„Ich würde es trotz allem, wirklich immer wieder tun… “ – wie Andreas Stammzellenspende bei der DKMS verlief


Ihr habt es alle in Herbst mitbekommen, wie Andrea Schabner sich gefreut hat, dass bei der DKMS ihr genetischer Zwilling gefunden wurde. Sie durfte ein Menschenleben retten! Und ich habe sie „begleitet“ durch die Monate, bis es zur Stammzellen-Spende nun letztes Jahr Mitte Dezember gekommen ist.

Update: Sie hat vorgestern bei Facebook neu gepostet: Ja, auch mit einem Jahr Abstand würde sie es wieder tun!

So kann – muss aber nicht – eine DKMS Spende ablaufen:

Im Nachgang der freudigen Nachricht, dass ihr genetischer Zwilling sie braucht, bekommt Andrea etwas Bammel:

 „Ich denke nur noch an die Spende, jetzt hab ich wirklich Angst. Nicht vor der Spende selbst, sondern, was ist, wenn ich krank werde? Oder man mir nach der Voruntersuchung sagt, es tut uns leid, sie dürfen doch nicht spenden. Das würde ich mir niemals verzeihen…“

Ich versuche, ihr Mut zuzureden:

„Liebe Andrea, das darfst du überhaupt gar nicht so denken! Es kann immer etwas schief gehen im Leben, und das was zählt, ist deine Bereitschaft und deine Absicht. Denke gar nicht dran in solche Gedanken zu verfallen, wie die Frauen die sich ein Leben lang vorwerfen, dass sie einen Kaiserschnitt hatten, und Schuldgefühle entwickeln… Wenn es nicht sein soll, dann für einen guten Grund. Sei bereit, das hinzunehmen, so wie es wirklich kommt.“

Sie nimmt das tatsächlich so an…

Einige Wochen später, Anfang Oktober, gibt es leider ein negatives Update:

„Ich habe gerade einen Anruf von meinem Betreuer bekommen, die Voruntersuchung wird verschoben und die Spende auch. Meinem genetischen Zwilling geht es schlecht. 
Ich habe gerade so geweint, es geht mir so nah… Ich bete für meinen Zwilling!“

Doch Mitte Oktober kehrt das Glück zurück:

„Heute bekam ich erneut einen Anruf der DKMS. Aber es sind gute Nachrichten, meinem Zwilling geht es wieder gut und Anfang November werde ich zur Voruntersuchung fahren. Für den 20. November, liegt dann die Spende an…“

Und dann gab es doch noch eine Verschiebung! Einige Tage später schreibt Andrea:

„Es gibt wieder eine Änderung, leider hat sich die Klinik mit dem Spendertermin und der Voruntersuchung vertan… Beides findet erst im Dezember statt… Ich hoffe, das mein Zwilling, die Zeit bis dahin übersteht.“

Und tatsächlich, die Voruntersuchung Ende November ergibt, dass bei Andrea alles OK ist:

„Die Befunde der Voruntersuchung ergaben KEINE Kontraindikation gegen die geplante Stammzellenentnahme ☺ Ich bin kerngesund und darf spenden! 
Ich bin sehr aufgeregt aber das ist jetzt vorbei. Mir geht immer nur durch den Kopf, dass ich hoffe, dass alles gut wird. Wenn man hier sitzt, dann weiß man erst, was man macht und wie weit man geht. Ich bin stolz auf mich und hoffe das es für meinen Zwilling das größte Weihnachtsgeschenk ist!
Weißt du, wovor ich Angst habe? Vor dem Spritzen setzen und den Nebenwirkungen. Alles andere stecke ich so weg, aber was Schmerzen angeht, da bin ich eine kleine Weichflöte!“

Tja… die kleine Weichflöte musste ganz schön was aushalten:

„Huhuuuu, so nach nur einer Spritze am Morgen, die andere folgt in 1 Stunde, bemerke ich jetzt schon die ersten unschönen Nebenwirkungen. Ich habe Kopfschmerzen, ein leichtes Ziehen im unteren Rücken, eine innere Unruhe macht sich breit und ein etwas schnellerer Herzschlag. Ich bin total nervös. Ich stehe aber mit einem sehr lieben jungen Mann im Kontakt, der das gleiche gerade durch macht. Wir werden uns da gegenseitig aufbauen. Tschakaaa!“

Ganze sechs Tage muss Andrea sich die Spritzen setzen, damit der Körper die Überschuss-Produktion an Stammzellen entwickelt.

Könnt ihr euch vorstellen, wie tapfer diese Frau ist? Andrea ist Reinigungskraft in einer Firma, ihre Chefin weiß Bescheid und hat ihr sogar angeboten, sie frei zu stellen. Doch Andrea will es nicht. Da sie sich die Zeit recht frei einteilen kann, geht sie immer zur Arbeit dann, wenn es ihr etwas besser geht… meistens Abends. Sie will keine Sonderbehandlung, sie sieht die Spende als ihr Ding an. Und man darf ja auch alles machen in der Zeit – nur keine Sportarten, da die Gefahr einer Verletzung, z.B. Milzriss mit sich bringen kann. Kein Boxen, kein Bungeejumping – kein Problem.

Doch einfach ist es nicht. Auf die Frage, wo es denn weh tut, schreibt sie:

„Überall! Ich kann stehen, laufen, sitzen. Mein Brustkorb pulsiert, selbst der Kiefer tut weh.
Der Rücken ist am schlimmsten, aber umso schmerzhafter, umso besser. Ich würde es trotz allem, wirklich immer wieder tun…“ – denn die Ärzte haben ihr gesagt, dass der Körper mit Schmerz reagiert, wenn die zusätzlichen Stammzellen gebildet werden.

Und dann kommt auch der Tag der Tage – oder besser gesagt, der Tag der Anreise.

Denn zwischen der Klink, wo die Spende stattfindet und dem Wohnort von Andrea sind es 346 km. Es ist klar, Andrea wird von ihrem Mann begleitet und gefahren, der ihr auch die ganze Zeit stolz zur Seite steht. Andreas ganze Familie will ein Leben retten.

Andrea will auch jetzt keine Sonderbehandlung. Sie geht am Vormittag arbeiten, Start ist am Nachmittag. Und dann:

„Oh Bea!!! Es geht schon gut los, unser Auto springt nicht an!“

Oh NEIN!

Doch Starthilfe ist schnell in der Nachbarschaft organisiert und die beiden können los. In Köln erwartet sie ein richtig schönes Motel One mitten im Stadtzentrum.

Andrea und ihr Mann können noch zum Kölner Dom und etwas Weihnachstimmung in der Rheinmetropole mitzunehmen… Die Nacht ist aber sehr unruhig. Andrea hat große Schmerzen und kann nicht schlafen.


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Um 7:30 geht es in der Klinik los.

Zusammen mit ungefähr 10 anderen Spendern wird sie nach einer kurzen Begrüßung an einer dialyseähnlichen Maschine angeschlossen. Andrea hat alle Infos dazu erhalten:

„Die Spende wird mittels einer Apheresemaschine durchgeführt. Sie trennt durch Zentrifugalkraft das Blut in die einzelnen Bestandteile auf und macht es möglich, die entsprechenden Zellen aus dem Blut zu sammeln. Ich werde an das Gerät angeschlossen, in dem an beiden Armen ein venöser Zugang gelegt wird. Diese Zugänge werden über ein steriles Einmal-System mit der Apheresemaschine verbunden. Das Blut verlässt nun auf der einen Seite den Körper, fließt durch die Maschine und wird dem Körper auf der anderen Seite über den zweiten Zugang wieder zugeführt. Ein kleiner Teil des Blutes, die für den Patienten wichtigen Stammzellen, wird abgesammelt. Damit das Blut im Verlauf des Verfahrens nicht gerinnt, muss ein Gerinnungshemmer eingesetzt werden. Man verwendet vor allem einen Gerinnungshemmer, der der Zitronensäure ähnlich ist und vom Körper sehr schnell wieder abgebaut wird. Kurzzeitig kann dieser Stoff Symptome wie Kribbeln im Mund- und Lippenbereich oder beispielsweise in den Fingern verursachen. Durch Kalziumgaben können diese Beschwerden rasch behoben werden.“

So weit als medizinische Info. Konkret sieht es so aus, dass Andrea da liegt und in jedem Arm Schläuche hat. Im Linken steckt eine recht dicke Nadel in der Vene, um das Blut einzufangen. Hier darf sich nichts verschieben, sonst besteht Verletzungsgefahr! Trotzdem muss Andrea dezent die Vene dazu bringen, dass sie aus lauter Untätigkeit nicht reißt: Sie muss vorsichtig „pumpen“ – sprich einen kleinen Ball stets drücken und loslassen….


Im rechten Arm steckt eine zierlichere Nadel. Hier kommt das eigene Blut wieder rein in den Körpern, dem die Maschine die überflüssigen Stammzellen entnommen wurden. Andrea sieht, wie sich der Beutel mit den rubinroten Stammzellen füllt… Im gleichen Raum liegen drei andere Spender, sichtbar, und hinter einer Trennwand noch zwei andere. Mit der rechten Hand kann Andreas auf ihr Handy „daddeln“ – oder die Fernbedienung eines TV-Gerätes bedienen. Einem der Spender geht es nicht ganz gut, er scheint von den Spritzen etwas mitgenommen zu sein… deswegen gibt es wenig Unterhaltungen im Raum.

Ungefähr vier Stunden dauert die Prozedur der Stammzellenspende.

Sie kann auch unterbrochen werden – wenn man zum Beispiel wie Andrea gleich nach einer halben Stunde aus Aufgeregtheit noch mal zur Toilette muss. Dazu werden die Kanülen kurz geschlossen, der Arm mit der dicken Nadel in eine Schiene gepackt – und schon kann der Spender mal kurz weg, um dann gleich wieder angeschlossen zu werden.

Und nun ist es so weit. Noch aus der Klinik schreibt Andrea:

„Ich habe es geschafft und bin überglücklich. Jetzt heißt es warten, ob genug Stammzellen gesammelt worden sind. Mein Körper hat auf die Spritzen, sehr, sehr gut reagiert, meine Stammzellen Produktion war sehr gut. Ich bin müde, erschöpft… Ich hoffe, das es für meinen Zwilling gereicht hat.“

Sie darf noch was essen und trinken vor Ort, bekommt Calcium und wird untersucht. Dann kann sie zurück ins Motel und wartet auf den Anruf, der zwar etwas verspätet, aber dann doch gegen 16:00 kommt: Es hat gereicht, die Stammzellenspende war wirklich erfolgreich!

Andrea und ihr Mann fahren zurück nach Hause. Und am Abend geht Andrea wieder arbeiten. Es geht ihr gut!

Andrea ist meine persönliche Heldin für 2017!

Doch sie hat das alles nicht getan, um als Heldin da zu stehen. Sie erzählt das alles nicht öffentlich, um gefeiert zu werden. Andrea erzählt das alles, damit es mehr Menschen gibt, die sich bei der DKMS typisieren und auch als Spender einen Menschenleben retten!

Würdet ihr das auch auf euch nehmen? Wäret ihr auch dankbar, wenn ihr in der Datenbank der DKMS einen genetischen Zwilling hättet, der euch das Leben retten könnte? 

Liebe Grüße von

Andrea und Béa

 


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Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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2 Kommentare

Heike
Antworten 26. Dezember 2017

Wow... ich hatte richtig Tränen in den Augen... und ja, ich würde es auch tun. Auch ich habe mich vor Jahren typisieren lasse. Ich habe auch schon einen tollen Brief bekommen für die erste, genauere Bestimmung. Aber leider hat es nicht so gut gepasst. Aber ergal, wenn mein genetischer Zwilling mich braucht, bin ich da.

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