Aufsatz versus Referat – und was mich sonst an der Grundschule von heute wundert


Schon vor einiger Zeit erreichte uns diese Nachricht: „Hallo Béa, leicht frustriert, habe ich mir heute Nacht ein paar Gedanken zum Thema Referaten von Grundschülern gemacht und meine Gedanken aufgeschrieben. Vielleicht geht anderen Eltern ähnlich?“

Hier kommt der Gastbeitrag von Sylvia:

Aufsatz versus Referat – und was mich sonst an der Grundschule von heute wundert

Meine Grundschulzeit liegt lange zurück. Wenn ich so darüber nachdenke, mir im Klaren bin, dass dieser Abschnitt meines Lebens im letzten Jahrhundert, ja, sogar Jahrtausend war und dagegen halte, wie sich die Lehrmethoden in dieser Zeit veränderten, frage ich mich oft, was ist oder war besser, beziehungsweise schlechter. Wir lernten zu Anfang Schwingübungen, um dann den Übergang in die Schreibschrift zu finden. Auch unsere Fibel war in Schreibschrift.

Druckschrift mussten wir nie schreiben, lernten sie aber, ab der zweiten Klasse, lesen. Das war ein fließender Übergang, der uns eher leicht fiel. Schreiben mussten wir die Druckschrift nie. Zum Ende der 1. Klasse war also unser Abschnitt des Schreiben lernen abgeschlossen und musste nur noch verfeinert werden. Rechtschreibfehler wurden gleich korrigiert und falsch geschriebene Worte wiederholten wir mehrfach, was sich recht gut in unsere Köpfe einbrannte. So jedenfalls empfinde ich es.

Nicht jeder von uns hatte eine gute Rechtschreibung. Viele haben es heute noch nicht. Und auch das Schriftbild war nicht bei jedem schön. Hat sich das heute verbessert? Meine Kinder haben größere Altersunterschiede, weshalb ich nun auch schon über 20 Jahre beobachte, welch revolutionären Veränderungen es in den Unterrichtsmethoden gibt. Ich bin ehrlich, bei einigen verstehe ich den Sinn nicht.

Warum lernen meine Kinder erst ein fast komplettes Schuljahr Druckschrift schreiben, schwenken dann auf Schreibschrift um – verwenden die Druckschrift also nie wieder – die bis weit in die 2. Klasse gepaukt wird und dürfen Rechtschreibfehler unkorrigiert lassen, bis sich die verkehrten Schreibweisen so routiniert haben, dass jede Korrektur, ab der 3. Klasse, sie völlig verwirrt und verunsichert? Sehr kreative Schreibweisen bin ich also bei meinen Kindern nun gewohnt und schüttle immer wieder den Kopf.

Bin ich denn die Einzige, die sich an der generationsübergreifenden „Rechtschreibschwäche“ unserer Kinder stört?

So kreativ die Kinder also mindestens zwei Schuljahre beim Schreiben sein dürfen, begrenzt sich der Raum für ihr erfinderisches Geschick allerdings wieder, wenn es darum geht, Geschichten selbst zu erfinden. Ich liebte es, Aufsätze schreiben zu dürfen. Ein Grund vielleicht, warum ich mich heute immer noch nicht beim Schreiben kurz fassen kann und beruflich auch ins kreative Schreiben schwenkte. Meine Kinder durften hin und wieder – betont in wenigen Sätzen – eine kurze Bildergeschichte als Hausaufgabe weiter erzählen.

Meine jüngeren Sprösslinge haben jedoch noch nie einen richtigen Aufsatz geschrieben.

Weder mit Vorgabe eines roten Fadens, der sich durch die Geschichte ziehen muss, noch als freies, künstlerisches Werk, das bestenfalls ein Leitthema bekam.

Dafür halten sie, ab der 3. Klasse, regelmäßig Referate.

Und genau die haben es in sich. Zwei meiner jüngeren Töchter sind jetzt in der 5. und 3. Klasse und bei beiden erlebte ich einen eher entsetzten Ausdruck im Gesicht, als sie zum ersten Mal nach Hause kamen, fast panisch erklärten, sie müssten ein Referat zu Thema XYZ ausarbeiten und wüssten eigentlich nicht wirklich, wie das ginge.

Mein erstes Referat hielt ich in der 7. Klasse, nachdem wir zuvor die Theorie paukten. Was ist ein Referat, wozu dient es, wie ist es aufgebaut, etc. Meine Töchter bekamen die Aufgabenstellung „Schreibt ein Referat, von etwa 10 Minuten Länge, über Thema ZYX“.

Nun, ich finde es nicht schlimm, wenn auch wir Eltern gefordert werden, uns einbringen und unser Wissen übermitteln dürfen. Sei es auch nur, um unseren Kindern zu erklären, was ein Referat ist. Aber mich wundert eben, wie die Kurzen da fast ins kalte Wasser geschubst werden und bei beiden Mädchen war ich froh, dass sie nicht die Ersten waren, die ihr Referat vortrugen.

Eben diese Vorreiter, die sich ja wirklich redlich bemühten, als Erste das Referat fertig zu haben, wurden nämlich zur Messlatte. Allerdings, nach unserer Erfahrung, zum tiefsten Punkt auf der Skala. Und da jagt es mir noch immer einen Schauer über den Rücken.

Ein Kind steht nervös vor der Klasse. Es ist der Debütant, aufgeregt, schwitzt…

… seine Stimme ist leise und es hofft, alle Anforderungen zu erfüllen. Danach stellen Schüler und Lehrer Fragen zum Thema und es folgt die Kritik. Anhand Letzterer stürmen dann die übrigen Schüler nach Unterrichtsschluss heim, berichten, dass der Debütant nur eine mittelprächtige Note erhielt und in der Familie bricht Panik aus. Das bereits soweit fertig gestellte Referat wird komplett überarbeitet, denn es soll ja besser werden, als das, was heute in der Schule vorgetragen wurde.

Vor allem die Eltern sind dann die treibende Kraft im Referat.

Sie googeln, um den Kindern mehr Zugang zu Informationen zu verschaffen. Nicht, dass die Kinder das nicht auch teilweise selbst könnten, aber wohl nicht nur ich pflückte meine Töchter vom Laptop weg, als sie nach der Dokumentation zum Thema, gleich noch ein paar Cartoons zur Entspannung hinterher schaute.

Eltern wollen ihre Kinder unterstützen. Sie erklären, wie das Referat aufgebaut sein sollte, helfen Informationen zu sammeln, diese in eine schlüssige Reihenfolge zu bringen und nicht selten schreiben sie den gesamten Text vor, damit ihr Kind es fehlerfrei abschreiben kann. Kommt zum Referat noch der Auftrag, auch eine Collage zu erstellen, sind es, in der Regel, auch die Eltern, die eine Vorauswahl der Bilder treffen, den Ausdruck übernehmen und Anordnungen vorschlagen. Warum machen wir Eltern das, lernen die Kinder daraus? Wahrscheinlich nicht so, wie sie sollten, allerdings haben sie weniger Angst vor der schlechten Note, wenn sie wissen, dass Papa oder Mama, die ja in ihren Augen allwissend sein müssen, eine Mitverantwortung tragen, wenn die Note dann nicht mit Sternchen und Auszeichnung ausfällt.

Sicher, dass unsere Kinder das beste Referat des Jahrgangs abgeben, wünschen wir ihnen am Morgen viel Glück, spucken ihnen sinnbildlich noch über die Schulter und warten nervös auf ihre Rückkehr. Und wehe, der Spross bekam nicht mindestens eine gute 2! Kind frustriert, Eltern stinkig. Schimpfende Mütter und Väter, Unverständnis, was der Lehrer von einem Drittklässler ohne Erfahrungen in Referaten erwartet und beim Junior eine tiefe Traurigkeit, nicht mit Lobeshymnen überschüttet worden zu sein.

Dazu dann noch die Erkenntnis, dass die Note, ohne den einen oder anderen umgesetzten Tipp der Eltern, wahrscheinlich noch schlechter ausgefallen wäre. Ist das so viel besser, als einen Aufsatz zu schreiben, bei dem natürlich auch die Kreativität mit bewertet wird, primär aber die Fähigkeit, Sprache anzuwenden, sich auszudrücken und schlüssige Geschichten zu erzählen?

Ich bin ehrlich, ich verstehe es nicht! Mein Bildungsstand steh dem meiner Kinder nicht nach und ich empfinde es so, dass ich mit weniger Frust, über weniger Umwege lernen konnte. Zu meiner Zeit konnte ich stolz darauf sein, für meine höchst eigene Leistung gut bewertet zu werden oder musste mir eben eingestehen, dass ich noch Defizite hatte, die aufgearbeitet werden wollten. Ich stand nicht verwirrt da, welche Schrift ich nun schreiben musste. Es gab immer nur eine richtige Schreibweise für ein Wort und man benotete nicht, ob und wie meine Eltern mich in den Aufgaben unterstützte.

Aktuell warte ich gerade, dass meine Drittklässlerin von der Schule kommt. Sie hält heute ihr erstes Referat, an dem wir, inklusive der Ferien, über zwei Wochen gearbeitet haben. Wir schauten gemeinsam Dokumentationen, lasen uns durch Artikel, besprachen diese, schrieben Fragen zum Thema auf, die wir dann beantworteten, suchten Bilder raus und standen stundenlang um die Collage herum, auf der wir Bilder tauschten, verschoben und irgendwann dann beide zufrieden mit dem Erscheinungsbild waren. Es hat uns Spaß gemacht, keine Frage. Aber im Hinterkopf waren bei mir auch die Forderungen meiner Tochter, welche Größe die Bilder und Überschriften haben sollten, da Klassenkamerad A zu kleine Fotos hatte, was die Note beeinflusste, Klassenkameradin B hatte dann gleich eine insgesamt sehr kleine Collage, auf einem DIN A Blatt, Kind C hätte mehr Bilder haben sollen,… Dabei gab es über die Größe oder Anzahl der Fotos nicht einmal Vorgaben.

Mein Fazit ist, dass ich persönlich Referate für absolut sinnvoll halte und sie die Zusammenarbeit zwischen Kind und Eltern fördern. Ersetzen können sie den guten alten Aufsatz, der meinen Kindern so gänzlich fremd ist, allerdings nicht.

Durch das Schreiben vieler Aufsätze, habe ich meine Begeisterung für das kreative Schreiben entdeckt und bin meinen beruflichen Weg gegangen. Und genau da liegt doch eigentlich auch das Ziel. Kinder sollen lernen, um sich Grundlagen für einen späteren Beruf zu schaffen. Nicht jeder wird Autor, Mathematiker oder Biologe. Aber ich bin mir ganz sicher, dass kein Beruf erfordert, die Referatstauglichkeit der Eltern zu festigen.

Wie seht ihr das – Aufsatz versus Referat? 

Eure tolla Gastschreiberin,

Sylvia

P.S. Übrigens, meine Tochter hat tatsächlich nur eine 3+ aufs Referat bekommen. Ob ich da wohl in meiner Berufsehre gekränkt war?  Aber ich hatte auch nicht mit einer 2 oder besser gerechnet. Die Lehrerin und ich haben ein, sagen wir mal, etwas feuriges Verhältnis zueinander….

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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4 Kommentare

KMama
Antworten 23. Januar 2018

Dass das feurige Verhältnis von MUTTER und Lehrerin Einfluss auf die Note hat, ist auch abschreckend! Wir haben hier auch sowas und das tut mir für mein Kind ebenfalls sehr leid. Sie hatte im Referat ( das übrigens komplett ohne Elternhilfe in der Schule gemacht, Plakat gebastelt etc. würde) eine 1-, dazu lauter tolle Smileys und die Bitte, das Referat in einer jüngeren Klasse nochmal vorzutragen, denn es war so toll... Aber hey, eine 1+ kann man da trotzdem nicht geben.... und nein, ich finde eine 1- völlig super aber wenn es doch sooooo toll ist, kann die Note es dann auch sein.

Melanie
Antworten 23. Januar 2018

Hallo,
Ich seh es genauso!
Bei uns war/ist es ähnlich. Meine Tochter ist kn der 6. Klasse Gym (NT) und mein Sohn in der 5. Klasse Mittelschule. Und ich bin über jedes neue Schuljahr eigentlich nur geschockt!
Egal wie alt der Lehrer ist oder wie sympathisch... es wird quasi nicht besser!
Lehrer die auf Fragen des Schülers (zum Unterrichtsstoff!) ein "Frag deine Eltern" zu hören bekommen oder offensichtlich PC, PowerPoint, USB-Stick und Drucker Grundausstattung eines Schülers der 5 Klasse ist!
Ich wünsch mir jeden Tag aufs Neue meine Kinder könnten in meiner Schulzeit leben!!!

Effi Löbnau
Antworten 15. Februar 2018

Hallo, ich arbeite in der Bibliothek einer Fachhochschule. Ich bin traurig darüber wie wenig die Studenten vom Recherchieren und Filtern verstehen, aber die Hausarbeit oder Abschlussarbeit darf bestimmt auch in Zukunft nicht nur aus Bildern bestehen. Ich habe Aufsätze gehasst, habe in meinem Studienversuch nicht eine Hausarbeit hinbekommen, aber es ist doch die Synthese aus beiden Fähigkeiten, die einen erfolgreichen Studenten ausmacht. Und wenn es so weitergeht, wird in ein paar Jahren eh jeder Beruf erstmal studiert. Da muss man schreiben könne , sich ausdrücken.
Oh mir graut vor der Schulzeit meiner Maus 😢😨
Lg aus Bremen

Sonja
Antworten 15. April 2018

Schwierig, als Lehrer daauf zu antworten, soll ja kein Aufsatz werden;-) Elternerfahrungen sind immer subjektive Erfahrungen "nur" mit den eigenen Kindern. Lehrer treffen Entscheidungen immer für sehr viele Kinder mit unterschiedlichsten Lernvoraussetzungen, was nie einfach ist. So ist die Schreibschrift für viele Kinder in der 1.Klasse noch zu anspruchsvoll. Zudem ist vieles in jedem Bundesland, bei jedem Lehrer anders. Und nicht alles, was im Ministerium entschieden wird, trifft auf Lehrerzustimmung, sie werden meist gar nicht gefragt (siehe Rechtschreibung). Natürlich werden Aufsätze geschrieben! Und natülich sollte das Erstellen eines Referates im Unterricht erarbeitet werden. Aber wie bei allen Berufen hat auch der Lehrerberuf sein eigenes Fachwissen, Hintergründe, Forschung usw, das nicht Jeder durchblickt. Würde ich den Alltag, die Berufswelt eines Anwalts, eines Bauarbeiters, was auch immer, durchblicken? Nein. Ich kann es hinterfragen, mir Wissen aneignen und v.a. das Gespräch mit einem Fachmann suchen.

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