Das große Ausmisten (Teil 1): Wie viel Spielzeug braucht ein Kind?


Als ich anfing, das Spielzeug in unserem Haus zu reduzieren, waren die Kinder noch klein. Mittlerweile sind sie zwischen 10 und 19 Jahre alt und die Interessen haben sich deutlich geändert. An dem Prinzip „Weniger ist mehr“ halte ich aber immer noch fest.

Angefangen hat das Ganze so:

Als ich zum ersten Mal Mutter wurde, gab ich mein Bestes, alles richtig zu machen. Das war gar nicht so einfach. Ich hatte bis dahin noch überhaupt keine Ahnung von kleinen Kindern, schließlich war ich immer und überall selbst mit Abstand die Jüngste in unserer Familie.

Also las ich diverse Ratgeber über die Entwicklung und Förderung von Babys und Kleinkindern.

Ich hatte ein voll eingerichtetes Babyzimmer samt einem großen Schrank voller Babykleidung, noch bevor das Kind geboren war. Und ich kaufte allerlei Spielzeug aus Holz, Stoff und Plastik für mein Baby, mit dem ich die Entwicklung dieses kleinen, wissenshungrigen Wesens ideal fördern wollte. Ein Zuviel war dabei nie mein Plan. Das passierte einfach so.

Im Laufe des ersten Lebensjahres sammelten sich bereits zwei große Körbe voll mit Spielzeug an.

Autos, Puppen, Kuscheltücher, Steckturm, Motorikschleife, unzählige Pappbücher, Knisterspielzeug, Holz- und Plastikrasseln, Holzbausteine … Bis zum zweiten Geburtstag kamen Knete, Malsachen, Puzzles, Spiele und Puppengeschirr dazu. Das Kind belagerte mit seinem Spielzeug bereits einen ganzen Schrank. Natürlich nicht im Kinderzimmer, sondern in unserem Wohnzimmer. Was nicht reinpasste, stand oben drauf und daneben parkte der Puppenbuggy.

Mein Kind hatte alles, nur kein richtiges Lieblings-Spielzeug.

Es wurde tagtäglich alles rausgekramt, kurz bespielt (oder auch nicht) und am Abend wieder zurückgeräumt. Das war anstrengend und irgendwie nutzlos, weil meine kleine Tochter ihren Tag letztendlich sowieso nur mit ihren Büchern und Malsachen verbrachte.

Dann kam das vierte Weihnachtsfest für meine Tochter.

Am Tag vor Heiligabend schmückten wir gemeinsam den Tannenbaum mit Pfeifenputzer-Wichteln und Ostereiern. Und am Abend saß ich noch stundenlang im Wohnzimmer auf dem Fußboden – im siebten Monat schwanger mit meinem zweiten Kind – packte Geschenke ein und nähte noch last minute aus einem alten, schweren Vorhang einen großen Sack.

Der Tag des 24. Dezember war wie immer vollgepackt mit Hausputz, großem Essen kochen und den letzten Vorbereitungen für eine möglichst besinnliche Bescherung am Nachmittag.

Und mittendrin sollte ich natürlich auch noch das aufgeregte Kind und die angereisten Großeltern bei Laune halten.

Endlich wurde es dunkel. Es klopfte an der Haustür und wir gingen mit unserem Kind hin um nachzuschauen, wer das wohl sein mochte. Vor der Haustür stand niemand. Nur ein großer, herrenloser Sack. Den musste der Weihnachtsmann dort abgestellt haben. Dem kleinen Mädchen funkelten die Augen vor Aufregung und Freude. Endlich durfte es seine Geschenke sehen!

Der Sack war randvoll gefüllt mit Geschenken nur für das dreieinhalb Jahre alte Kind.

Es holte das erste Geschenk heraus, packte es aus, blickte kurz drauf und legte es beiseite. So wiederholte es das Prozedere Päckchen für Päckchen. Nach der Hälfte der Geschenke hatte meine Tochter schon keine Lust mehr und wir mussten sie immer wieder erinnern und ermuntern, doch noch die übrigen Geschenke auszupacken.

Ich sah mir das Schauspiel von Sofa aus an, fix und fertig vom Trubel des Tages, und wollte von all dem am liebsten gar nichts mehr wissen.

In diesem Moment erkannte ich, dass mein Kind all diese Dinge, so gut wir es auch meinten, gar nicht wirklich wollte und auch nicht brauchte.

Ich beschloss, unseren Spielzeug-Vorrat kurzerhand auf ein nötiges Maß zu minimieren.

In den nächsten Tagen machte ich mich daran auszusortieren und nur die Dinge in erreichbarer Nähe zu lassen, von denen ich wusste, dass mein Kind sich mit ihnen beschäftigt. Viel blieb nicht übrig. Ihre Malsachen, ihre Bücher, ein paar Puzzles und der Kassettenrecorder. Alles andere landete kistenweise auf dem Dachboden, blieb dort jahrelang und wurden nie wieder vermisst.

Mit zwei Kindern hatten wir jetzt viel weniger Spielzeug im Haus als zuvor mit nur einem Kind – und es tat uns allen gut.

Ich hatte zwei ausgeglichene Kinder, die sich ausdauernd mit den wenigen Dingen beschäftigen konnten, die ich ihnen anbot, ohne dass ich ständig dabei sein musste. Das verschaffte mir Zeit. Ich konnte meine eigenen Dinge tun, sogar meinen Hobbys nachgehen. Die Kinder saßen dabei, beschäftigten sich selbst und waren zufrieden.

Durch diese Geschichte musste ich ein paar Jahre später noch einmal durch.

Für meinen zweiten Mann, den Vater meiner beiden jüngeren Kinder, sind Konsum und Status untrennbar miteinander verknüpft. Ich konnte ihn nie davon überzeugen, dass weniger wirklich mehr ist. Zudem brachte er eine große Familie mit, die seine Einstellung teilte. Jeder einzelne von ihnen überhäufte die Kinder mit Geschenken, wann immer es sich anbot.

Und noch schlimmer: Sie wollten das von den Kindern unbedingt entsprechend gewürdigt wissen!

Aber so ein jeden erträglichen Rahmen sprengendes Weihnachtsfest gab dann auch ihm zu denken. Wieder einmal gab es Spielzeug im Überfluss. Die Kinder kämpften sich durch Berge von Geschenken, hinter denen der Weihnachtsbaum kaum noch zu sehen war.

Aber DIE Riesenfreude oder gar Dankbarkeit wollte bei den Kindern einfach nicht aufkommen.

Mein damaliger Mann konnte das nicht verstehen und schon gar nicht seinen Unmut darüber verbergen.

Am Ende füllten wir zwei Papiertonnen bis zum Platzen mit Verpackungsmüll nur von diesem einen Abend. Und schließlich hatte ich auch noch damit zu tun, die vielen Geschenke in den Kinderzimmern unterzubringen. Das war einfach nur anstrengend. Und teuer war es obendrein.

Nach diesem Weihnachtsfest zogen wieder Unmengen von Spielzeug auf den Dachboden um und eine einfache Geschenkeregel bei uns ein:

Es gibt für jedes Kind nur ein einziges Geschenk, dafür darf es auch etwas größer ausfallen. So müssen sie sich ernsthaft Gedanken darüber machen, was sie sich wirklich wünschen. Und wer etwas beisteuern möchte, der gibt zu den Wünschen der Kinder einen Taler dazu.

Diese Regel war schnell von allen akzeptiert und bewährt sich bis heute.

Die Kinder wissen zwar immer schon vorher, welches Geschenk auf sie wartet, aber sie freuen sich trotzdem immer riesig drauf und nehmen sich dann auch ganz viel Zeit für ihre neuen Errungenschaften, denn sie haben sich wirklich Gedanken gemacht. Das, was sie sich wünschen, sind echte Wünsche.

Natürlich sammelt sich auch jetzt noch mit der Zeit immer mal wieder Einiges in den Kinderzimmern an.

Das ist aber nicht mehr erschlagend viel. Wenn die Mädchen keine Lust mehr auf Loom Bands oder Aqua Beeds oder Top Model Bücher haben und Juniors Playmobil auch schon lange nicht mehr aus der Kiste hervorgeholt wurde, dann wird einfach mal wieder geschaut, was die Kinder noch brauchen. Womit sie sich zurzeit wirklich beschäftigen, das darf bleiben. Der Rest wird aussortiert und oft sogar gleich ganz entsorgt.

Dieses Ausmisten kann man übrigens auch wunderbar auf alle möglichen anderen Lebensbereiche ausweiten:

Mehr Platz in der Küche, mehr Platz im Kleiderschrank, mehr Platz im Badezimmer. Weniger Technik im Wohnzimmer. Wie oft kaufen wir zu viele Lebensmittel, die dann doch nicht gegessen werden, Gegenstände und Pflegeprodukte, die nicht genutzt werden, oder ein Kleidungsstück, das nach Jahren immer noch sein Originaletikett trägt?

Achtet beim nächsten Einkauf mal drauf. Vielleicht können wir unseren Kindern dabei auch gleich einen bewussteren Umgang mit unseren Ressourcen vorleben… versteht ihr, was ich meine?

Wie viel Spielzeug braucht euer Kind?

Liebe Grüße

Eure Doro

P.S. Ich habe noch mehr Gedanken zu Thema. Teil 2 ist schon in der Mache!

Doro
About me

Vom Stadtkind zur Landmama. Heimwerkerin und Basteltante, Bücherratte und Bilderdenkerin. Gnadenloser Optimist. Nachteule und Langschläfer. Immer neue Flausen im Kopf. Single-Mom in einem 4-Kinder-Haus und Vollzeit im Beruf. Büroflüchtling, wann immer ich kann. Verliebt in den Himmel und die Magie von Büchern ... Und irgendwann schreibe ich selbst ein Buch.

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