„Geht’s dir gut oder hast du Kinder in der Schule?“ – Teil 2 der Leseprobe von Anke Willers


Wir haben euch bereits Anke Willers vorgestellt – sie ist diejenige, die das tolle Buch „Geht’s dir gut oder hast du Kinder in der Schule?“ geschrieben und bereits eine Leseprobe mit uns geteilt hat. Nun folgt eine weitere, die allerdings sehr anders ist als die vorherige. Denn in dieser geht es um die Mutterolle und das Hinterfragen von Emanzipation und sozialen Strukturen!

In der ersten Leseprobe ging es um den Konflikt, dass Eltern plötzlich auch Hilfslehrer werden. In dieser geht es um das warum, besonders, weil dieses Phänomen bei Müttern bekannt ist. Ich will nicht zu viel verraten, daher lest am besten selbst!

Viel Spaß bei der unserem Teil 2 der Leseprobe „Geht’s dir gut oder hast du Kinder in der Schule?“

Jetzt mal mit Abstand: Warum sind Hilfslehrer meistens weiblich – und warum ist das keine gute Nachricht für die Emanzipation?

Ja, es muss jetzt mal gesagt werden, in Sachen Bildung haben Frauen in den letzten 20, 30 Jahren einiges wettgemacht. Seit es sich rumgesprochen hat, dass Mädchen nicht nur geheiratet werden wollen, sondern auch das Zeug zu einer eigenen Karriere haben, stecken sie die Jungs in der Schule und an den
Unis regelmäßig in die Tasche. So machen inzwischen mehr junge Frauen Abitur als junge Männer 43 – nicht selten mit besseren Noten. Doch dann, zehn, zwanzig Jahre später, sind sie plötzlich ins Hintertreffen geraten: Sie verdienen weniger, sind seltener in Führungspositionen, arbeiten oft Teilzeit in Jobs mit wenig Perspektiven – und werden im Alter einmal deutlich niedrigere Renten kriegen als die Männer ihres Jahrgangs. Und man fragt sich: Was ist passiert?

Was schwächt die gut ausgebildeten Mädchen von einst, wenn sie erwachsene Frauen sind?

Natürlich lässt sich diese Frage nicht eindimensional beantworten. Viele Genderforscher haben nach Gründen gesucht und sich gefragt: Sind Frauen weniger durchsetzungsfähig, sind sie weniger macht- und konkurrenzorientiert, haben sie eine defensivere Selbstwahrnehmung und nicht genug Testosteron, um in einer ellenbogenorientierten Arbeitswelt nach oben zu kommen? Oder haben sie schlicht keine Lust, sich den Regeln der Männerwelt zu unterwerfen? Sind sie zu bescheiden in Gehaltsverhandlungen? Bevorzugen sie zu häufig die schlechter bezahlten Branchen, haben sie keine guten Netzwerke? Wahrscheinlich ist es von allem ein bisschen. Ein wichtiger Grund wird aber gerne vergessen. Und das ist unsere Schulkultur. Denn: Viele Frauen werden Mütter. Und sehr viele Mütter werden Hilfslehrerinnen. Und beides zusammen führt sie in die sogenannte Retraditionalisierungsfalle. Als mitverantwortliche Wissenschaftlerin für die Studie »Eltern – Lehrer – Schulerfolg« stieß auch Katja Wippermann bei ihren Interviews auf zahlreiche Mütter, die zugaben, ihre eigenen beruflichen Ambitionen über viele Jahre auf Eis gelegt zu haben. Dabei wurden für diese Studie keineswegs nur übertrittsgeschädigte Eltern aus Bayern befragt, sondern Mütter und Väter aus allen Teilen der Republik. »Viele Paare«, so erklärt mir Katja Wippermann im Gespräch, »stellen die Weichen zum ersten Mal direkt nach der Geburt des ersten Kindes.

Meistens sagt die Frau: ›Ach, ich bleibe erst mal zu Hause, mindestens ein Jahr.‹

Und für viele macht das auch wirtschaftlich Sinn, denn die Männer verdienen meistens besser. Das ist die erste Phase der Traditionalisierung.« Sie wirft Frauen in genau jener Zeit zurück, in der die Männer meistens im Beruf durchstarten: Ende zwanzig, Anfang dreißig. Schaffen es nicht trotzdem viele Frauen, nach dem Baby zurückzukommen, mag man an dieser Stelle einwenden?

Ja, viele schaffen es – aber viele arbeiten erst mal nur Teilzeit: Deutschland hat mit 46,5 Prozent eine der höchsten Frauen-Teilzeitquoten in der EU. 44 »

Ich stocke dann wieder auf, wenn das Kind älter wird«, sagen die Frauen. Doch dann bekommen sie vielleicht ein zweites Kind. Oder das erste Kind kommt in die Schule. »Und genau an dieser Stelle beginnt die zweite Phase der Retraditionalisierung«, sagt Katja Wippermann.

»Ist das Kind in der Schule und braucht Unterstützung, sind es sehr oft die Mütter, die ganz automatisch in die Hilfslehrerinnenrolle reinrutschen.

Denn die Männer arbeiten ja in dieser Phase immer noch Vollzeit und haben gar keine Zeit, morgens in die Elternsprechstunde zu gehen oder nachmittags die Hausaufgaben zu betreuen. Sie kommen höchstens am Wochenende mal dazu, wenn es die Arbeitsbelastung zulässt. Und auch die Lehrer sprechen in der Regel die Mütter an. Das hat mit kulturell tief verwurzelten Geschlechterrollen zu tun.«

Fast alle Mütter, so Katja Wippermann, sähen sich in der Pflicht, diese Erwartung zu erfüllen, und hätten ihr in den Interviews sogar erzählt, dass sie ihre reduzierten Stellen noch weiter reduziert hätten, um dem Kind angemessen helfen zu können. Und damit das zu tun, was die Schule und die Gesellschaft von einer guten Mutter erwartet. Die Phase, in der berufliche Ambitionen auf Eis gelegt werden, verlängert sich für viele Mütter damit nicht selten auf eine Zeitspanne von zehn Jahren oder mehr – und oft ist das zu lang, um danach noch mal richtig durchzustarten. Vor allem, wenn mehrere Kinder da sind.

»Wenn man diesen Sachverhalt zuspitzt«, erläutert Katja Wippermann, »dann kann man sagen, dass unsere derzeitige Schulkultur vor allem für Mütter aus der Mitte der Gesellschaft ein zwingender Grund ist, nicht Vollzeit oder vollzeitnah erwerbstätig zu sein. Und das hat erhebliche Folgen für ihre eigenen beruflichen Ambitionen und ihre Alterssicherung. Die Schulkultur schwächt also die Frauen und wirkt der Gleichberechtigung entgegen.«

Und wenn man es noch weiter zuspitzt, dann entsteht daraus ein fast schon absurder Zusammenhang: Denn das Bildungssystem, das in den Siebziger- und Achtzigerjahren dazu beigetragen hat, erstmals viele Mädchen gut auszubilden, fordert nun von den erwachsenen Frauen so viel Einsatz bei der Unterstützung ihrer Kinder, dass sie aus ihren Qualifikationen langfristig nicht das machen können, was eigentlich möglich wäre.

Manchen Müttern mag das recht sein und eine willkommene Legitimation, sich aus dem Berufsleben zurückzuziehen. Die meisten leiden jedoch unter der Situation.

Und empfinden eine große innere Zerrissenheit. Sie möchten einerseits, dass ihre Kinder mithalten können, und wissen andererseits, dass das nur mit ihrer Hilfe geht. Sie fühlen sich gestresst, aber gleichzeitig in ihrer Rolle auch geistig unterfordert: Statt das Einmaleins abzufragen oder Diktate zur Groß- und Kleinschreibung zu üben, möchten sie eigene berufliche Ziele verfolgen und merken, dass das nicht gleichzeitig zu machen ist. Oder nur zum Preis großer Erschöpfung. Daraus ergibt sich für viele Eltern eine belastende Situation:

Waren sie irgendwann mal angetreten mit dem Vorsatz, auch mit Kindern eine partnerschaftliche Rollenteilung zu leben, so rutschen sie jetzt in ein traditionelles Modell.

Und das macht nicht nur Mütter, sondern auch Väter unglücklich – nämlich die, die vielleicht gerne mehr Zeit mit den Kindern verbringen würden, sich jetzt aber gezwungen sehen, viel zu arbeiten und ihre Karriere voranzutreiben, damit das Geld reinkommt, das die Frau nicht mehr verdient.

Durch die gegenwärtige Schulkultur können Eltern damit oft nicht so leben, wie sie gerne möchten.

Und: Sie leben ihren Kindern ein Modell vor, das sie vielleicht selbst gar nicht gutheißen. Wer also wissen will, wie es kommt, dass aus ehrgeizigen jungen Frauen zwanzig Jahre später Mütter werden, die weit unter ihren beruflichen Möglichkeiten und Qualifikationen bleiben, muss auch dahin schauen, wo alles beginnt: in die Schule!

Na, neugierig? Wollt ihr wissen, welch interessanter Input sich noch zwischen den Seiten versteckt? Dann schaut gerne selbst in ihr Buch rein!

Hier der Link zum Buch: Geht’s dir gut oder hast du Kinder in der Schule?: Was der Schulwahnsinn mit uns und unseren Kindern macht und wie wir ihn überlebe (Affiliate Link – Mini Werbung!)

Liebe Grüße

Anke & Béa

(Zur Transparenz, wie immer: Dieser Blogbeitrag ist nicht gesponsert, aber wir finden dieses Thema sehr wichtig und wollten die Leseprobe unbedingt mit euch teilen!)

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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