Zieh doch nicht so ein Gesicht! Du verdirbst uns noch allen die Laune!


Kennt ihr das befreiende Gefühl, wenn ihr nach einem langen Tag endlich den BH in die Ecke pfeffert?

So geht es wohl auch vielen Menschen, die den ganzen Tag versuchen, ihre Mimik unter Kontrolle zu halten,
zwanghaft zu lächeln und ihre wahren Emotionen verbergen. Am Abend dann, Tür zu: Endlich die Maske vom Gesicht nehmen (damit meine ich nicht den MNS) und authentisch sein!


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Meine Mutter hat oft zu mir gesagt: „Zieh doch nicht so ein Gesicht! Du verdirbst uns noch allen die Laune!“

Gerne auch beim Essen oder Familienfeiern, am liebsten noch vor versammelter Mannschaft.
Zu meiner Traurigkeit kam dann noch die Scham. Hat sich nicht gut angefühlt.

An dieser Stelle: Dies ist kein Artikel mit Vorwürfen und Schuldzuweisungen an meine Mutter. Das wird eine Reflexion zu dem Thema und der Satz spielt eben eine Rolle dabei.

Emotionen zeigen sich auf Gesichtern. Das hat die Natur so eingerichtet und ist ein wichtiges Instrument in sozialen Interaktionen. Und nonverbale Kommunikation ist ebenso wichtig wie Worte.

Die Ausdrücke auf dem Gesicht eines anderen Menschen, wenn auch nur manchmal ein Mikroausdruck, der kurzer Anflug einer Emotion: Zeigt mir doch, wie sich mein Gegenüber fühlt. Und bewusst oder unbewusst reagieren wir auf das, was sich da bei dem anderen zeigt. Die Natur hat uns das auch nicht nur zur Kommunikation mitgegeben, sondern auch zur Einschätzung von Gefahren. Da reicht es schon, wenn nur für den Bruchteil einer Sekunde Ärger im Gesicht zu sehen ist: Meine Instinkte stellen auf Vorsicht um. Und was ist das für ein schönes Gefühl, wenn ich jemanden überrasche oder ihm guttue und sehe die Freude und Überraschung?

Einige von uns sind allerdings konditioniert, diese Emotionen zu verbergen. Ganz oben dabei eben auch unter dem Banner: Höflichkeit!

Sei es nun im Job oder auch, wie in meiner Familie, schön lächeln oder zumindest versuchen, die Mimik in einen möglichst neutralen Ausdruck zu pressen. Manchmal auch, damit in anderen keine unangenehmen Gefühle ausgelöst werden.
Wer natürlich empathisch ist, kann den Unterschied trotzdem erkennen. Es gibt Menschen, die fühlen diese „Verkleidung“.

Mir sind Authentizität, Respekt und Mitgefühl viel wichtiger als Höflichkeit. Menschen haben unangenehme Gefühle! Und die sind sichtbar. Wenn jemand traurig ist, ist er traurig. Und mit Respekt meine ich: Menschlichkeit. Die Gefühle eines anderen Menschen zu respektieren.

Es ist an mir, selbst mit meinen Gefühlen umzugehen, die der traurige Ausdruck auf einem Gesicht eines anderen Menschen vielleicht auslöst. Sei es nun Hilflosigkeit oder die Traurigkeit überträgt sich auf mich. Statt den anderen verantwortlich zu machen und aufzufordern: „Zieh doch nicht so ein Gesicht! Lach doch mal, dann siehst du viel schöner aus!“ Oder ähnliche Sprüche.

Wie wäre es mit Anerkennung? „Ich sehe, dass du traurig bist.“
Oder mit: „Kann ich etwas für dich tun?“

Oft genug reichen Anerkennung, authentisch sein zu können und ein empathisches Ohr zum Zuhören aus. Es kostet verdammt viel Kraft und Energie, etwas spielen zu müssen, was in dem Moment überhaupt nicht da ist.

Kennt ihr das? An manchen Tagen möchte ich gerne mit Menschen zusammen sein und nicht viel reden. Ja, ich bin traurig, unruhig, besorgt oder bedrückt UND ich möchte gern in Gesellschaft sein.  Alleine sein tut mir in dem Moment nicht gut. In den schlimmsten Zeiten meiner Depression war ich oft im Zwiespalt, mich zu isolieren und wusste doch gleichzeitig manchmal: Mir würde es gerade guttun, mit jemandem einfach nur still dazusitzen. Die eigenen Gefühle dafür zu unterdrücken, damit der andere Mensch nichts merkt? Der Preis ist zu hoch. Heute weiß ich auch, wie wichtig es ist, das genau auch so auszudrücken! Das musste ich erst lernen.

Im Falle meiner Mutter hätte mir geholfen: „Ich sehe, dass es dir heute nicht so gut geht.“ Wenn ich dann am Tisch sitze und sich vielleicht durch das Beisammensein mit anderen Menschen schöne Gefühle in mir ausbreiten, ist das doch ein Geschenk. Wenn ich einfach nicht alleine bin, mir die Anwesenheit der anderen hilft: ist das doch auch wertvoll. Dabei zwanghaft zu lächeln und Gespräche führen, wofür ich eigentlich keine Energie habe: Das bringt allen nicht wirklich etwas. Denn die Stimmung darunter ist spürbar.


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Besonders wenn ich mit jemandem unter einem Dach wohne, dann ist mir Authentizität wichtig. Was in mir lebendig ist, möchte ich nicht verdrängen. Und ich möchte auch nicht, dass es andere tun. Hier ist eben auch Kommunikation wichtig: Wie fühle ich mich? Was brauche ich?  Gleiches gilt auch für die anderen. Wenn ich hier zum Beispiel meiner Mutter komme: Vielleicht hatte sie das Bedürfnis nach Harmonie und war einfach genervt oder auch selbst traurig, wenn sie mich so gesehen hat. Das alles auszusprechen, hätte wohl viel verändert.

Harmonie ist für mich übrigens heute eben genau das: Authentizität. Sein lassen und sein können. Und nichts Aufgesetztes.

Ich nehme mich selbst nicht davon aus. Gerade wenn mein Teenager wieder mit diesem einen bestimmten Gesichtsausdruck durch die Wohnung läuft, dann wird in mir etwas ausgelöst. Das ist für mich unangenehm. Und habe auch das Gefühl, ihm helfen zu wollen. Er weiß, dass er jederzeit mit mir reden kann und das tut er auch oft. Womit ich ihm am meisten helfe, ist: Ihn sein lassen, authentisch. Ohne seine Gefühle zu verstecken.
Was sich da in mir an unangenehmen Gefühlen abspielt, liegt bei mir. Hier gilt es in das Selbstmitgefühl zu gehen oder auch manchmal zu erforschen, was sich da gerade in mir regt.
Ja, ich habe meine Jungs früher auch aufgefordert, nicht so ein Gesicht zu machen. Weil ich es nicht anders kannte und ich so geprägt bin. Bis ich gelernt habe, mich selbst mehr zu reflektieren. Und ich habe da meine eigene Hilflosigkeit entdeckt: Ich konnte mit unangenehmen Gefühlen nur schwer umgehen, meinen eigenen und denen meiner Kinder.

Auch Kinder haben unangenehme Gefühle und schlechte Tage! Das ist menschlich. Menschlich ist auch, nicht jedes Mal über alles reden zu wollen. Manches braucht auch Zeit. Und vor allem ist es menschlich, dass andere Menschen das auch sehen.

„Zieh doch nicht so ein Gesicht! Du verdirbst uns noch allen die Laune!“

Hier ist mir auch ein authentisches: „Ich kann gerade keine Rücksicht nehmen, weil ich gerne feiern und unbeschwert sein möchte!“, lieber. Und es ist wertvoll für mich im Miteinander. Vor allem ist es nicht, mit dem Finger nach außen zeigen. Dann können Menschen aufeinander zugehen und eine Strategie finden, wie es sich für alle gut anfühlt. Oder einer geht dann nach Hause. 🙂

Zum Abschluss möchte ich mit euch noch etwas aus der Gestalttherapie teilen.

Das nennt sich Gestaltgebet vom Gründer dieser Therapie: Dr. Fritz Perls. Hat mit Religion allerdings nix zu tun, sondern ist ein Lebensmodell der Gestaltung eines Miteinander.

„Die Schlüsselidee der Aussage ist der Fokus darauf, als Reaktion auf die eigenen Bedürfnisse zu leben, ohne auf andere zu projizieren oder Introjekte von ihnen zu nehmen. Es drückt auch die Idee aus, dass Menschen durch die Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse anderen helfen können, dasselbe zu tun und Raum für echten Kontakt zu schaffen. das heißt, wenn sie „einander finden, ist es schön“.

Es gibt die verkürzte Version.

Ich mag die Ausführliche. Zum ersten Mal habe ich das in einer Therapie Praxis als Aushang gesehen. Das hat mich schon sehr bewegt und zum Nachdenken gebracht.

 

Ich bin ich.

Du bist du .

Ich bin nicht auf dieser Welt, um deine Erwartungen zu erfüllen.

Du bist nicht auf dieser Welt, um meine zu erfüllen.

Du bist du.

Ich bin ich.

Wenn wir uns in irgendeinem Moment oder irgendeinem Punkt treffen, wird es wunderbar sein.

Wenn nicht, kann es nicht verhindert werden.

Mir fehlt es an Liebe mir selbst gegenüber, wenn ich mich in dem Versuch, dir zu gefallen, betrüge.

Mir fehlt es an Liebe für dich, wenn ich versuche zu erreichen, dass du wirst, wie ich es will, anstatt dich so zu akzeptieren, wie du wirklich bist.

Du bist du und ich bin ich.

Fritz Perls

 

Vielleicht löst es auch etwas in euch aus?

mindfulsun

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About me

Mensch, Mama zweier Jungs, die versucht ihre Werte zu leben und die innere Balance zu halten. Ich schreibe über Achtsamkeit, vegane Ernährung, Nachhaltigkeit und verbindende Kommunikation von Herzen. Was ich mir wünsche? Einander mit mehr Mitgefühl und Empathie zu begegnen, überall auf der Welt.

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