Die Hierarchie vom WAS und WIE und WARUM des Lernens – Gastbeitrag einer angehenden Lehrerin


Larissa Krull ist angehende Lehrerin – sie studiert Lehramt für Gymnasium und Gesamtschule im 7. Semester in Münster. Und sie wünscht sich, dazu beizutragen, das Bildungssystem zu verändern… Sie hat hier einen Gastbeitrag für euch verfasst:

Die Hierarchie vom WAS und WIE und WARUM des Lernens
Die W-Fragen einer angehenden Lehrerin an die Schule

Ich behaupte mal, eine WAS-Frage zu stellen ist relativ risikoarm. Wir machen es dauernd: Was hast du am Wochenende gemacht? Was arbeitest du? Was kochst du, was guckst du, was schenkst du Oma zum Geburtstag?


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Nach dem WIE zu Fragen, ist schon ein bisschen persönlicher. Dafür braucht es echtes Interesse! Wie geht es dir? Wie kann ich dir eine Freude machen? Wie schaffst du es, so früh aufzustehen?

Die Frage nach dem WARUM ist dann aber wirklich next level. Warum bist du glücklich? Warum magst du den Sommer? Warum hasst du saure Gurken und warum bist du Zahnarzt geworden? Klare Sache, wir lieben Fragen mit denen man nicht viel falsch machen kann. Ist ja auch logisch, keiner tritt gerne in Fettnäpfchen. Nach Gefühlen zu fragen, ist allerdings schon schwieriger. Ganz zu schweigen von den Dingen die uns motivieren und lebendig machen.

Interessanterweise findet sich die Vorliebe für das WAS in ganz unterschiedlichen Settings wieder. So auch in der Schule.

Wenn wir davon reden wie Unterricht strukturiert wird, dann geht es meist um Inhalte, um den „Stoff“, um Grundlagen und Fachliches. Ich studiere Geographie, da ist es dann die Landwirtschaft, der Klimawandel, Stadtstrukturen oder Plattentektonik – schließlich werden die Lehrpläne in Themenfeldern strukturiert. Inhalte lassen sich wunderbar clustern, in Inhaltsverzeichnissen auflisten, es gibt Überthemen, Unterthemen, Exkurse… Die gute deutsche Ordnung.

Dass wir einem Rahmen brauchen um erfolgreich zu lernen, ist keine Frage. Aber ist nicht ein Rahmen dafür da, ein Bild zu umranden und nicht sich selbst in Szene zu setzten?

Ich stelle gerne Fragen.
Wenn man ein paar W-Fragewörter nimmt, dann hat man schon einige zusammen!

Wenn ich die aber an das Bildungssystem stelle, blühen nur ganz wenige auf. Erfahrungsgemäß werden dann eher lange Reden geschwungen, die irgendwas mit Bildungsidealen, kulturellem Erbe und Erhalt, aber nicht unbedingt mit meiner Frage zu tun haben. Fast so als wolle man etwas beschützen.

Seien wir mal ehrlich, das WIE des Lernens ist jetzt ja nun wirklich nicht neu.

Ist doch ganz einfach, wird mir dann gesagt, es gibt Gruppenarbeit und Stationenlernen, es gibt Lese-Tandems, Rollenspiele, Referate und Projektarbeit. Da sind wirklich viele tolle Methoden dabei, die das Lernen inklusiver und individueller machen.

Und doch ist das WIE noch viel mehr! Von Lernstrategien, Selbstmotivation, selbstreguliertem Lernen und Zeitmanagement – Kurzum:

Wie kann ich das Lernen lernen?

Wie kann es effektiv werden und mir Spaß machen zugleich? Wann lerne ich gut? Und was brauche ich dafür? Wenn das WIE individuell entschieden werden kann, dann wird der Weg zum Lernziel spannend und im eigenen Tempo beschritten.


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Es hat mich wirklich umgetrieben in der Oberstufe meine Stunden abzusitzen, ohne dass mir jemand den Zweck von Matheunterricht erklären konnte. Die Sache ist die: Ein Fach, welches weder meine Stärken aktiviert noch meine Interessen weckt und dann aber ganze sechs Stunden meiner Woche einfordert, sollte für das WARUM schon einen verdammt guten Grund haben.

Antworten wie: „Ja, das brauchst du halt fürs Leben“ oder „Später in der Uni wird es dich retten, du wirst schon sehen!“ haben mir einfach nicht gereicht. Und sich bislang auch nicht bewahrheitet.

Mit dem WAS kennen wir uns gut aus. Und das ist auch gut so! Aber auch jetzt in der Lehrerausbildung merke ich das Ungleichgewicht.

Die Themen stehen fest, und schauen wir mal wieso die relevant sind. Und nicht: Was ist denn jetzt gerade relevant für die Schülerinnen und Schüler? Der klare Fokus liegt auf den Inhalten. Darüber schreibe ich meine Klausuren, meine Hausarbeiten, halte meine Präsentationen, meine Protokolle, ja ich studiere das Fach, mit all seinen Inhalten, denn wir müssen ja schauen, dass das Fachliche sitzt. Mein Appell ist nicht, das WAS hinten runter fallen zu lassen. Dafür sind Dinge wie Vulkanausbrüche, Weltkriege, Neuro und fliegende Asteroide viel zu spannend!

Vielmehr geht es mir um die Hierarchie:

Wer sagt eigentlich, dass das WAS wichtiger ist als das WIE? Oder das WARUM?

In den Zeiten der Digitalisierung dürfte eigentlich jedem und jeder klar geworden sein, dass die Welt komplexer wird. Da gibt es oftmals nicht DIE eine Lösung, oder DEN einen Weg.

Vielmehr sind Menschen gebraucht, die es gelernt haben, zusammen zu arbeiten!

Die vor Veränderung keine Angst haben, sondern neugierig werden. Die kreativ denken, eigenverantwortlich arbeiten können, sich ihrer Stärken bewusst sind, und mitmischen! Und die die Frage nach dem WIE und WARUM stellen und mit dem WAS auf eine Stufe bringen.

Was das jetzt mit Schule zu tun hat? Wenn mir das WARUM Antrieb gibt, durchzuhalten, und ich im WIE mitbestimmen darf, dann werden schonmal zwei zentrale Aspekte im Schulkontext angegangen: Die Motivation und Eigenverantwortung.

Es ist wirklich Zeit, die alte Schule neu zu denken.

Die Welt hat sich verändert, wir haben uns verändert! Wir brauchen keine Massen die gleich ticken und auf Wettbewerb getrimmt sind.

Nein – wir brauchen individuelle, starke Persönlichkeiten, die Experten auf ihrem Fachgebiet sind, und Hand in Hand zusammenarbeiten.

So schreibt Larissa!

Und hier kommt eine Frage von Béa: Habt ihr vielleicht konkrete Geschichten von Lehrkräften, Pädagogen und Menschen im Bildungssystem, die Bildung neu leben? Wir suchen sie… 

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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