„Nein, meine (Bio-) Suppe ess`ich nicht.“ – Gastbeitrag von Marlene Hellene zum Thema Kinderernährung


Kinderernährung, yeah, das ist ein ratgeberfüllendes Thema… Aber wer braucht schon Ratgeber? Lieber drüber lachen: Langsam kennt ihr unsere besondere Kolumnistin Marlene Hellene und wisst vielleicht, dass wir beide mal ein Buch herausgeben wollten. Es hat sich aber ergeben, dass Rowohlt ihr ein besseres Angebot gemacht hat, und darüber freue ich mich. Hauptsache, das Buch kommt raus. 

Nun ja, hier ist eine neue Kolumne von ihr – viel Spaß!

***

„In diesen ersten Lebensjahren orientieren sich Kinder bei der Ernährung maßgeblich an ihren Eltern.“

Dieser Satz, liebe Freunde der ambitionierten Kindererziehung, ist eine Lüge! Lassen Sie es uns in die Welt hinausschreien. Wir schreiben es auf Plakate und sparen zusammen auf eine Doppelseite in der FAZ. Die Welt muss die Wahrheit erfahren: Kinder essen, was sie wollen! Nicht, was Mama will, nicht, was Papa will und erst recht nicht, was die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung will. Kinder orientieren sich ausschließlich daran, was ihnen ihr speckiges Bäuchlein sagt.

Ist das Kind mal so +/- 6 Monate alt stellt sich die B-Frage.

Da wird in Krabbelgruppen diskutiert und in Elternforen recherchiert: Welcher Brei darf als erstes über Babys Lippen? Oma weiß es genau: „Karotte, das haben wir schon immer so gemacht“. Vorsicht! Tun Sie das nicht! Wagen Sie nicht das Wort Karotte auch nur auszusprechen. Schreiben Sie das Wort Karotte auf keinen Fall ins Internet. Die Folgen wären fatal. Sie würden den Shitstorm Ihres Lebens ernten. Weil nämlich, und das weiß ja wirklich jeheederrr, beim Kind der Shitstorm aufgrund Karotte ausbleibt. Karotte führt nämlich zu Verstopfung. Wie? Das wussten Sie nicht? Tja. Ich auch nicht. Harsche Kritik schallte mir entgegen, als ich öffentlich in Erwägung zog, meinem Kind ein wohlschmeckendes Karottenbreichen zu servieren. Ich war ja so dumm. Der erste Brei müsse, und das weiß ja wirklich jeheederrr, aus Zucchini bestehen. Außerdem muss (!) man Brei selber kochen. Auch das war mir vorher nicht wirklich bewusst. Gute Mütter kaufen keinen industriell hergestellten Teufelsbrei. Nein, niemals! Für solche Personen ist kein Platz im PEKIP. Mütter, die ihre Kinder aufrichtig lieben, kochen gefälligst den Brei selbst. Und Mütter, die nicht wollen, dass ihr Kind in der achten Klasse nur eine 3- in Mathe bekommt, dampfgaren den Brei.

Ich wollte nicht nur zweitklassig lieben, also erstand ich Bio-Zucchini und Bio-Beikostöl im Reformhaus („Keine Butter! Um Himmels willen, weißt Du denn gar nichts?“), bestellte einen Dampfgarer im Internet und verkaufte dafür meine linke Niere auf dem Schwarzmarkt.

Ich dampfgarte von nun an also Pastinaken, Fenchel, rote Bete (ein rote Bete sabberndes Baby ist übrigens das Highlight bei jeder Halloweenparty) und Kartoffeln zu sämigen Brei, ließ mir vom Biometzger Tafelspitz in Gold aufwiegen und fühlte mich sehr sehr mütterlich.

Relativ schnell geht diese unkomplizierte Breiphase jedoch vorbei. Sie befinden sich gerade in dieser Phase und schreien jetzt entrüstet auf? Unkompliziert? Das Kind will den Brei nicht, der Brei landet an der Zimmerdecke, das Kind hat Verstopfung, Durchfall, roten Ausschlag? Ja, das mag alles sein ABER:

Das ist erst der Anfang.

Das Kind bekommt Zähne, der Magen gewöhnt sich an Nahrung und etwas beginnt, das sich „Familientisch“ nennt. Nein, Sie müssen jetzt nicht Oma, Opa, Ihre acht Brüder und Großcousine Irmgard jeden Abend bei sich beherbergen. Dieses große Wort besagt lediglich, dass Ihr Kind nunmehr die selben Dinge essen soll wie Sie (wenn sie kein Salz enthalten oder Zucker oder Umweltgifte oder Gluten oder nicht aus biologisch/ ökologischer Landwirtschaft stammen…).

Das Kind sollte also die selben Dinge essen wie wir.

Hört sich super an, oder?! Fand ich auch. Einfach ein kleines Portiönchen mehr kochen, als gewohnt. Spitze! Endlich sollte das schöne Kapitel des gemeinsamen Essens beginnen. Wenn alle idyllisch hübsch beieinander sitzen, essen, sich vom Tag erzählen und milde lächeln, wenn das Kind mal aus Versehen etwas verkleckert. Ich hatte ein genaues Bild vor Augen. Ich bin ein Kind der 80er. Ich habe im Vorabendprogramm alles über Familien gelernt und war bereit, das nun live zu erleben. Ich bereitetet also ein gesundes, biologisch einwandfreies und ausgewogenes Mahl zu und tatatata: Das Kind futterte die Serviette. Sonst nichts. Wie jetzt? Hatte sich Franziska in „Ich heirate eine Familie“ je so verhalten? Nein, nicht einmal Bommel, das Meerschweinchen hätte das gewagt. Mein Weltbild war erschüttert. Das Kind sollte doch einfach nur das selbe essen, wie ich. Ich, sein großes kulinarisches Vorbild. Sein Maßstab in Sachen Ernährung. Das hatte mir die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung doch so versprochen.

Tjanun, es sollte nicht besser werden.

Ich wurde als Vorbild weiterhin ignoriert und das Kind aß, was es gerne wollte. Zum Beispiel drei Tage am Stück nur Nudeln ohne Soße, die dann am vierten Tag voller Abscheu und mit der Unterstellung, man wolle das Kind vergiften, durch die Luft geschleudert wurden.

Das ist ja auch so eine Sache: Kinder sind in ihren Vorlieben wahnsinnig sprunghaft. Seien Sie da vorsichtig! Was heute noch das absolute Lieblingsessen ist, kann morgen aus irrwitzigen Gründen abgelehnt werden. Wenn es nämlich draußen regnet schmecken Kartoffeln anders, als bei Sonnenschein. Das muss man ja erst mal wissen.

Ich war verzweifelt.

Das Kind schnupperte, das Kind untersuchte, das Kind schob die Speisen mit der Gabel hin und her, schaute angewidert und aß nicht. Man riet mir, mit dem Kind gemeinsam zu kochen und es einzubeziehen in den wundervollen Prozess der Essenszubereitung. Ich kaufte mir also ein Kochbuch: „120 Gerichte, die jedes Kind mag“. Wir setzten uns zusammen und das Kind sollte anhand der lustigen Bilder aussuchen, was es essen mag. Das Ergebnis war lediglich die Erkenntnis, dass das Kind 120 mal hintereinander „Nein“ sagen kann. Das Kind verlangte nach Fleisch mit Ketchup oder Pommes mit Ketchup oder Nudeln mit Ketchup oder Ketchup mit Ketchup.

Ich schnitzte lustige Gemüsegesichter, lobte den Geschmack meines eigenen Essens über den grünen Klee und aß vorbildlich meinen Biofenchel. Das IHHH, BÄÄÄH und WÜRG erklang unbeeindruckt weiter. Dann versuchte ich es mit Täuschung, ich versteckte Gemüse in Hackfleischbällchen und raspelte Karotten unter Kartoffelbrei. Natürlich lachen Sie jetzt über meine Naivität und natürlich haben Sie recht. Kinder sehen und riechen alles. Sie sind Gemüsespürhunde. Die Trüffelschweine der gesunden Ernährung.

So langsam begann ich mir Sorgen zu machen. Ich befürchtete Skorbut und Schlimmeres.

Allerdings sah das Kind ganz gut aus. Die Augen leuchteten, die Haare glänzten und das Bäuchlein war rund. Sollte das Kind etwa anderswo gesund Essen? Wurde ich betrogen? Das ließ mir keine Ruhe: „Sag mal, was gab es denn heute im Kindergarten zu essen?“ „Gemüsetaler mit Vollkornreis und Karottensalat. Das hat super geschmeckt. Die Monika kocht immer so tolle Sachen.“ BETRUG! – schrie jede Faser meines Körpers. Ich hatte dieses Kind schließlich gemacht, ich hatte das Recht, die Köchin seines Herzens zu sein. Was hat sie, was ich nicht habe? Letztlich liegt die Antwort auf der Hand: Sie hat dreißig andere Kinder, die vom Spielen hungrig sind und essen. Da wird um das Thema Essen einfach nicht so ein Theater veranstaltet. Die Kinder haben Hunger, die Kinder essen und dann schmeckt es plötzlich. Da diskutiert niemand, da sind keine erwartungsvollen Blicke, da spielt das Essen nicht die Hauptrolle. Und darin liegt auch schon das ganze Geheimnis. Puh! Das hätte mir aber auch mal jemand früher sagen können.

***

Ihr wollt mehr von Marlene Hellene lesen? Hier lang, bitte.

Übrigens, über diese wundervollen Tweets zum Thema gelangt ihr zum Twitteraccount von Marlene Hellene und könnt ihr folgen.

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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21 Kommentare

Anke
Antworten 13. September 2016

Göttlich!!

Linde
Antworten 13. September 2016

Ich liebe Ihre Texte. <3

Sabine
Antworten 13. September 2016

Super, vielen Dank für die Zukunftsaussichten :o)
(und ich HABE mit Zucchini angefangen, BIO und dampfgegart hat dem Mini nicht geschmeckt und JEDER wundert sich, wie man denn auch auf Zucchini kommt - inzwischen gibt es Mittagessen aus dem Glas...)

Mama 2.0
Antworten 13. September 2016

Da möchte ich direkt mehr als 1x auf "Teilen" clicken! Die Frau ist einfach genial. Ich glaube, sie könnte einen Artikel über das Telefonbuch einer deutschen Großstadt schreiben und es wäre zum Totlachen ;) bitte bitte mehr davon!
P.S. Es ist nicht nur lustig, sondern auch noch so so wahr! Alles!

Sandra
Antworten 13. September 2016

Ich war nur am Schmunzeln. Super. Toll geschrieben.

Katharina
Antworten 13. September 2016

Das könnte von mir sein!
"Mama,guck mal,es gibt Spargel. Bitte kauf den,ich liiiiiebe Spargel." Das wusste sie am nächsten Tag nicht mehr. Hat dann nur Kartoffeln gegessen.

Meine Mama hat gesagt,ein Kind das nicht isst hat keinen Hunger. Genau so sehe ich das auch. Dann isst sie eben 3 Tage nicht wirklich. Verstehe das Drama nicht,das viele meiner Freunde ums Essen machen. "Der isst fast nichts." "Was trinkt er denn?" "3 Flaschen Kakao am Tag" Noch Fragen?

Maria
Antworten 13. September 2016

Meine Tochter hat sich mit 7 Monaten gegen Gemüsebrei entschieden. Dann hatten wir eine Avocado -Kartoffelphase (in fingergerechte Stücke zerteilt). Abends Grießbrei.Bis die Erbsenphase kam. Sie hat sich sicher 3 Monate nur von Erbsen, Milch, Obst und Nudeln ernährt. Wir haben sie Emma Erbse genannt,haben pro Woche 2 Tüten TK-Erbsen verbraucht. Ich habe viel experimentiert, um den aktuellen Gemüsefavoriten herauszufinden. Dann kam dir Tagesmutter. Und bei ihr wurden alle Dinge (auch mit Soße!) gegessen.Sogar Fleisch! Das hat sie nämlich von Anfang an,egal in welcher geschredderten Version, verweigert. Die meiste Zeit isst sie bei uns zu Hause Nudeln. Mit Parmesan. Die einzig erlaubte Soße ist TK-Spinat. Ich hab irgendwann beschlossen, dass ich mir weniger Gedanken um ihre Ernährung machen sollte. Aktuell ist übrigens Brokkoli ein Favorit... Den ich persönlich nicht mag , aber natürlich mit Wonne esse...

Judith
Antworten 14. September 2016

Danke!!!!!

Nicola
Antworten 14. September 2016

Herrlich.. ich hab hier auch so ein Kind.. zwei Bissen:Bin satt.. Im Kindergarten, so sagt man, holt sie sich bis zu 3x Nachschlag 😂 Nr.2 hingegen ist ein Allesfresser.. was dieser kleine Mensch an (upps) Gläschen in den knapp 7-8 Monaten seit Beginn fester Nahrungsaufnahme verdrückt hat, schaffte die große Schwester in den ersten 2,5 Jahren nicht. Gottseidank hab ich bier zwei Obst und Gemüsejunkies (trotz süßigkeitenfanatismus) die aber auch zu Nuggets mit Pommes nicht nein sagen.. In diesem Sinne, weitermachen.. freue mich auf das Buch

Laura
Antworten 14. September 2016

Klasse, und ich bin auch ein Kind, das mit "Ich heirate eine Familie" aufgewachsen ist. Außerdem kann ich Marlenes Worte alle bestätigen! Heute orangene Paprika, morgen Bäääh. Und die Blicke der Krabbelmütter, als ich ein Gläschen fütterte, zum Fürchten! Mein Motto: Kinder kommt Meckern, es gibt was zu Essen. Mehr von dir, wir müssen alle mehr lachen... Liebste Grüße

Tanja
Antworten 14. September 2016

SUUUUPER 😂😂😂😂😂

Bei meinem ersten Kind war ich auch so,selber kochen usw. , alles genau nach Buch ... 🙈
Jetzt hab ich drei und die letzten beiden haben sämtliche Glassorten überlebt und springen munter und glücklich durchs Leben 😀.

Bitte weiter machen,ich find's klasse!

Marlene
Antworten 14. September 2016

Danke, Ihr Lieben 💛
Ich lese jeden Kommentar und freue mich sehr.

Kathrin
Antworten 14. September 2016

Alles wahr und toll geschrieben. Freue mich über jeden Artikel von Marlene :)

Evchen
Antworten 14. September 2016

Hmmm... Ist aber auch nicht besser immer die Mütter, die selber kochen so blöd darzustellen :( meine beiden mochten (leider) keine Gläschen, und ich musste die Erfahrung machen, dass man mit dem selbstgemachten Brei dann blöd angemacht wird von wegen super Mama, öko Mama, etc... Fand den Artikel trotzdem lustig, und sammel jetzt erstmal den aussortieren Brokkoli vom Boden auf...

Katharina
Antworten 14. September 2016

Wunderbar ich bin gespannt auf das Buch, bitte bitte weiter schreiben.
Lieben Gruß
Katharina

Edgar Renje
Antworten 17. September 2016

Genial geschrieben! Es amüsiert mich trotz der Tatsache, dass ich eigentlich absolut nichts damit zu tun - zumindest nicht direkt. Ich lunze nur innerlich kichernd zu meiner Schwester und ihrer 2 1/2- Jährigen hinüber...

evi
Antworten 4. Dezember 2016

ich hab tränen gelacht :D hier gibts schon den 3. tag in folge nudeln mit ohne alles.

Meike
Antworten 5. Dezember 2016

Herrlich geschrieben!
Ich bin mal gespannt wir das so bei uns wird.

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