Zu Béas „Wutanfall im Supermarkt“ – mögliche Bedürfnisse und Gefühle dahinter verstehen


Heute möchte ich euch zu einer Reflexion zum Thema: „Bedürfnisse und Gefühle im Supermarkt“ einladen. Béa hat letztens diesen Artikel „Wutanfall im Supermarkt“ veröffentlicht und mich auch um meine Gedanken dazu gebeten.

Mein erster Gedanke zu ihrem Artikel ist: Ich bezeichne das, was da im Supermarkt passiert, nicht als „Wutanfall“. Ich habe auch lange überlegt, ob meine Kinder sich schon in einem Geschäft auf den Boden geworfen haben oder die Stimme erhoben haben und geweint: Ich kann mich nicht daran erinnern. Auch meine Söhne erinnern sich nicht daran, jemals so reagiert zu haben.


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Meine erste Frage zur Reflexion an mich selbst lautete:

Welche anderen Möglichkeiten haben denn jüngere Kinder (2-5 Jahre ca. – geschätzt) als ihren Unmut, ihren Frust, ihren Ärger über ihre unerfüllten Bedürfnisse in diesem Moment verständlich zu machen?

Sie tun das, was ihnen zur Verfügung steht: Weinen, sich mit erhobener Stimme äußern, sich vielleicht auf den Boden werfen. Seht ihr darin Trotz oder Bockigkeit oder den eigenen Willen durchsetzen? Ich sehe da Hilflosigkeit.

„Schau her, Mama. Ich habe keine andere Möglichkeit, mich verständlich zu machen!“

Was mein Kind da verständlich machen möchte, ist vielfältig und ich möchte an dieser Stelle einladen, weg von den Bewertungen: trotzig und Willen durchsetzen – zu schauen.

Könnte das Kind schon seine Bedürfnisse und Gefühle sprachlich verständlich machen würde vielleicht kommen:

1. Ich bin frustriert, weil ich meine eigenen Entscheidungen treffen möchte.
2. Ich habe das Bedürfnis nach Entspannung und hätte jetzt gern den Schokoriegel. (Objekt der Begierde in dem Fall austauschbar)
3. Ich möchte deine Aufmerksamkeit und du schaust die ganze Zeit auf die Regale!
4. Ich möchte unabhängig sein und nicht erst bitten müssen, wenn ich etwas kaufe.
5. Ich möchte Spaß und mir alleine etwas aussuchen, macht mir Freude.
6. Ich möchte daran teilhaben, wenn eine Auswahl getroffen wird, die wir mit nach Hause nehmen.
7. Ich möchte meine Umgebung erforschen und bin verärgert, wenn ich nicht alles anfassen darf.
8. Ich bin gelangweilt und habe jetzt das Bedürfnis nach Abwechslung.
9. Ich bin überwältigt, wenn ich die vielen Menschen, die Auswahl und die Geräusche wahrnehme und möchte etwas zur Beruhigung.

Das war eine kleine Auswahl an Möglichkeiten. Denn hinter jedem Verhalten, auch hinter unserem, steckt ein Bedürfnis. Für mich ist der erste wichtige Schritt also:

Nicht bewerten und beurteilen, was ich da sehe und höre. „Das ist schlechtes Verhalten“, sondern versuchen, mich empathisch mit dem dahinter und den Bedürfnissen zu verbinden.

Und nein, ich schreibe jetzt nicht davon, dass ich meinem Kind die Schokolade oder den Lolli oder was auch immer dann auch kaufe: Sondern ich möchte mich einfühlen, was dahinter steckt. Denn die Schokolade oder der Lolli sind die Strategie, mit der sich mein Kind ein bestimmtes Bedürfnis erfüllen möchte. Und Strategien sind austauschbar. Oft genug benutzen wir allerdings die, die uns vertraut sind und die wir am liebsten haben.

So, jetzt habe ich die möglichen Bedürfnisse der Kinder in diesem Moment beleuchtet. Was ist mit den Bedürfnissen der Eltern beim Einkauf?

Die spielen doch hier auch mit rein! Auch hinter einem „Nein“ steckt ein Bedürfnis. Und vor allem ist jedes „Nein“ von mir auch ein „Ja“ zu eben diesen Bedürfnissen. Auch hier versuche ich wieder Beispiele zu finden, um mich verständlich und das Thema anschaulicher zu machen.

1. Ich möchte einfach in Ruhe einkaufen.
2. Ich möchte Unterstützung bei dieser Aufgabe von meinem Kind.
3. Ich möchte Leichtigkeit und einen angenehmen Einkauf.
4. Ich möchte Respekt für meine getroffenen Entscheidungen.
5. Ich möchte, dass sich mein Kind gesund ernährt und nicht so viel Schokolade isst.
6. Ich möchte Sicherheit für mein Kind und diese Zeitung ist eben für mich nicht altersgerecht.

Auch hier gibt es wieder viele Möglichkeiten, welche Bedürfnisse denn nun hinter meinem „Nein“ stehen.
Wenn ich also die Worte „Ich möchte konsequent sein“ lese, frage ich mich welche möglichen Bedürfnisse denn bei euch dahinter stehen:

1. Respekt
2. Anerkennung
3. Akzeptanz
4. Verständnis

Ich habe hier mal eine Liste mit Bedürfnissen rausgesucht und ich würde mich freuen, wenn ihr in euch horcht und mal genau benennt, welches Bedürfnis bei euch hinter „Ich möchte konsequent sein“ lebendig ist.

Seid ihr vielleicht ängstlich, wenn ihr jetzt „ja“ sagt, dass es jedes Mal „ja“ bedeutet?
Habt ihr also vielleicht ein Bedürfnis nach Respekt oder Harmonie?
Hier gibt es so viele Möglichkeiten. 🙂


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Ich hoffe, ich konnte verständlich machen, dass bei Kindern und Eltern also Bedürfnisse lebendig sind.

Verhält sich mein Kind also so, weil es „bockig, nervig, willensstark, trotzig…“ ist? Hier können beliebige Bewertungen stehen, die ich dann dem Kind zuschreibe: Oder ich sehe, dass ein Bedürfnis in meinem Kind gerade stark lebendig ist und es diese Form des Ausdrucks (weinen, auf den Boden werfen, lauter weinen) nutzt, weil es keine anderen Möglichkeiten hat diese starken Gefühle – die mit dem Bedürfnis verbunden sind – auszudrücken.
Und wenn diese Art des Ausdrucks nicht erfolgreich ist, wird das Kind womöglich seine Bemühungen, sich verständlich machen, intensivieren: Stimme noch mehr erheben, noch drei Runden auf dem Fußboden drehen etc.

Und nun?

Für mich steht als Erstes: Mir bewusst werden, welches Bedürfnis in mir gerade stark ausgeprägt ist und versuche mir Selbstmitgefühl zu geben. Wenn ich jetzt aus dem Reiz (lautes weinen) auf mein Kind reagiere, dann ist es vielleicht nicht verbindend und es entsteht womöglich ein Konflikt.

Wenn ich durchgeatmet habe, kann ich herausfinden, was denn das Bedürfnis meines Kindes ist. Ich gehe also in die Verbindung mit meinem Kind: „Ich sehe du weinst. Bist du vielleicht frustriert, weil du alleine aussuchen möchtest?“

An dieser Stelle: Mir hilft es auch selbst, wenn ich das ausdrücke und Kinder können dadurch ihren Wortschatz erweitern (Gefühls- und Bedürfnisvokabular). Hier spielen auch Mimik, Gestik und die Tonlage mit rein. Auch jüngere Kinder können so schon verstehen. Und vor allem spüren sie eins: Verbindung und Anerkennung ihrer Gefühle und Bedürfnisse.

„Ich werde gesehen!“

Wenn ihr Interesse an mehr Dialog Beispielen habt, lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen. Gern auch mit Beschreibungen einer realen Situation. Das kann ich dann im nächsten Artikel einbauen.

Ist denn Verstehen gleich Einverständnis? Bekommt mein Kind dann die Schokolade? Davon schreibe ich nicht.

Wenn ich die Bedürfnisse meines Kindes anerkenne und mich mit meinen eigenen verbinde, kann das so aussehen:

Ich erfahre, dass mein Kind auch entscheiden möchte, was gekauft wird. Hier kann ich das Kind einbeziehen: Wir brauchen Nudeln. Schau mal auf das Regal. Welche wollen wir mit nach Hause nehmen?

Wenn ich spüre, mein Kind möchte Aufmerksamkeit, kann ich mich ein wenig mit ihm beschäftigen.
Mir geht es darum, dass jeder mit seinen Bedürfnissen gesehen wird. Und ein einfaches „nein“ ist für mich nicht verbindend. Darauf eingehen, wie sich das Kind fühlt UND meine Gefühle und Bedürfnisse klar machen, ist für mich enorm hilfreich und wertvoll.

Das klappt nicht unbedingt beim ersten Anlauf, viele von uns und dadurch auch unsere Kinder sind anders geprägt. Eine Möglichkeit für mich ist auch: Vor dem Einkauf meine Bedürfnisse äußern: „Hey, ich bin unter Zeitdruck und möchte jetzt die Dinge kaufen, die auf der Liste stehen. Magst du mir dabei helfen?“

Gerade für etwas ältere Kinder: Mir ist es auch wichtig, dass solche Gespräche nicht unbedingt auf dem Höhepunkt eines Konfliktes und mitten im Sturm von unangenehmen Gefühlen stattfinden. Wenn ich also merke, dass im Supermarkt öfter solche Situationen entstehen, kann ich mir einen ruhigen Zeitpunkt suchen, um mit meinem Kind darüber zu sprechen. Oft genug sind es auch die Kinder selbst, die dann neue Strategien äußern, auf die ich noch nicht gekommen bin.

Jetzt wird der Artikel doch länger, als ich beabsichtigt habe und es wird nächste Woche einen zweiten Teil geben:

– Welche Strategien gibt es noch?

– Wenn mein Kind während dem Einkauf unruhiger wird, was dann?

– Was hat es mit der „Quengelware“ an der Kasse auf sich, aus Sicht von Bedürfnissen?

– Wie kann ich mich selbst in solchen Situationen stärken?

– Welche Rolle spielt vielleicht auch Werbung?

– kurzfristig und langfristig…

Gerne gehe ich auch auf Punkte ein, die ihr euch nach dem Lesen dieses Beitrags wünscht.

Ich hoffe, ich konnte verständlich machen: Hinter jedem Verhalten stecken Bedürfnisse.

Verbindend ist es für mich, wenn die Bedürfnisse aller gesehen werden. Und ich möchte weg von den Bewertungen und Urteilen: schlechtes Verhalten, bockig, trotzig usw. Die sind nämlich nur in meinem Kopf. Ich schreibe dem Kind etwas zu.

Jetzt bin ich gespannt auf eure Reflexionen zu dem Bedürfnis hinter: „Ich möchte konsequent sein.“

mindfulsun

PS: Und dann gibt es noch diese Momente, wo es lediglich darum geht, dass mein Kind nicht sich selbst oder andere Menschen verletzt. Dann greife ich schützend ein, weil mir Sicherheit wichtig ist. Darüber auch beim nächsten Mal mehr.

mindfulsun
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