Auf Aggression ohne Aggression reagieren: Von Schimpfen auf Heulen durch eine Frage


Zu dem Beitrag von mindfulsun zum Thema „Raus aus der Aggressionsfalle“ will ich nur eine kurze Lebenserfahrung mit euch teilen. Weil ich glaube, dass ich damals instinktiv gut auf Aggression reagieren konnte.

Das ganze passierte Jahre her, damals wohnte ich noch nicht, wo ich heute wohne. Ich war nur zu Besuch in meiner jetzigen Straße. Ich fuhr das etwas überdimensionierte Auto meines damaligen Freundes und jetzigen Mannes, ein BMW aus den 90ern, in dem ich mir wie in einem Schlachtschiff vorkam. Ich kam mir nicht nur so vor, es war ein Schlachtschiff!

Dickes Auto, kleine Parklücken… ihr ahnt es vielleicht. Ich quälte mich in eine Prenzlberger Parklücke. So eine, die im 90° Winkel zum Bügensteig ist… also wo die Autos nicht hintereinander gereiht sind, sondern nebeneinander stehen. Naja, als Mensch mit französischen Wurzeln dachte ich mir, ich hätte es meisterhaft angestellt! An jeder Seite waren mindestens 3 cm noch frei und ich hatte vorher brav die Spiegel zugeklappt.

Aber der Zeitgenossin, der das Auto parallel rechts geparkt offensichtlich gehörte, gefielen die wenigen Zentimeter Abstand zwischen den Türen nicht besonders.

„Blöde Kuh, so eine Unverschämtheit, wie soll ich in mein Auto da je wieder einsteigen???“
– brüllte sie mich gleich in voller Lautstärke an.

Ich beschloss, auf Schimpfen gar nicht einzugehen und cool zu bleiben… Also stieg ich aus (so elegant wie es halt geht wenn man durch den Kofferraum eines Kombis raus kraxlen muss), inspizierte die Lage und gab zu bedenken, dass an der Beifahrerseite ihres Autos noch genügend Platz sei.

„Biste total bescheuert oder was???“ – brüllte die Dame noch etwas lauter.
„Ich will an der Fahrerseite einsteigen!“

… und dann kam noch was mit vielen Ausdrücken, die ich hier nicht wiedergeben möchte. Auf jeden Fall dachte ich einen Moment, das Ganze erfüllt mehr als zur Genüge den Tatbestand mehrerer Beleidigungen. Hm. Warum war sie eigentlich so aggressiv, fragte ich mich…

Und anstatt zurück zu brüllen oder irgendeine Schlagfertigkeit auszuteilen, schaute ich sie eingehend an und fragte: „Geht es Ihnen gut?“

Ich fragte einfach. Nicht provokativ, nicht aggressiv, sondern als echte Frage gemeint – und durch Gesichtsausdruck und Tonfall auch so unterstrichen. Ich habe mich wirklich nur erkundigt, ob es ihr gut ginge. Mit Güte. Ohne die Aggression zurückzuspiegeln. Ohne süffisant zu lächeln.

Sie schaute einige Sekunden lang verdutzt. Und dann brach sie in Tränen aus. Nein, es ginge ihr gar nicht gut, schluchzte sie. Ihre Mutter sei vor einigen Tagen gestorben, sie habe  Streit mit einer Freundin… ihr Hund war krank und noch was Gesundheitliches bei ihr war auch ziemlich dramatisch.

Plötzlich hatte ich ein Häufchen Elend vor mir und konnte nicht anders, als sie zu fragen, ob das OK wäre, sie einfach zu umarmen.
Sie seufzte: „Ja!“

Ich hatte da gerade etwas Zeit und lud sie auf einen Kaffee ein und hörte mir an, was ihr alles passiert war. Ich versucht ihr Mut zuzusprechen. Ich war einfach nur eine Halbe Stunde da für einen Mitmenschen.

Am Ende entschuldigte sie sich, dass sie mich so hart angegangen war – und meinte, dass es wirklich kein Problem sei, da durch die Beifahrertür einzusteigen. Sie ist seitdem eine sehr nette Nachbarin und wir begrüßen uns immer nett, wenn wir uns sehen… und ja, es geht ihr besser.

Habt ihr auch solche Momente erlebt?

Liebe Grüße,

Béa

P.S. mindfulsun hat bei Twitter dieses Video geteilt – und ich finde es wunderbar:

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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