Ich habe mich; meine Großartigkeit verloren.


Hallo. Mein Name ist Anja. Ich bin 39 Jahre alt, (noch) verheiratet, habe einen vierjährigen Sohn, bin Hausfrau, Twitterin und Gelegenheitsbloggerin.

Und sonst?

Sonst bin ich verloren.

Ich habe mich verloren.

Und ich weiß nicht, wo ich bin.

Offensichtlich überforderte ich meinen Mann

Die Trennung von meinem Mann ist noch ganz frisch. Wir haben uns getrennt, weil wir kein Paar mehr waren, sondern nur noch Eltern, Team, miteinander-aneinander-vorbei-Lebende.

Bei unserem Trennungsgespräch fragte mich mein Mann: „Was brauchst du denn?“ und ich antwortete: „Ich möchte mich wieder wie eine attraktive, intelligente und interessante Frau fühlen.“
Seine Antwort war: „Das kann ich nicht leisten. Ich bin jetzt schon am Limit. Vielleicht sollten wir aufhören, uns gegenseitig zu quälen.“

Das saß. Volle Breitseite. Ich hatte schwer daran zu schlucken.
Offensichtlich überforderte ich meinen Mann mit meinem Wunsch. Nein! Ich schien ihn geradezu zum Lügen aufzufordern! Und dazu war er nicht bereit.

Ich schämte mich. Furchtbar sogar. Offenbar stellte ich überzogene Forderungen!

Aber tat ich das wirklich?

Ich könnte nun erzählen, wie es zu dieser Aussage gekommen ist. Ich könnte über die Krankheit meines Mannes berichten, die uns nun schon so viele Jahre quält. Dabei würde ich seinen Werdegang und seine Eigenschaften aufzählen. Ich könnte über seine positiven und negativen Seiten berichten. Ich kenne ihn so gut. Ich könnte alles erklären und entschuldigen. Genauso wie ich es die letzten Jahre gemacht habe.

Doch was würde am Ende bleiben?

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass er in mir die graue Maus sieht, die ich in mir ebenfalls sehe. Schwer zu sagen, wie wann und wo das angefangen haben muss. Aber es ist da. Ich fühle mich so und er füttert mein Gefühl mit seinem Verhalten. Schrecklich ist das. Und ein kleiner Teil in mir schreit: DAS STIMMT ALLES SO NICHT! DU BIST SO NICHT!

Ich habe das Gefühl, dass ich meine Großartigkeit verloren habe.

Vielleicht habe ich sie aber auch noch nie gefunden? Ich weiß es nicht. Ich fühle mich farblos und uninteressant. Wenn ich in eine Situation gerate, in der ich über mich erzählen soll, gerate ich ins Schwimmen. Ich denke „Hilfe! Wie komme ich hier raus? Über mich gibt es nichts zu erzählen!“

Und genau das ärgert mich. Ich will keine graue langweilige Maus sein, über die es nichts zu erzählen gibt.

Tief in meinem Inneren weiß ich, dass da eigentlich eine Menge ist. Es ist nur verschütt gegangen unter Alltag, Sorgen und anderen Präferenzen. Als ich meinem Mann sagte, ich wolle mich wie eine attraktive, intelligente und interessante Frau fühlen, so tat ich dies, weil ich mir irgendwo ganz tief in mir drinnen sicher bin, dass ich das tatsächlich bin. Meine Bitte stellte den Wunsch dar, diese Frau wieder zu finden. Er sieht sie nicht in mir. Das muss ich akzeptieren.

Nun muss ich sie alleine suchen und ich fange hier und heute und jetzt damit an.

Heute ist Valentinstag. Der Tag der Liebenden.

Ein guter Tag, denn heute werde ich mir meine Liebe gestehen.
Ich sitze auf der Terrasse, die Sonne wärmt mir den Nacken, ein Vogel zwitschert vorsichtig erste Frühlingslieder. Vor mir stehen ein Kaffee und mein iPad, in das ich diesen Text tippe.

Ich liebe diesen Moment.

Und wisst ihr was? Je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass in mir eine Frau steckt, die eine Menge zu erzählen hat. Ich werde sie herauskitzeln und locken. Ich werde sie behutsam bitten und herausfordernd antreiben. Ich begebe mich auf die Suche und werde sie wieder finden. Ich werde meinen Weg gehen. Er wird schwierig und schön. Er wird aufregend und aufreibend.

Ich hatte Jahre lang Angst vor dem ersten Schritt und nun bin ich schon mitten auf dem Weg.

Auf meinem Weg.

Weil ich es wert bin.

Weil ich mehr bin.

 

Danke Anja, dass wir diesen Text veröffentlichen durften. Wir wünschen Dir von ganzem Herzen, dass Du Deinen Weg findest!

Béa & Yvonne

Yvonne Petzke
About me

Berliner Mom of 3 * Sport (Marathon) * Reisen * Natur * Mode * Beauty * * Aktuelles und Persönliches über mich und mein Leben findet ihr auf Instagram unter @yvonne_tollabea

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3 Kommentare

hardy
Antworten 22. Februar 2019

wird dich nicht trösten, aber: die dinge sind immer in perfekter ordnung - das problem ist eher, daß wir diese ordnung (noch) nicht verstehen.

ich habe vor fast 5 jahren eine ehe, die fast 15 jahre gehalten hat, beendet, in der ich sozusagen robin und meine frau batman war - und dachte, das wird jetzt ganz furchtbar. hat sich schnell als das beste herausgestellt, was ich tun konnte, weil es mich wieder die person hat finden lasen, die ich vorher mal war - und dann meinen horizont massiv erweitert.

setz' dich nicht selbst so unter druck, denk nicht drüber nach, wie andere dich sehen (könnten) oder was man von dir erwartet. lass das, was war, gehen. hab' vertrauen in dich und in den satz da oben: du weisst bloß noch nicht, wofür das gut war.

Lala
Antworten 25. Februar 2019

Ich verstehe dich. Ich hätte es zwar anders formuliert, und sehe es eher so daß ich mich verloren habe, das ich hinter all den Bedürfnissen anderer verschwunden bin. Aber in jedem Fall fehlt etwas das gefunden werden muss. Ich bin nicht mehr ich. Ich war eine Leseratte, eine Cineastin, engagierte mich auf Demonstrationen für soziale Gerechtigkeit. Davon ist nichts mehr da. Ich bin Hausfrau, Ehefrau und Mutter. Mein Mann hat seine Interessen und Hobbies noch immer, geht ihnen voll und ganz nach. Ich kann über nichts berichten als Dinge die meine Kinder, meinen Mann und den Haushalt angehen. Ich fühle mich nicht mehr wie die gebildete, engagierte Frau die ich war. Es ist als ob dieser Teil tot wäre. Zum Problem wird es weil mir immer klarer wird das es meinen Partner nicht interessiert wie ich mich damit fühle, wie schlecht es mir damit geht. Solange ich funktioniere ist in seinen Augen alles gut. Die totale Selbstaufgabe war nie mein Ziel, und so langsam sehe ich in meinem Partner keinen Teampartner mehr sondern den Vater Dr Kinder und Mitbewohner. Ich kann mich noch nicht dazu durchringen es zu beenden, zumindest Zeitweise damit jeder für sich die Prioritäten neu sortieren kann. Doch solange wir zusammen leben ändert sich nichts, egal was ich sage. Es ist schwer und tut so weh!

Conni
Antworten 17. Mai 2019

Ich kann deinen Mann total verstehen.
Natürlich ist er in so einer Situation überfordert. Ich hätte nicht anders reagiert.
Er kann dir nicht geben, was du brauchst.
Und das muss er auch nicht.
Du musst dich um dich selbst kümmern. Das kann dir niemand abnehmen.
Jeder ist für sein eigenes Wohlergehen verantwortlich - gerade in einer Partnerschaft. Sich selbst und dem anderen zuliebe.

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