Ängstliche Eltern „machen“ ängstliche Kinder – Gastbeitrag


Wenn ihr an eure Kinder denkt, wenn ihr entscheidet, was sie dürfen und was nicht, wie ängstlich seid ihr eigentlich? Hier ist der Beitrag einer Leserin, die über das Thema reflektiert hat:
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Kinder zu bekommen, bedeutet eine Menge Sorge und Angst in sich zu tragen. Doch wenn die Angst überhand greift, kann es große Konsequenzen haben, denn ängstliche Eltern „machen“ ängstliche Kinder. Es ist nicht ungewöhnlich, dass wir Kinder einige Charaktereigenschaften unserer Eltern übernehmen. Eines davon geschieht bewusst, das meiste jedoch unbewusst.

In meinem Fall war es die Angst.

Meine Eltern sind beide sehr ängstlich.

Alle beide sind sie es auf unterschiedliche Weisen. Meine Mutter war schon immer sehr angsterfüllt und zwar in jeder erdenklichen Lebenssituation. Stürmisches Wetter macht ihr Angst, schnelles Fahren macht ihr Angst, die Höhe macht ihr Angst, die Dunkelheit macht ihr Angst; selbst wenn ich die Tür aufließ, um den Müll rauszubringen, hatte sie Angst, dass uns jemand in diesen dreißig Sekunden ausraubte. Ich muss dazu allerdings sagen, dass sie ebenfalls eine sehr ängstliche Familie hat. Der Einfluss, in dem man aufwächst, färbt eben ab.

Mein Vater hat überhaupt keine Angst – außer, wenn es um uns Kinder geht.

Obwohl er und meine Mutter sich schon sehr früh getrennt haben, rief er uns nahezu jeden Tag an, um sich nach uns zu erkundigen – und weil er Angst hatte. Anfangs freute ich mich darüber, dass ich eine der ersten aus meiner Klasse war, die ein Handy bekam – doch ich bereute es schon bald. Wenn ich morgens zur Schule lief, rief mein Vater an und begleitete mich manchmal telefonisch bis zur Schule.

Die zwei größten Ängste, die mein Vater hatte, waren die Angst vor Unfällen (zum Beispiel Fahrradunfälle) oder die Angst davor, dass wir entführt und misshandelt werden würden. Seit ich denken kann, wurde meiner Schwester und mir eingetrichtert, ja vorsichtig zu sein und mich vor fremden Menschen in Acht zu nehmen.

Je älter wir wurden, desto größer wurde die Angst meiner Eltern.

Als meine Schwester und ich anfingen abends auszugehen, kamen meine Eltern sehr schwer damit klar. Die neue Situation war fremd für sie, denn sie hatten keine Kontrolle mehr darüber. Natürlich beließen sie es nicht nur bei der stillen Angst um uns, sondern wurden wie immer „aktiv“. Sie machten kein Geheimnis um ihre Angst, sie sagten es uns so oft, wie sie unsere Namen nannten. So oft, bis wir ein schlechtes Gewissen bekamen, wenn wir uns abends amüsierten, denn wir wussten, dass unsere Eltern währenddessen kein Auge zumachten. Wenn ich nachts um drei oder vier zurückkam, waren sie meistens noch auf. Oft wollten sie mich abholen oder überließen mir das Auto, damit ich sicherer nach Hause kam.

Jahrelang fiel mir nicht auf, wie viel Angst meine Eltern um uns hatten. Erst als Freunde und Bekannte mich darauf aufmerksam machten, dass meine Eltern ziemlich helikoptermäßig drauf waren und viel zu oft anriefen, reflektierte ich ihre Erziehungsmethoden erstmals. Und doch machte ich mir nichts daraus. So waren sie eben, dachte ich. Ich machte mich sogar oft darüber lustig, was für „Schisser“ meine Eltern waren.

Je älter ich wurde, desto größer wurde auch meine Angst.

Da ich mit dem Gedanken aufwuchs, dass ich als Frau jederzeit entführt werden könnte, war ein bloßer Fußmarsch durch die Nacht mit viel Angst und Schrecken besetzt. Wenn mich ein Fremder ansprach, bekam ich sofort Panik, selbst wenn es sich um eine einfache Frage nach dem Weg handelte. Ich unterstellte jedem etwas Böses. Ich nahm nie ein Getränk an, das mir ausgegeben wurde, denn ich konnte ja nicht wissen, ob da K.O.- Tropfen waren. Selbst von Freunden nicht. Ich war alles andere als naiv. Ich war hyper-skeptisch und ängstlich.

Mit 23 Jahren erkrankte ich an einer generalisierten Angststörung.

Die Ursache war ein kleines Trauma, die Basis dafür wurde allerdings viel früher geebnet. Ich sage nicht, dass ich meinen Eltern die „Schuld“ dafür gebe, aber ich kann nicht leugnen, dass sie meine Angst maßgeblich geprägt haben. Ich bin ein Mensch, der sehr, sehr viel Angst in sich trägt. Viele Ängste meiner Eltern habe ich selbst verinnerlicht und spüre sie im Alltag. Zum Beispiel kriege auch ich Angst, wenn ich auf der Autobahn fahre. Manchmal sagte ich sogar exakt dieselben Sachen, wie meine Mutter in dieser Situation. Und wenn meine Schwester nachts unterwegs ist, spreche ich ihr meine tiefe Sorge aus und biete ihr, sie – obwohl wir nicht mehr zusammen wohnen – jederzeit abzuholen. Wenn ich sowas sage, erkenne ich meinen Vater in mir wieder.

Angst ist berechtigt und wichtig. Aber nur bis zu einem gewissen Grad.

Ich bin zwar mit sehr viel Liebe, aber auch mit sehr viel Angst erzogen worden. Diese Angst trage ich Tag für Tag in mir und kann sie nur sehr schwer ablegen oder überhaupt bändigen. Inzwischen bin ich deshalb auch in Therapie, denn mein Leben war aufgrund von starken Angstzuständen und willkürlichen Panikattacken eine Zeit lang ziemlich beeinträchtigt.

Eltern können ihre Kinder nicht vor allem schützen.

Natürlich bin ich sehr dankbar dafür, dass wir bereits früh aufgeklärt wurden und mit uns über die Gefahren der Welt gesprochen wurde. Ich bin meinen Eltern ebenfalls dankbar, dass ich immer vernünftig genug war, um mit viel Vorsicht durchs Leben zu streiten.

Und doch sind mir im Laufe meines Lebens Dinge widerfahren, vor denen mich meine Eltern einfach nicht schützen konnten. Unfälle, für die ich nichts konnte und Menschen, die mich trotz aller Vorsicht verletzten. Ich glaube, dass Kinder mit viel Wachsamkeit aber trotzdem ohne Angst durch das Leben schreiten sollten.

Denn ein Leben voller Angst ist im Grunde kein richtiges Leben.

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Hier hört das Bekenntnis unserer Leserin auf. Ich bin es wieder, Béa, die noch was dazu schreibt: Ich danke der Gastautorin aus dem Herzen, dass sie das für uns aufgeschrieben hat.

Ich habe lange überlegt, ob ich den Text bringe – einfach aus dem Grund, weil ich Menschen, die zu Angstgefühlen neigen, nicht auch die Last der Schuld aufbürden möchte.

Dennoch fand ich es wichtig, diese Gedanken im Blog zu bringen. Ich schätze mich selbst eher als mutigen Menschen ein, und auch mich hat die Angst um mein Kind begleitet. Sie in der Obhut anderer zu lassen, sie allein unterwegs zu wissen… oh je. Aber ich wollte sie auch nicht einschränken. Deswegen habe ich mich oft, und immer wieder, gegen die Angst entschieden. Mein Kind durfte ab der 1. Klasse allein bzw. mit Freunden den Schulweg gehen – und ab ca. 8 Jahren allein mit Bus und Bahn in der Stadt unterwegs sein. Sie durfte auch mit Freuden draußen streunen – durch Wald und Park und auch am See.

Ja, ich habe mir Sorgen gemacht. Nein, ich habe sie nicht eingeschränkt.

Mut ist nicht, keine Angst zu haben!
Mut ist, die eigene Angst in die Schranken zu weisen und nicht die Freiheit des Kindes!

Das können gesunde Menschen mit einen starken Willen schon. Das war ich. Wer zu sehr davon beherrscht ist, nicht. Dafür gibt es Profis. Wenn ihr merkt, dass eure Lebensqualität und die Entwicklung eurer Kinder zu sehr von Angstgefühlen beherrscht wird, sucht euch bitte Hilfe.

Wer Ängste besiegen konnte, tut uns allen gut, indem er seine Erfahrungen teilt: Was hilft?

Liebe Grüße,

Béa

 

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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