.

Wie kann man nicht gesehen haben, dass da was nicht stimmt? Dass er mit 16 andere Bedürfnisse hatte als kuscheln? Dass ich mich damit nicht wohlfühlte?

Natürlich geschah das nicht mit Absicht. Meine Eltern haben mich nicht in dieser Situation gelassen, weil sie bösartig waren. Heute glaube ich, aus lauter Hilflosigkeit haben sie es bewusst oder unterbewusst einfach verdrängt. Das geht.

Aber irgendwie ist das auch eine Form von Gewalt. Gefühle eines Kindes ignorieren. Oder nicht ernst nehmen. Oder weg sehen, wenn man eigentlich hinsehen müsste.

Darum bemühe ich mich heute bei meinen Kindern. Ich habe (leider) das Temperament meiner Mutter. Ich werde leicht wütend und auch laut. Auch bei meinen Kindern. Aber ich entschuldige mich dafür und erkläre warum ich wütend war.

Und meine Kinder dürfen auch wütend sein. Und alle anderen Gefühle dürfen sie auch haben.
Ich lache sie nicht aus, wenn sie Streit oder Angst haben. Oder verliebt sind.

Ich denke, Kinder haben genau so ein Recht auf Gefühle wie wir großen, und die sind genauso wichtig, selbst wenn es uns nicht immer so erscheint. Vielleicht ist verliebt sein mit 7 anders als mit 20, aber wie können Erwachsene darüber bestimmen, ob dass Kind über eine nicht erwiderte Liebe traurig sein darf oder nicht? Können wir nicht. Kinder sind kleine, aber sonst völlig komplette Menschen, die uns brauchen um zu wachsen. Das Gefühlsleben ist dabei genau so wichtig wie körperliches Befinden, saubere Kleidung und genug zu essen.

Naja, meine Geschichte soweit. Vielleicht kannst du was damit anfangen.

Liebe Grüße,
eine anonyme Mama

P.S. von Béa: Es tut jedem gut, der so etwas aus der Seele rausgelassen, ein respektvolles Feedback zu bekommen. Ich für meinen Teil finde es ganz wunderbar und bewundernswert, wie reflektiert und liebevoll diese Mama mit ihren eigenen Kindern umgeht. Ihr auch? Hinterlasst doch ein nettes Wort oder auch nur ein <3

Und habt ihr auch Dinge erlebt, die schlimmer als Ohrfeigen sind? 

Titelbild von Alexas_Fotos auf Pixabay


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Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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6 Kommentare

Felicia
Antworten 29. Juli 2020

Ich finde es sehr mutig über solche persönlichen Erfahrungen zu schreiben. Das ist absolut bewundernswert. Mich hat die Geschichte sehr berührt und es tut mir sehr leid was da alles schlimmes passiert ist.
Als Erwachsene dann so reflektiert zu sein und den Emotionen der eigenen Kinder Raum zu geben, finde ich super. Das man als Mama auch nur ein Mensch ist und auch mal wütend wird ist verständlich. Danach aber auch Fehler zuzugeben und mit den Kindern zu besprechen was da gerade passiert ist und warum finde ich absolut den richtigen Ansatz. Vielen Dank für's Teilen! ❤️

Ira Thon
Antworten 29. Juli 2020

Ich finde es bewundernswert, dass Sie es geschafft haben, das Verhalten Ihrer Eltern zu hinterfragen und sich anders zu verhalten als Mutter. Ich teile Ihre Meinung, dass es besonders wichtig ist die Gefühle der Kinder ernst zu nehmen. Zuzuhören und auch eigene Fehler einzugestehen.

Kerstin
Antworten 30. Juli 2020

<3

Inge
Antworten 30. Juli 2020

<3
Traurig so etwas zu lesen,aber leider müssen viele Kinder unter solchen Misshandlungen leiden. Das zieht sich durch das ganze Leben, mich hat es geprägt dass ich mich unwert fühle, kein Selbstvertrauen habe.....und das, obwohl die längste Zeit meines Lebens schon vorbei ist. Ein Satz, der mir ständig von Mutter und Großmutter (erste Erinnerung,ich war 4) entgegengeschleudert wurde, begleitet mich durch mein Leben "Du bist zum Verderben in der Welt geboren"

Sarah
Antworten 30. Juli 2020

Schlimmeres als Ohrfeigen!

Es fing anscheinend so mit 5 an... ich war eigentlich ein typisches Mädchen und wer kennt es nicht 5 jährige machen nicht immer das was eltern wollen...
Mein Vater und meine Mutter trennten sich das war ich noch ein kleinkind. Keine erinnerungen habe ich daran... mein Vater verliebte sich neu und ich hatte eine 3 Jahre ältere stiefschwester..
Mein Bruder auch 3 Jahre älter lebte bei meiner Oma mütterlicher Seite.
Ich fing an die sachen meiner stiefschwester auszuprobieren. In den Augen meines Vaters und meiner Stiefmutter war ich anstrengend... ich bekam das Kellerzimmer.
Das erste mal wurde ich über das Knie gelegt.
Später mit dem Gürtel bestraft.
Türklinke wurden abmontiert. Ich bekam ein töpfchen aufs Zimmer und durfte nur zum kindergarten/zur Schule raus.
Ich kam mit 7 in eine psychatrie. Diagnose Frühkindliche Hirnschäden, kurz vor einer seelischen Behinderung und Intelligenz Minderung... heute weiß ich, ich hatte als Kind schon eine Belastungsstörung...
In den Akten vom Jugendamt steht das Eltern nicht bereit sind im Familienhaus zu arbeiten und das ein Kinderheim aufenthalt seelische schwerwiegende Folgen haben könnte.
Ich kam von der psychatrie wieder nach Hause... der Horror ging von vorne los... Licht wurde nachts abgestellt, und tägliche schläge mit dem Gürtel auf das Gesäß und auf die Oberbeine... wenn ich weinte bekam ich nochmal schläge denn ich würde lachen.
Ich kam ins Kinderheim. 5 Monate später wurde ich abgeholt und wir sind nach Bayern gezogen.
Dort wurde es schlimmer. Ich war zu dem Zeitpunkt 9 Jahre alt. Ich teilte mir ein Zimmer. Ich musste im Zimmer bleiben, zu essen gab es wenig, wenigstens genug zum trinken... der Höhepunkt statt gürtel wurde ich mit einem Rohrstock geschlagen... täglich kniekehle, oberschenkel und der blanke arsch. Er fesselte mich ans Bett damit ich nicht mehr aufstehen konnte....
Ich lag gerne nachts auf dem Boden vor der Tür....
Ich haute von zuhause ab... mit 10. Die polizei fand mich in der nacht. Ich erzählte und zeigte Ihnen was mir passiert.
Ich musste zuhause bleiben. Mein Vater bekam einen Brief von der Polizei das er das nicht tun darf... als der Brief nach hause kam waren sie so stinksauer das ich wieder geschlagen wurde.
Mein Vater gab mich wieder in ein Heim. Ein paar taage vor meinen 11. Geburtstag. Ich kam Unterernährt ins kinderheim... miz blauen Flecken an den Armen...
Im Heim ging das Übel weiter... keine eigene Meinung haben, auf Schritt und Tritt kontrolliert. Auch körperliche Auseinandersetzung gab es... Seiten schreiben, 2 mL ins nächste Dorf joggen ohne Pause etc.pp jahrelang wurde mir eingeredet ich sei dumm und fett... und heute?
Heute bin ich in Therapie um trauma aufzulösen. Ich habe zwei wundervolle Kinder fie ihre Emotionen ausleben dürfen. Gewalt nein. Liebe und Respekt und Grundregeln....
Trotz allem bin ich hier...

    Béa Beste
    Antworten 30. Juli 2020

    Oh, Mensch, was für eine bewegende Geschichte. Es tut mir so leid, dass du das alles durchmachen musstest. Und ich bin froh, dass du das alles mit einer Therapie auflöst - ich wünsche dir und deinen Kindern nur alles Gute und Liebe - in der wahrsten Bedeutung dieser Worte. Ich habe gerade Tränen in den Augen. Liebe Grüße, Béa

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