Weinen als Erwachsene – Wann erlauben wir es uns und wann nicht?


Wenn uns etwas bewegt, frustriert oder erzürnt, fließen schnell die Tränen. Das ist natürlich und menschlich, aber wann erlauben wir es uns eigentlich? Und welche Schwierigkeiten beinhaltet das Weinen als Erwachsene in nur vorgeschriebenen Situationen?

Es gibt Menschen, die viel weinen und welche, die gar nicht weinen.

Früher dachte ich immer, dass das von Person zu Person anders ist; dass einige eben nah am Wasser gebaut sind und andere nicht. Erst später verstand ich, dass das Weinen (zulassen) ebenfalls eine Frage der Sozialisation ist.


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Kinder dürfen weinen, denn sie sind ja noch Kinder. Aber wie sieht es eigentlich mit Erwachsenen aus?

Weinen als Ausdruck von Verletzlichkeit

Wenn wir weinen, lassen wir zugleich auch unsere Emotionen herausfließen. Jede:r, der:die uns weinen sieht, weiß, dass uns gerade etwas tief bewegt. Und damit entblößen wir uns gewissermaßen auch. Indem wir weinen, machen wir uns verletzlich. Und obwohl das völlig in Ordnung ist, ist das zugleich auch der Grund, warum wir es uns oft nicht erlauben.

Weinen als Ausdruck von „Schwäche“

In der Welt, in der wir leben, wird Weinen noch immer als Ausdruck von Schwäche angesehen. Nur die besonders Sensiblen weinen, wohingegen die, die es nicht tun, als die „Starken“ hervorgehen. Dass Weinen als Schwäche deklariert wird, ist deshalb so problematisch, weil damit auch die Scham aufkommt. Und wenn wir uns für eine so natürliche Reaktion schämen, versuchen wir sie nicht zu zeigen.

„Starke Jungs weinen nicht!“

Besonders betroffen sind davon Jungen und Männer. Noch immer heißt es, dass Jungs die „Starken“ sein müssen und dadurch nicht weinen dürfen. Dadurch trainieren sich Jungs das Weinen mit der Zeit ab, was jedoch nicht bedeutet, dass ihre Gefühle dadurch verschwinden. Im Buch „Sei kein Mann“ (Mini Werbung!) erklärt der Autor JJ Bola, dass dieses nicht-Weinen bei Jungs einer der Gründe ist, warum diese tendenziell aggressiver sind – denn irgendwie müssen sie ihre Emotionen ja kanalisieren. Wird das Weinen also unterdrückt, sucht es sich seinen (Aus)weg auf eine andere Weise.

Hier geht’s übrigens zur Rezension zum Buch „Sei kein Mann“!

„Mädchen heulen immer rum…“

Doch auch Frauen leiden sehr unter diesem „Weinen ist ein Ausdruck von Schwäche“-Gesetz, denn sie gelten ja bereits als das „schwächere“ Geschlecht. Ihnen ist es zwar erlaubt, Gefühle zu zeigen, aber zu keinem schönen Preis.

Ich weiß noch, wie ich schon als Kind versuchte, nicht zu weinen, damit mich die Menschen wegen meiner Emotionen nicht unter einen Kamm scherten. Ich wollte nicht schwach wirken und als Heulsuse bezeichnet werden. Ich wollte nicht, dass Menschen nur deshalb dachten, dass ich weinte, weil Mädchen und Frauen nun mal so waren. Denn dadurch fühlte ich mich einerseits nicht ernstgenommen, und andererseits aufgrund meines Geschlechts diskriminiert.

Sprüche wie „Heulsuse“, „Sie hat vermutlich wieder ihre Tage“ oder „Mädchen heulen immer rum“ haben schon fast alle Frauen zu hören bekommen. Und das prägt einen nun mal, denn diese menschliche Emotion wird als Etwas gesehen, über das man spotten kann.

Wann „erlauben“ wir uns das Weinen als Erwachsene?

Beerdigungen

Und doch gibt es gesellschaftliche Räume, in denen das Weinen gestattet wird. Wenn eine geliebte Person geht, zum Beispiel. Wenn man bei Beerdigungen weint, schaut einen keiner schief an.

Anmerkung von Béa: Komisch, manchmal ist auch das Gegenteil der Fall! Ich kann mich noch erinnern, ich konnte bei der Beerdigung meines Vaters nicht weinen. Es war mir, aus vielen Gründen, nicht danach. Richtig verletzt hat mich eine Bemerkung aus der nächsten Familie: „Sag bist du denn gar nicht traurig? Warum weinst du nicht? Das ist doch schlimm, dass du jetzt Halbweise bist!“. Als 12Jährige stand ich einfach nur nur desorientiert da und wußte nicht, was ich antworten soll. Zum Glück hat eine etwas beherzte Freundin meiner Mutter da die Abwehr übernommen.

Körperlichen Schmerzen

Auch nicht bei einer offenen Wunde – bei der man den körperlichen Schmerz förmlich sieht. Wobei es bei Männern wie gesagt schwerer ist, diese Emotionen wegen ihrer Sozialisation nach draußen zu tragen.

Beim Sport?!

Und doch gibt es ganz absurde Räume, in denen sie doch weinen dürfen. Wenn die Lieblingsmannschaft verliert zum Beispiel – da liegen sich die Männer im Stadion in den Armen und weinen bitterlich. Völlig in Ordnung, das zu tun, aber ist es nicht absurd, dass das erlaubt ist, aber nicht, wenn einem das Herz gebrochen wird?


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Tränen der Freude

Außerdem, und diesen Punkt finde ich besonders spannend, ist es okay, wenn wir wegen etwas Positivem weinen. Wenn wir vor Lachen weinen, zum Beispiel. Da ist es okay, sich ein Tränchen aus dem Augenwinkel zu wischen. Das zeigt, dass das Weinen in einem positiven Kontext erlaubt ist, weil es nicht in einem traurigen Kontext geschieht, in dem man Verletzlichkeit zulässt. Tränen der Freude sind demnach eine normale Reaktion des Körpers, aber Tränen aus Trauer/Frust/Zorn ein Ausdruck von „Schwäche.“

Irgendwie absurd, oder?

Wann kommt uns Weinen als Erwachsene „nicht erlaubt“ vor?

Liebeskummer (bei Jungs)

Bei seelischem Schmerz zum Beispiel, und auch da hebe ich den Struggle der Männer wieder etwas deutlicher hervor. Tendenziell brauchen Jungen und Männer viel länger, um über Liebeskummer hinwegzukommen, da diese mehr Schwierigkeiten haben, ihre Emotionen zu zeigen. Doch wie bereits erwähnt, verschwinden Gefühle nicht, wenn man sie verdrängt.

Psychische Krankheiten

Weiter geht’s mit psychischen Krankheiten. Ich habe den Eindruck, dass wir in einer Welt leben, in der wir nur das verstehen, das wir sehen. Bei psychischen Krankheiten versteckt sich das Leid im Inneren, wenn also eine Person „einfach so“ weint (obwohl es natürlich nicht so ist), trifft das gelegentlich auf Unverständnis. Dabei ist das Leid sehr wohl da – nur eben nicht sichtbar.

Arbeitsplatz

Auch am Arbeitsplatz ist Weinen ein Ding der Unmöglichkeit, vor allem bei Frauen, Stichwort: „Heulsusen“. Ein weiblicher CEO kann bei einem geplatzten Deal also nicht mal eben in Tränen ausbrechen, weil damit ihre gesamte (Führungs)Kompetenz schwinden würde. Während der Mann im selben Moment vermutlich irgendwas umschmeißen würde – denn auch er „darf nicht“ weinen, wohl aber aggressiv werden, weil „So sind eben Männer“…

Anmerkung Béa: Als KiTa- und Schulgründerin habe ich mit ganz besonderen Menschen arbeiten dürfen: ErzieherInnen und Lehrkräfte im Grundschulbereich. In der Tat hatte ich mit ihnen oft Personalgespräche, in denen mal Tränchen flossen. Am Anfang war ich recht irritiert, mir kam es vor, dass es wegen „Nichtigkeiten“ (in meiner Wahrnehmung!) passierte: Eine schwierige Entscheidung. Ein freudiges Ereignis. Ein Kind, das krank geworden ist… Ich habe selbst dieses Verhalten als „unprofessionell“ bewertet und war hilflos, wie ich damit umgehen sollte. Mit der Zeit habe ich gemerkt: Gerade die Spitzenkräfte waren diejenigen, die recht „nah am Wasser gebaut“ waren. Das waren die besonders empathischen Menschen, die ganz besondere Antennen für die Bedürfnisse, Sorgen und Nöte der Kinder hatten. Wow. Wieder was gelernt!

Wir dürfen weinen!

Und das völlig uneingeschränkt! Wenn unser Körper Tränen ausschüttet, dann tut er das nicht, um uns zu ärgern, sondern, weil das seine Art und Weise ist, um mit den jeweiligen Emotionen umzugehen. Ob das nun geschieht, weil wir uns amüsieren oder trauern, sollte dabei keine Rolle spielen, genauso wenig, welches Geschlecht man hat. Tatsächlich ist es sogar gesünder zu weinen, als nicht zu weinen. Wir tun uns selbst etwas Gutes, in dem wir das Weinen nicht unterdrücken!

Redet über das Weinen!

Änderung funktioniert nur, wenn wir aktiv etwas dafür tun. Die Gesellschaft ist groß, doch wir sind ein Teil von ihr. Wir müssen über diese Problematik reden, vor allem im engsten Kreis. Am besten ist es, so früh wie möglich damit zu beginnen, d.h. Kinder bereits mitzugeben, dass es okay ist, zu weinen. Ob die Menschen dadurch tatsächlich mehr weinen würden, weiß ich nicht, aber zumindest ginge es ihnen besser, weil sie es nicht ständig unterdrücken würden.

Weinen als Ausdruck von Stärke

Es sind nicht die Starken, die das Weinen verdrängen, es sind die Starken, die es sich trotzdem erlauben. Nicht, dass es überhaupt um Stärke gehen würde, aber jemand, der sich traut zu weinen, ist mit Sicherheit alles andere als schwach. Vor allem nicht in einer Welt, in der das Weinen so stigmatisiert wird.

Lange Rede kurzer Sinn:

Weinen ist ein Ausdruck von Gefühlen und Gefühle sind immer erlaubt!

(Nur nicht jedes Verhalten, aber dazu ein anderes Mal mehr!)

Wie ist es bei euch? Fällt es euch leicht, zu weinen?
Habt ihr auch verschiedene Bereiche oder Anlässe, in denen ihr es euch erlaubt und nicht?

Liebe Grüße
Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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