Permanent bewertet zu werden? Was macht das mit uns? Und bringt es überhaupt was?


In der Schule wurden wir an Noten gewöhnt, doch danach ging die Bewertung in alle möglichen Richtungen weiter. In diesem Beitrag soll es darum geht, was eine solche permanente Bewertung überhaupt macht und was sie eigentlich bringt?

Wir leben in einer Bewertungskultur

Heute sogar mehr denn je. Egal, wo wir uns aufhalten, es wird immer um eine kleine Bewertung gebeten. Fast täglich erreichen mich dutzende Mails, in denen gefragt wird, ob ich das Produkt oder den Service rezensieren möchte. Bei meinem Telefonanbieter wird am Ende des Gesprächs immer höflich darum gebeten, eine positive Bewertung zu hinterlassen.


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Wir sollen bewerten, aber unsere Arbeit und wir werden es auch. In den meisten Jobs wird ein solches Verfahren eingesetzt – selbst bei Tollabea auf Facebook wird um Feedback verlangt (und wir freuen uns über ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️)

Und das ist gut, oder …?

Schließlich kann Feedback einem helfen, besser zu werden (konstruktives zumindest, aber dazu gleich mehr.) Und Feedback ist nicht per se gut oder schlecht.

Allerdings geht das in der Welt des Internets ziemlich schnell – viel zu schnell, wenn ihr mich fragt. Im Internet kann sich jeder unter dem Schleier der Anonymität austoben. Oft liegt ein Wunsch nach Gerechtigkeit darin. Ich habe z.B. meine erste und einzige Bewertung einem Restaurant im Ausland gegeben, weil sie uns das falsche (viel zu teure) Gericht serviert und trotzdem verlangt haben, dass wir es bezahlen oder sie andernfalls die Polizei einschalten würden. Ich fühlte mich völlig hilflos und hatte das Bedürfnis, andere Besucher:innen zu warnen, damit ihnen nicht das Gleiche passieren würde.

Aber ab wann endet konstruktive Kritik, wann endet der Wunsch nach Gerechtigkeit? Ab wann spricht man von Hetzerei und Machtausübung? Und ist uns währenddessen bewusst, dass dahinter noch einzelne Individuen stehen? Menschen, die trotz allem ihr Bestes versuchen?

Was macht es mit uns, permanent bewertet zu werden?

Ich für meinen Teil kann sagen, dass es mir auf Dauer auf die Psyche geht. Nach meiner kürzlichen Buchveröffentlichung ist mir umso bewusster geworden, dass es mir überhaupt nicht guttut, ständig mit der Bewertung meiner Arbeit konfrontiert zu werden (selbst, wenn sie positiv ausfällt.)


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Es ist so oder so überfordernd, und negatives Feedback piekst sowieso immer viel mehr. Bei Maslows Motivations-Pyramide steht das Bedürfnis nach Anerkennung ziemlich weit oben – und zählt zu den Wachstumsbedürfnissen. D.h. sobald wir mit Nahrung, Schlaf und sozialer Integration nicht im Defizit sind, motiviert uns der Drang nach Anerkennung das zu tun, was wir tun wollen. Und das führt zu anderen Problemen:

Wir werden vielleicht unauthentisch.

Durch eine Bewertung hat man zwar die Möglichkeit anerkannt zu werden und sich zu verbessern, aber auf Dauer macht es einen auch unauthentisch. Denn aus Angst vor negativer Beurteilung versuchen wir die Angriffsfläche zu vermeiden, souverän zu bleiben, freundlich zu sein, wenn es uns schwerfällt usw. Kurz gesagt: Wir sind nicht echt. Ich stelle mir Roboter vor, die sich schützen wollen. Das ist jetzt alles sehr pauschalisiert, aber ich glaube, etwas Reflexion zu diesem Thema schadet nicht.

Die meisten Leute aus dem Kundensupport sind nur deshalb so freundlich, weil die Gespräche aufgezeichnet werden und sie andernfalls was auf die Füße kriegen. Ich finde die übertriebene Nettigkeit und Schleimerei manchmal leicht befremdlich. Bei Taxi/Uber-Fahrten wird es mir manchmal sogar zu viel, wenn der/die Fahrer:in so übertrieben nett ist und die ganze Zeit Fragen stellt, während ich anti-social am liebsten gar nicht reden würde.

Und trotzdem – freundliche (fake) Menschen sind mir natürlich immer noch lieber als gemeine/unhöfliche. Mir geht es eher darum, dass ich es schade finde, dass sich viele nur dann zusammenreißen, wenn sie bewertet werden (nicht alle natürlich!)

„Zwang zum Selbstzwang“?

Und dann muss ich an einen Begriff denken, den ich in der Uni kennengelernt habe: „Zwang zum Selbstzwang“ – das definiert uns nämlich. Wir Menschen müssen uns zwingen, unsere „Triebe“ zu unterdrücken, um uns der sozialen Welt anzupassen. Bevor es diesen Zwang gab, herrschten noch keine Regeln und jede:r konnte tun und lassen, was er/sie wollte. Ich glaube, dass das heute ähnlich ist.

Und jetzt mal provokant gefragt: Wenn wir nicht ständig dazu gezwungen werden würden, nett zu sein, wie viele von uns wären es dann? Ja, ich weiß! Eine ziemlich heftige Frage! Damit will ich niemanden angreifen (erst recht nicht den armen Kundensupport, bei dem ich so oft wundervolle nette Menschen erwische), aber als allgemeine Frage finde ich sie schon interessant!

Was haltet ihr von dieser Bewertungskultur? Seid ihr vielleicht stärker von ihr betroffen als andere? Was macht sie mit euch?

Liebe Grüße
Mounia

P.S. von Béa: ich fände es sehr spannend, wenn ihr auch eure etwas älteren Kinder danach fragt, wie sie zum Thema Bewertungen stehen…

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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