Wer schreibt macht sich verletzlich. Kann ein verängstigtes Herz schreiben? – Gastbeitrag von Carmela Dentice


Ihr habt den wunderschönen Beitrag von Carmela Dentice hier sehr geschätzt. Heute hat sie eine wunderbare Erinnerung an ihren Mentor aus Jugendtagen geschrieben. Es geht um die Verletzlichkeit, wenn man schreibt.

Seit meiner Schulzeit schreibe ich gerne. Ich war damals immer in unserer Stadtbibliothek um mich dort zu verschanzen und viel zu lesen. Dort habe ich auch meine ersten Texte geschrieben und ich erinnere mich noch genau, wie der Bibliothekar Herr Meerkorn (Name von der Redaktion geändert) eines Tages auf mich zukam und mich fragte was ich denn so eifrig schreiben würde.

Verlegen zeigte ich ihm meine Texte und er lächelte mich wohlwollend an.

Es begann eine Zeit, in der ich jegliches neues Werk Herrn Meerkorn präsentierte und er es mit mir besprach.

Wir saßen dann in der Bibliothek bei Tee und Keksen zusammen und er eröffnete mir eine Welt, die ich bis dato nicht kannte.
Namen von Autoren wurden mir wie ein streng gehütetes Geheimnis anvertraut und ich tauchte ein in die Welt von Khalil Gibran & Rumi, in die Welt der Poesie, in die Welt der Haiku.

Herr Meerkorn sagte mir immer: „Du schreibst nicht mit Deiner Hand sondern mit Deinem Herzen und Deine Sprache ist voller Gefühl.“ Ich war sehr jung, ich wusste nicht was er mir sagen wollte und ich sah das Leben durch eine Brille der Angst, fühlte ich mich doch immer ungenügend. Trotzdem veröffentlichte ich mit der Hilfe einer Lehrerin, die sehr an mich glaubte und Herrn Meerkorn etwas in einer Zeitschrift für junge Nachwuchsautoren.

Eines Tages nahm er mich beiseite und sagte mir fast flüsternd, ob ich denn wisse dass ich mit solchen Texten einen direkten Weg auf mein offenes Herz biete. Dass ich gefasst sein müsste, dass die Menschen mir weh tun könnten. Besonders diejenigen die mir nahe stehen (kritisieren sie doch meistens am härtesten oder unterstützen uns oft nicht mit Hingabe in unserer Unternehmung). Dass es sein würde, als liefe ich ungeschützt und verletzlich umher… durchsichtig wie Glas, dass ein Wort sein könnte wie ein Dolchstoß und ich eventuell zerbrechen könnte.

Ich weiß noch genau, wie ich ihn ansah und unmittelbar feststellte, dass er es mit seiner Sorge ernst meinte.

Das sorgte mich wiederum sehr, so sehr dass ich mich zurückzog und nur noch wenig schrieb. In meiner Angst fühlte ich mittlerweile so etwas wie Sicherheit, war sie mir doch eine der ständigen Begleiter gewesen und wenn sie mir sagte, ich solle lieber nichts veröffentlichen weil ich sonst verletzt werden könnte dann tat ich das.

Ich wollte nicht verletzt werden. Ich wollte keinen Schmerz spüren.

Ich hatte Angst, dass jemand mein Herz trifft, da ich das dumpfe Gefühl verspürte dass es ganz leicht aus dem Takt geraten könnte und dann einfach stehen bleibt. Für immer.

Herr Meerkorn wollte mich nur warnen. Er wusste nur zu gut, wie sensibel ich war und dass ich meinen eigenen Taktstock noch nicht gefunden hatte.

Sprache ist Zauber und wir können Gutes und Schlechtes damit vollbringen, je nachdem auf was für ein Herz wir treffen.
Sprache ist nicht einseitig, die Kommunikation lässt den Zauber oder das Gift entfalten.

Vor ein paar Tagen warnte mich eine liebe Lektorin fast Wort für Wort wie Herr Meerkorn vor.
Auch sie ist besorgt. Nur zu oft hat sie diese Kritiken, hartherzige Menschen erleben müssen und wollte es mir bewußt machen.

Ich dachte an Herr Meerkorn und sagte ihr, dass ich es zu schätzen wissen würde dass sie mich warnt. Dies sei jedoch eine Lektion, die ich lernen müsste, eine Lektion die längst überfällig ist.

Oft sind Menschen wütend, oft reden sie über andere, oft denken sie von anderen, weil sie A oder B tun halten sie sich für etwas besseres, oft sprechen sie den anderen das Recht ab, die Dinge zu tun die sie lieben und diese in Liebe zu tun. Es ist eine hohe Kunst in jedem Moment zu verstehen, dass diesen Menschen oft auch viel abgesprochen wurde, dass sie lange, viel zu lange dazu gezwungen wurden mit der Angst Hand in Hand zu gehen und nicht gesehen haben, dass sie einfach hätten loslassen können. Die Wut wird nach draußen gelenkt, weil ihr innen keinen Raum gelassen wird.

Ich weiß, wir sollten mit anderen nie aus unserer Angst heraus reden, denn damit begrenzen wir sie.

Ich weiß aber auch, dass ein verängstigtes Herz nur den Herzschlag eben dieser kennt und sich darin fast schon sicher wiegt, bis es monoton in eine Art langen Winterschlaf verfällt.

Bis vor kurzer Zeit habe ich es verpasst, aufzuwachen.

Ich dachte, so schlagen Herzen nun einmal bis ich eines sah dass weder der Angst folgte, noch irgendeinem anderen Gefühl. Dieses Herz sprach für sich, es hatte einen eigenen Takt, es hatte keine Begrenzungen, es lebte und tanzte und schlug mal schnell, mal langsam, mal freudig, mal melancholisch. Es sang, es flüsterte, es schwieg und es sprach. Aber es drückte immer etwas aus.

Es nahm das meine und drehte es so wild umher, dass mir schwindelig wurde und auf einmal alles Kopf stand, alles war durcheinander geraten und ich fragte mich, wo nun alles was mich ausmachte hingehörte.

Ich machte mich auf den Weg, lief durch Straßen meiner Erinnerungen, hielt immer inne wenn ich mich in Tränen sah, auf dem Boden, zusammengekauert.

Ich nahm mich in die Arme und sagte mir, es würde alles gut werden.

Ich rannte immer bewusster bis ich nun vor einigen Tagen auf Herrn Meerkorn traf und auf eine sehr kindliche Version von mir.

Ich zeigte den beiden mein Herz und keiner musste etwas sagen, denn jegliche Versteinerung löste sich.

Die Angst ist laut und macht unsere Ohren taub für die Stimme unseres Herzens und verständlicherweise denken wir dann, wir hätten nichts zu sagen.

Wir wenden uns ab und laufen im best case, neben uns her bis wir vielleicht durch Glück, Unglück, Zufall oder Schicksal dazu gezwungen werden ganz bei uns zu sein.

Das ist der Moment, der Dein Leben ändern könnte. Entweder gehst Du nun auf Dich zu oder Du verlässt Dich für immer.
Hör genau hin was Dein Herz Dir sagen möchte, blende alle anderen Stimmen aus, Du wirst (Dich) nicht verlieren.

(in Gedenken an Klaus Meerkorn * April 1947; † Mai 2016)

Und wenn Carmela keine Angst hat, schreibt sie Texte wie hier

Meine Tochter darf Wut und Liebe vereinen – Gastbeitrag von Carmela Dentice

Kennt ihr das?  Wer schreibt macht sich verletzlich? Wen von euch schreibt auch?

Und wer noch mehr von Carmela lesen möchte wird hier Fan: www.facebook.com/prosaista

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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