Wann sollten Kinder den Schulweg allein gehen?


Kinder im Straßenverkehr… vor allem in der Stadt: Man muss keine Glucke sein, um unweigerlich an Unfälle zu denken! Doch die Frage wird heißt diskutiert: Wann sollten Kinder den Schulweg allein gehen? 

Das muss ich etwas ausholen:

Die gute Nachricht ist, dass die Anzahl der Verkehrsunfälle von Kindern in Deutschland in den letzten 35 Jahren permanent abgenommen hat. 

Die schlechte Nachricht ist: Allerdings ist das darauf zurückzuführen, dass sich immer weniger Kinder selbstständig im Straßenverkehr bewegen. Jedes zweite Kind wird auch noch in einem Alter von über 10 Jahren morgens von einem Elternteil zur Schule begleitet, die meisten sogar gefahren. Ist das eigentlich eine gute Sache? Oder verhindert das, dass Kinder wichtige Fertigkeiten trainieren, die sie durch den selbstständigen Umgang mit dem Straßenverkehr erlernen können?

Die Antwort darauf ist differenziert… Wie immer kommt es darauf an, und dazu müsst ihr zwei Dinge wissen:

1. Kinder brauchen Schutz

Kinder sind stets in Bewegung: Bis zu einem Alter von circa 6 Jahren ist dieser Bewegungsdrang noch sehr ungezügelt. Kinder unterscheiden dabei nicht zwischen Garten, Parkplatz oder Straße. Eine einmal begonnene Handlung können sie nur schwer abrupt unterbrechen: Klassischerweise rennen sie hinter dem Ball her, der auf die Straße rollt…

Kinder denken und handeln „ich-bezogen“: Es ist ihnen unbegreiflich, dass andere Verkehrsteilnehmer die Welt eventuell anders wahrnehmen und ein anderes Blickfeld haben, als sie selbst. Dass ein Auto einen Bremsweg braucht und nicht genauso spontan stehen bleiben kann wie sie, kann man ihnen zwar eintrichtern, aber in den Reflexen ist es nicht drin. Erst mit ca. 9 Jahren können sie sich in andere Personen oder Perspektiven hinein versetzen. (Damit hadern wir Eltern oft nicht nur im Straßenverkehr …)

Kinder können Gefahren oft nicht einschätzen oder wahrnehmen: Oft sehen Kids weniger als wir, schon allein wegen ihrer Körpergröße! Sie haben keine freie Sicht. Wir Großen vergessen diesen Blickwinkel oft und urteilen dann wortwörtlich „von oben herab“.
Außerdem: Aufmerksamkeit bekommt immer nur das momentan Spannende, sei es ein Tier, ein LKW oder ein vorbeifliegender Vogel! Erst mit circa 10 Jahren sind Kinder fähig, ihre eigene Motorik, Entfernung und Geschwindigkeiten einzuschätzen und dies mit Ortung von Geräuschen so zusammenzubringen, dass sie wirklich verstehen, warum wir sie so ermahnen, gut aufzupassen auf der Straße. Und erst mit 14 Jahren ist ihre die Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit so weit entwickelt, dass sie auch zwei Dinge zur gleichen Zeit im Blick haben können.

2. Kinder brauchen Training

Wenn euch jetzt nur noch danach ist, das Kind am liebsten bis zu seinem 14. Lebensjahr im Buggy rumzuschieben, wäre das keine gute Idee. Auch keine gute Idee ist es, wenn ihr über ein Auto verfügt, einen nahezu Fulltime-Job als allwissender Chauffeur auszuleben.

Mit jedem Schritt lernen Kinder: Wenn Kinder unterwegs sind, trainieren sie ihren Körper und entwickeln viele geistige Fähigkeiten wie das räumliche Vorstellungsvermögen, die Wahrnehmung von Zeit, Entfernung und Geschwindigkeit. Sie nehmen jeden Tag etwas mehr wahr. Sie sehen, verstehen und begreifen.

Selbständigkeit übt sich erst gemeinsam: Wenn Kinder in die Wegfindung einbezogen werden, lernen sie schneller, sich zu orientieren und Entscheidungen zu treffen. Ihr als Eltern könnt dabei sein und erst abwarten, in welche Richtung das Kind gehen oder fahren will. Je mehr Orientierung einem Kind abverlangt wird, desto eher erweitert sich das Blickfeld des Kindes.

Übrigens: Es geht auch um uns Erwachsene! Je mehr wir dem Navi gehorchen, desto weniger haben wir begriffen, wie die Strukturen wirklich sind…

Spielerische Ideen:

Wenn ihr mal etwas Zeit extra haben: Geht mit dem Kind auch mal dahin, wo
es hin will. Und helft nur sehr zögerlich, wenn es darum geht, zurück zu kommen. Verlauft euch gemeinsam und versucht Sie herauszufinden, anhand von welchen Anhaltspunkten euer Kind sich den Weg zurück sucht: Visuell? Oder eher sozial, indem es andere fragt? Spannende Sache!

Auch wenn ihr denkt, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun: Laufet mit euerem Kind Waldwege ab und versucht, dem Kind möglichst viel Orientierung zu lassen. Das weckt Naturinstinkte und trainiert auch insgesamt die Wahrnehmung für Zeit und Distanzen!

Übrigens, hier habe ich euch auch eine spielerische Indoor-Lernmöglichkeit aufgeschrieben und gleich mal einige Verkehrszeichen zum Gratis-Download parat gestellt (scrollt etwas nach unten).

Übrigens:

Regeln sind da, um verstanden, nicht nur befolgt zu werden: Je jünger Kinder sind, desto lästiger empfinden sie Regeln. Wenn sie älter werden, können Kinder auch eine gewisse Freude am Hinterfragen des Sinns von Regeln haben. Wenn Sie sich mal die Zeit nehmen, zu beobachten, was sich an einer Kreuzung oder auf viel befahrenen Straße tut, werden Kinder auch immer besser verstehen, warum die Regeln so sind, wie sie sind.

Also: Nur wenn Kinder ermutigt und unterstützt werden Vertrauen in das Bewegen im Straßenverkehr zu entwickeln, können sie dessen Gefahren einschätzen und vermeiden!

Je früher ihr trainiert und das Vertrauen gewinnt, dass euer Kind fit ist, desto früher könnt ihr es allein zur Schule lassen. Das kann bereits schon in der ersten Klasse sein, aber auch durchaus noch zur Ende der vierten Klasse.

Bei uns war das so: Ich habe bereits mit meiner Carina zu Kindergartenzeiten unterschiedliche Wege eintrainiert. Mit ca. 6 Jahren habe ich ihr oft die „Führung“ überlassen, wenn wir Besuch hatten. Sie erklärte, wohin man geht, hatte aber immer eine erwachsene Person dabei. Ihre Schule war in einem sehr übersichtlichen Teil von Wannsee – und sie ist die ca. 800 m zur Schule ab Ende der ersten Klasse bereits allein gegangen – es gab eine so mittel befahrene Straße an einer Ampel zu überqueren.

Habt ihr noch Tipps und Erfahrungen zum Thema Kinder und Schulweg? Es freuen sich bestimmt auch andere LeserInnen über euere Kommentare. 

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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3 Kommentare

Babsi
Antworten 19. September 2016

Das ist ja toll. Ich verlaufe mich regelmäßig ? Laut meiner Mama hab ich einen Orientierungssinn wie ne kranke Ziege ?
Meine Jungs haben mir schon öfter mal auf die Sprünge helfen müssen. Ganz schlimm ist das im Möbelhaus. Zwei Mal rumgedreht und ich weiß schon nicht mehr wo ich bin und wo ich hin muss. Das sorgt immer wieder für Erheiterung.
Wir haben jetzt einen Schulanfänger und er wird zur Schule gefahren. Wir üben mit ihm und er ist sich noch sehr unsicher. Sein Weg von der Haltestelle zur Schule wäre gefährlich. Drei Mal müsste er die Straße queren. Eine hätte einen Zebrastreifen. Die anderen zwei sind sehr gefährlich. Autofahrer sehen Fußgänger sehr spät und als Fußgänger sieht man heranfahrende Autos auch erst sehr spät. Da muss man sich schon aufs Gehör verlassen können. Das ist noch zu gefährlich für ihn. Überhaupt, wenn er selbst noch so unsicher ist. Heißt üben, üben und ihn einfach zur Schule bringen.

Magdalena
Antworten 21. August 2019

Ich finde es total wichtig meinem Kind das Vertrauen zu schenken das er den Schulweg selbständig meistert, er kommt jetzt in die 2.Klasse und vom ersten Schultag weg hat er das alleine gemacht(er geht zwar nur bis zur Bushaltestelle aber auch das ist ein Weg von 10 Minuten) mit Umweg weil er alle seine Freundin abholt und wieder heimbringt🙈 er würde seinen Schulweg auch zufuß schaffen und ich weiß irgendwann wird er dastehen und sagen heute bin ich den ganzen weg zu Fuß gegangen. Mir ist nur total wichtig das er im straßenverkehr sichtbar ist, bei uns gibt's Reflektoren rundherum👍

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