#metoo: Vom eigenen Bruder mißbraucht – Gastbeitrag


Achtung Trigger: Ich habe von einer Leserin eine Missbrauchsgeschichte aus ihrer Kindheit und Jugend, die mich extrem bewegt hat. Vor allem, weil für sie bislang nur Schweigen eine Option war, und das Erzählen hier geht auch nur anonym, aus Gründen.

Seid bitte respektvoll und feinfühlig in den Kommentaren…

Ich möchte anonym bleiben und meine Geschichte triggert ebenfalls. Aber ich habe noch nie die Möglichkeit gesehen darüber zu sprechen, ohne dass es „Verletzte“ gibt.


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… schreibt unsere Gastbeitragende über einen jahrelangen Missbrauch durch ihren Bruder.

Wann es angefangen hat, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht wie es angefangen hat. Ich war zu jung um mich zu erinnern.

Mein Bruder, der Liebling meiner Mutter, ist 4 Jahre älter. Ich weiß nur, dass er mich als Kleinkind den Jungs in unserer Straße gezeigt hatte. Ich musste mich ausziehen und sie bewunderten, besser gesagt wunderten sich über meinen Mädchenkörper. Ich war damals nicht älter als 4 oder 5, die Jungen waren von 1 Jahr jünger bis 4 Jahre älter als ich.

Später erinnere ich mich, wie mein Bruder mich angefasst und mir sein Glied ins Gesicht gehalten hatte.

Bei meiner Einschulung war ich 7. Damals musste ich mit meinem Bruder für ein Foto vor der Schule posieren. Der Fotograf sagte mir damals, ich solle meinen Bruder umarmen. Bis heute, 34 Jahre später habe ich immer noch dieses Gefühl in Erinnerung, dass es ekelig ist ihn zu umarmen.

Alle hielten es für typische Geschwisterzickereien und haben mich dazu gezwungen.

Das Foto hasse ich bis heute.

Die Erinnerungen sind da und wollen nicht weg. Dennoch überspringe ich paar Jahre.

Als ich in die Pubertät kam, war es für mich zwar ekelhaft, aber gehörte zum normalen Leben, dass sobald mein Bruder und ich alleine waren, er mich vergewaltigte. Ja, heute sage ich dieses Wort „Vergewaltigung“.

Damals dachte ich, ich sei schuld; ich hätte mich zu sexy angezogen oder zu sexy bewegt.

So ging es über Jahre. Eltern aus dem Haus, mein Bruder macht auf „Verführer“. Er hatte mich manchmal mit Gewalt bezwungen und manchmal habe ich es einfach zugelassen um schneller fertig zu sein.

Es gab eine Pause. Ich hatte ihm seine jetzige Ehefrau vorgestellt. Die beiden verliebten sich und ich war endlich aus dem Schneider. Damals war ich 11, seine Zukünftige 13 und er 15.

Dann sind wir weggezogen, ganz weit weg (ausgewandert). Sie blieb aber in der Heimat.

Im neuen Zuhause mussten wir uns ein Zimmer teilen.

Ich war fast 14 und bekam meine Periode. Er wusste es und da es für ihn nicht möglich war Kondome zu besorgen, suchte er andere Wege. Ins Detail möchte ich nicht gehen, aber es ist ein Wunder, dass er mich nicht geschwängert hatte.


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Dann kamen wir nach Deutschland, wieder ein Zimmer zusammen. Er war inzwischen 19 und ich 15. Ich habe mein Schicksal akzeptiert und inzwischen nichts dagegen unternommen.

Er kam in mein Bett und ich habe es zugelassen. War das noch eine Vergewaltigung? Ein Missbrauch?

Ich hatte mich nicht gewehrt, um die Eltern nicht zu wecken. Meine Mutter würde mir eh niemals glauben und mein Vater würde ihn umbringen. Also war Schweigen und leise sein das einzig Richtige.

Erst als ich 18 wurde, konnte seine Freundin (inzwischen Frau), die ich ihm damals vorgestellt hatte, ebenfalls nach Deutschland kommen. Die beiden haben geheiratet und haben inzwischen zwei erwachsene Kinder.

Nach ihrer Ankunft war das langjährige Martyrium eigentlich vorbei – wäre da nicht mein Kopf.

Er hatte sich einmal über WhatsApp bei mir entschuldigt. Wenn wir uns mal sehen, tut er auf tollen Bruder und einen noch besseren Onkel für meine 3 Kinder.

Bis heute weiß niemand etwas davon und obwohl ich schon oft überlegt habe es meiner Mutter zu sagen (mein Papa ist vor wenigen Jahren verstorben), kann ich es nicht. Sie würde mir nicht glauben. Sie ist eine absolute Jungs-Mama und -Oma. Das würde ihr das Herz brechen oder mich das letzte Stück Frieden kosten.

Mit meinen Kindern darf mein Bruder niemals alleine bleiben.

Er weiß, warum und findet, ich würde Blödsinn reden. Ich hätte keinen Grund, mir Sorgen zu machen, schließlich war er damals jung und dumm.

Ich bin mit meiner Vergangenheit alleine. Zu einem Psychologen zu gehen, habe ich mich nicht getraut – habe Angst zusammenzubrechen. Ich habe Angst, dass es irgendwann aus mir ausbrechen könnte. Mein Mann darf niemals etwas davon erfahren. Meine Schwägerin, meine Nichten (auf die ich immer sehr gut aufgepasst habe und meinem Bruder mit der Offenlegung gedroht habe, sollte ich an meinen Nichten etwas bemerken), sie dürfen davon niemals erfahren. Es ist nicht nur mein Leben, das kaputt ist. Deren Leben könnten dadurch ebenfalls zerstört werden.

Somit darf ich nicht darüber sprechen, denn am Ende ist es nicht nur mein Leben, welches zerstört werden könnte.

____

Vielen lieben Dank, liebe anonyme Schreiberin und Mutter, für deinen Mut, das hier aufzuschreiben.

Liebe LeserInnen, bitte hinterlasst respektvolle und feinfühlige Kommentare… und vielleicht auch einfach ein <3 der Anerkennung, der Unterstützung, der Annahme für diese harte Vergangenheit, für die Belastung heute.

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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5 Kommentare

A.H.
Antworten 13. Juli 2022

Das tut mir ausgesprochen leid. Ich finde du solltest aufhören die Verantwortung zu übernehmen für Ihn. Auch Schuldgefühle sollte er haben und nicht du. Ich hoffe du traust dich einem Psychologen an. Gute Besserung und viel Glück!

Julia
Antworten 13. Juli 2022

Was dir passiert ist, ist schrecklich und du trägst keinerlei Schuld daran! Es ist wichtig, dass du das weißt.
Du bist ein wertvoller Mensch und du hast es verdient glücklich zu sein. Bitte vertrau dich einer Therapeutin an. Sie kann dir helfen dein Trauma zu verarbeiten. Wenn du dort zusammenbrichst,, dann ist das nichts schlechtes, es ist etwas Gutes, weil du dann anfangen kannst zu heilen. Bei einer Therapeutin bist du sicher, du befindest dich dort in einem geschützten Raum. Bitte denke darüber nach. Ich wünsche dir viel Kraft.

Martina
Antworten 13. Juli 2022

Liebe Gastschreiberin, liebe Mutige,
ich möchte Ihnen nur mitteilen, wieviel Respekt ich vor Ihrem Mut habe, nach so langer Zeit diesen Text und das unsagbar Erlebte zu schreiben und öffentlich zu machen. Vielleicht ein erster Schritt, vielleicht auch der einzige. Egal wie, beides ist richtig und wichtig.
Ich bin vor ein paar Wochen auf die unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs (https://www.aufarbeitungskommission.de/) gestossen. Hier berichten einige Menschen von ihrem eigenen Missbrauch in der Kindheit. Vielleicht kennen Sie diese Kommission schon. Doch wenn nicht, ist es möglicherweise eine Anlaufstelle, mit der Sie Hilfe oder Unterstützung für sich und / oder die Kinder in Ihrer Familie finden können.
Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft und alles, alles Gute.

L.
Antworten 13. Juli 2022

Falls sich deine Meinung ändert, sollst du dennoch wissen, dass du nicht allein bist und es Unterstützung gibt, die nur dir verpflichtet ist und die Schweigepflicht ist bindend.
Alles Gute und viel Kraft wünsche ich dir.

Zitz Kerstin
Antworten 13. Juli 2022

Es ist etwas schlimmes mit dir geschehen. Und du hast absolut keine Schuld daran. Gehe zu einem Therapeuten um irgendwie Frieden zu finden für dich. Wenn es überhaupt möglich ist. Fühle dich gedrückt.

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